Mit 70 will Burkhart Braunbehrens es nochmal wissen

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Waffenhandel : Die Panzerfamilie
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Die Familie. Burkhart Braunbehrens seufzt. „Der Familie wäre sicher angenehmer, wenn sie das Thema nicht hätte.“ Die Lieferung nach Saudi-Arabien habe niemand gutgeheißen. Auch habe man oft überlegt, wie sich die Firma auf zivile Produkte verlegen könne. Ob und wie man „das Ding“ loswerden könne.

Braunbehrens betritt ein Hinterzimmer des Café Einstein Unter den Linden. Wochentags wird hier Politik gemacht, jetzt ist es leer. Braunbehrens’ Handy klingelt. Sein Sohn ist dran, Student in Berlin, er will ihn treffen. Die Frage ist wo? Burkhart Braunbehrens fragt, was „am relaxesten“ sei, ruft „Okidok!“ ins Telefon. Seine Stimme wird weich, man merkt, wie wichtig ihm die Familie ist.

Er selbst ist, wie sein Bruder Volkmar, von der Studentenbewegung geprägt. Er studierte Wirtschaft, Philosophie und Soziologie, verteilte vor Fabriken Flugblätter, war Chefredakteur der „Kommunistischen Volkszeitung“. 1968 demonstrierte er in Heidelberg. Es ging gegen den Vietnamkrieg und gegen den US-Politiker Robert McNamara, Braunbehrens nennt ihn „Kriegsminister“. Polizei und Studenten gerieten aneinander, Braunbehrens und fünf andere kamen vor Gericht. „Wir haben die Richter gut verarscht“, sagt Braunbehrens, es klingt stolz. Unter den Verteidigern: Otto Schily, der spätere Bundesinnenminister. Braunbehrens wurde verurteilt, saß sechs Monate in der JVA Ludwigsburg. Dort machte er eine Buchbinderlehre, sein Gesellenstück: die Schriften Maos in grünem Einband mit roter Schrift. Braunbehrens sagt, er wolle „die Zeit nicht missen“. Er sei ja nicht „als Verbrecher im Knast gesessen, sondern als Überzeugungstäter“. Weil er gegen den Krieg demonstriert hatte, weil er auf der richtigen Seite stand.

Wird man so, weil man von einem Erbe belastet ist, oder ist es das Erbe, das solche Lebensläufe ermöglicht?

Die Spurensuche führt zum Vater. Hans von Braunbehrens, 1901 in eine Juristenfamilie hineingeboren. Er arbeitete als Radiologe an der Universität Freiburg, später war er Professor in München. Ein umtriebiger Mann, der sein Geld in Industrieunternehmen steckte, mit 70 trat er noch auf Aktionärsversammlungen auf. Aber es finden sich über ihn auch Dokumente im Universitätsarchiv Freiburg, die Entnazifizierungsakte. Aus ihr geht hervor: Hans von Braunbehrens, der Mediziner, war Oberscharführer bei der SS. Ein höherer Rang. Eingetreten ist er 1933, „aus idealistischer Einstellung heraus“, wie es in der Akte heißt.

Die Braunbehrens’, wird einem klar, sind eine sehr deutsche Familie.

Sehr deutsch kommt einem auch dieses Durcheinander von moralischen Standpunkten vor. Burkhart Braunbehrens ist dagegen, Leopard-Panzer an Saudi-Arabien zu liefern. Aber er ist auch dagegen, wie hierzulande über Waffen geredet wird. „Das ist Wohlstandspazifismus und der Tatsache geschuldet“, sagt er, „dass wir seit 60 Jahren in Frieden leben dürfen. Ein Land wie Deutschland kann sich nicht bei von der Uno beschlossenen Friedensmissionen einfach raushalten, sondern muss sich zivil und militärisch beteiligen. Dafür braucht es Rüstungstechnologie.“

Gerade sei er in Mannheim bei einem Denkmal für Deserteure des Zweiten Weltkriegs gewesen, erzählt Braunbehrens, darauf stand: „Jeder Krieg ist ein verlorener Krieg.“ Der Spruch sei falsch, sagt Braunbehrens. „Man muss glauben, dass es eine Welt ohne Waffen geben kann. Aber man darf nicht glauben, dass man sich raushalten kann.“

Mit Ende 60 wollte es Braunbehrens noch mal wissen. Er ließ sich ins Kontrollgremium der Firma wählen, weil „man so ein Ding nicht erben kann, ohne Verantwortung zu tragen“. Endlich mitreden wollte er, das richtige Leben im falschen versuchen. Zu dritt saßen sie dort, zwei Manager und er, der Künstler. Er besuchte Konferenzen, traf Politiker und Soldaten. Er habe Studien zur Zukunft der Rüstungsindustrie gewälzt und darauf hingewiesen, „dass die Gesellschafter grundsätzliche moralische Probleme haben“. Geändert habe das nichts.

Braunbehrens redet jetzt im Café schnell und viel. Manchmal wirkt er, als wolle er seine Absolution herbeireden. Ein Erbe, das man nicht verkaufen könne, sei „eine moralische Erpressung“, sagt Braunbehrens. Und es herschenken „an die, die das Geschäft betreiben wollen“, sei kein verantwortlicher Umgang damit. Braunbehrens sagt, die Familie dringe in der Waffenfirma ebenso wenig durch wie die Öffentlichkeit. Von den Geschäften mit Saudi-Arabien habe er, wie alle Gesellschafter, aus der Zeitung erfahren. Als er die Firma dafür kritisierte und nicht damit aufhörte, warf man ihn aus dem Gesellschaftsrat. Jetzt will er zumindest in der Öffentlichkeit mitreden.

Ob die Familie wirklich so gar nichts mitbekommt? Jan van Aken, der Abgeordnete, hält das für unwahrscheinlich, es gebe Geschäftsberichte. „Ich glaube, die Familie fragt nicht nach, deswegen weiß sie nichts.“ Die Braunbehrens’ wären nicht die erste Familie, die das, was sie ausmacht, nicht wahrhaben will.

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