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Waffenruhe im Gazastreifen : Israel schickt 27.000 Reservisten nach Hause

Die Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas scheint weiter zu halten. Israel hat 27.000 Reservisten bereits wieder nach Hause geschickt, die Lage bleibt aber angespannt.

Die ersten Bewohner des Gazastreifens kehren in ihre Häuser zurück, wenn sie denn noch stehen.
Die ersten Bewohner des Gazastreifens kehren in ihre Häuser zurück, wenn sie denn noch stehen.Foto: Reuters

Eine von Ägypten vermittelte Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas ist bis zum Mittwochmittag offensichtlich eingehalten worden. Ägypten habe vorgeschlagen, angesichts der Fortschritte bei den Verhandlungen in Kairo die dreitägige Feuerpause um zwei Tage zu verlängern, berichtete das israelische Onlineportal „Ynet“ unter Berufung auf einen libanesischen Fernsehsender. Nach vier Wochen Gaza-Krieg hatte am Dienstagmorgen die Waffenruhe begonnen.

Mitglieder der israelischen Delegation, die am Dienstagabend in Kairo eingetroffen war, haben bereits an früheren Verhandlungen über Waffenruhen in der ägyptischen Hauptstadt teilgenommen, berichteten israelische Medien am frühen Mittwochmorgen. Auch der Chef des israelischen Inlandsgeheimdienstes Shin Bet sei vor Ort. Die israelischen Vertreter werden sich mit ägyptischen Vertretern treffen, die die indirekten Verhandlungen zwischen Israel und den Palästinensern führen. Ziel ist es, einen Rahmen für eine dauerhafte Waffenruhe auszuhandeln. Unterdessen hat Israel am zweiten Tag der Waffenruhe rund 27 000 Reservisten wieder nach Hause geschickt. Eine Armeesprecherin in Tel Aviv bestätigte am Mittwoch, es seien nun noch
55 000 Reservisten im Einsatz. Insgesamt hatte Israel nach Armeeangaben für die vor einem Monat begonnene Offensive 82 000 Reservisten mobilisiert.

Die Ermordung von drei israelischen Jugendlichen im Juni im Westjordanland und eines 16-jährigen Arabers bei Jerusalem kurz darauf hatte die sowieso angespannte Lage im Gazastreifen weiter aufgewühlt. Im Juli entschied sich die israelische Armee zur Militäroperation. Im Fall der getöteten Israelis ist ein verdächtiger Palästinenser aus Hebron bereits vor drei Wochen gefasst worden, meldete die israelische Nachrichtenseite „ynet“ am Dienstag nach Aufhebung einer Nachrichtensperre.

Er habe demnach versucht, mit gefälschten Papieren nach Jordanien zu fliehen. Hussam Kawasme habe während eines Verhörs gestanden, der Kopf der Gruppe gewesen zu sein. Seine mutmaßlichen Komplizen, Marwan Kawasme und Omar Abu Ajschah, seien auf der Flucht. Die Festnahme von Kawasme stellt für Israel einen Verhandlungsvorteil da, ihm sollen Kontakte zur Hamas nachgewiesen worden sein. In Kairo wollen die israelischen Unterhändler damit beweisen, dass die Hamas den Krieg ausgelöst hat.

USA sitzen auch am Verhandlungstisch

Die USA werden nach Angaben der Regierung in Washington vermutlich an geplanten Gesprächen in Kairo über eine dauerhafte Nahost-Waffenruhe teilnehmen. Das sagte Außenamtssprecherin Jen Psaki am Dienstag in Washington. Man müsse aber noch entscheiden, „auf welcher Ebene, in welcher Funktion und wann“ eine US-Delegation dabei sein werde. Man sei mit Israel und Ägypten darüber im Gespräch.
US-Außenminister John Kerry sagte dem britischen Fernsehsender BBC, die Gespräche in Kairo müssten Wegbereiter für breiter angelegte Verhandlungen in Richtung auf eine Zwei-Staaten-Lösung sein, um einen dauerhaften Frieden in der Region zu sichern.

