Politik : Waffenspionage: Stasi bespitzelte Rüstungsindustrie

Jürgen Schreiber

Die DDR-Staatssicherheit hat in großem Stil westdeutsche Rüstungsbetriebe abgehört. Nach Informationen des Tagesspiegel belauschte die für die "Kontrolle und Überwachung von Funknetzen und Nachrichtenverbindungen der Nato-Staaten" zuständige Hauptabteilung III flächendeckend den "militärisch-industriellen Komplex der BRD", wie die Sparte in streng geheimen Dossiers genannt wird.

Am 14. August 1986 listete die Stasi über 40 westdeutsche Unternehmen auf, "zu denen Erkenntnisse über die Beteiligung am SDI-Programm vorliegen", dem US-Weltraumrüstungsprogramm - laut Experten ist das die erste Zusammenstellung dieser Art überhaupt. Nach dem jetzt bei der Gauck-Behörde gefundenen Dokument stand ein Teil der verzeichneten West-Betriebe "bereits" unter Zielkontrolle, "die übrigen werden noch unter Zielkontrolle gestellt", was ständige Telefonüberwachung bedeutete.

Das fünfseitige Papier beginnt mit der Firma "Schott Glaswerke Mainz", mit dem Zusatz versehen: "Konstruktion von 70 cm-Spiegeln", Vertragsabschluß laut Stasi 1985 mit dem "USAF Weapons Lab.". Carl Zeiss Oberkochen taucht in dem Konvolut mit dem Vermerk auf: "Großglasblock zur Herstellung eines 4,2 m Spiegels in den USA"; in der Rubrik "Art und Umfang der Beteiligung an SDI" steht ergänzend: "Kontakte zur SDIO bezüglich dieses Auftrages für 