Ein Junge spielt im südisraelischen Ashkelon in einem Bombenbunker. In den letzten Wochen flogen täglich dutzende Raketen auf Israel. Seit Dienstag hält die Feuerpause.
Ein Junge spielt im südisraelischen Ashkelon in einem Bombenbunker. In den letzten Wochen flogen täglich dutzende Raketen auf...Foto: Reuters


„Ich hoffe, dass es gelingt, die Feuerpause zu verlängern und verstetigen, damit das unendliche Leid der Zivilbevölkerung endlich ein Ende hat“, erklärte Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) in Berlin. „Die Bilder der vielen getöteten und verletzten Kinder sollten ein Weckruf für alle sein.“ Auch UN-Generalsekretär Ban Ki Moon begrüßte die Vereinbarung der Feuerpause.
Die einen Monat dauernde Offensive Israels hat im Gazastreifen schwere Zerstörungen hinterlassen. 65 000 Menschen haben nach UN-Angaben keine Bleibe mehr. Rettungskräfte begannen am Dienstag damit, Leichen aus Trümmerbergen zu bergen.

Der palästinensische Außenminister Riad Malki traf sich mit Fatou Bensouda, Chefanklägerin beim internationalen Strafgerichtshof in Den Haag, um Möglichkeiten einer Anklage Israels wegen Kriegsverbrechen im Gaza-Krieg zu erörtern. Er kündigte an, dass Palästina noch in diesem Jahr die Mitgliedschaft beim Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) beantragen werde.

Nach Beginn der Waffenruhe strömten viele Bewohner des Gazastreifens zurück in ihre Wohnviertel. „Die Menschen beginnen, die UN-Schutzräume zu verlassen“, sagte der Sprecher des UN-Palästinenserhilfswerks UNRWA, Chris Gunness. Mit 267 970 Flüchtlingen in 90 UN-Schutzräumen sei „zum ersten Mal ein leichter Rückgang der Zahlen“ zu verzeichnen. Humanitäre Einrichtungen wollen nun die Versorgung notleidender Palästinenser verbessern.

Sind die Kriegsziele Israels erfüllt worden?

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu begrüßte die Zerstörung von 32 Hamas-Tunneln im Grenzgebiet. „Es gibt keine hundertprozentige Erfolgsgarantie, aber wir haben alles getan, um das bestmögliche Resultat zu erzielen.“ Wenige Minuten vor der offiziellen Waffenruhe feuerten militante Palästinenser noch etwa 20 Raketen auf israelische Städte wie Jerusalem, Beerscheva und Aschdod ab. Der militärische Arm der Hamas teilte mit, seine Kämpfer hätten damit Rache für Israels „Massaker“ im Gazastreifen üben wollen.

Nach palästinensischen Angaben reagierte Israel mit Luftangriffen in Gaza und in Chan Junis. Nach den Worten des israelischen Regierungssprechers Mark Regev entsprechen die Bedingungen der aktuellen Feuerpause jenen, die Ägypten bereits vor drei Wochen vorgelegt hatte. Die im Gazastreifen herrschende Hamas lehnte sie damals mit der Begründung ab, dass die Blockade des Gazastreifens durch Israel und Ägypten nicht aufgehoben werde.


Armeesprecher Peter Lerner sagte, Israel werde weiter auf Angriffe reagieren. „Wir werden Verteidigungspositionen aufrechterhalten.“ Die Bodenoffensive hatte am 17. Juli begonnen; zuvor waren Ziele aus der Luft angegriffen worden. Insgesamt habe die Armee seit dem 8. Juli 4800 Ziele in dem Palästinensergebiet angegriffen, sagte Lerner. Bei Kämpfen und Luftangriffen seien rund 900 militante Palästinenser getötet worden.
Nach UN-Angaben waren acht von zehn toten Palästinensern Zivilisten.

UN-Sicherheitsrat diskutiert über Resolution

Insgesamt kamen nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums mehr als 1860 Menschen ums Leben, knapp 10 000 wurden verletzt. Auf israelischer Seite starben 64 Soldaten und drei Zivilisten. Rund 100 verletzte Soldaten werden noch in Krankenhäusern behandelt. Viele Palästinenser im Gazastreifen kehrten derweil in ihre Häuser zurück. In den zerbombten Wohngebieten suchen sie nach letzten Habseligkeiten. Eine Geberkonferenz für den Wiederaufbau wird auf internationaler Ebene diskutiert.
Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen könnte darüber hinaus noch in dieser Woche über eine Resolution zum Gaza-Konflikt entscheiden. „Wir diskutieren gerade auf Fachebene über das Papier“, sagte Großbritanniens UN-Botschafter Mark Lyall Grant, der den Rat in diesem Monat führt, in New York. (dpa/tsp)


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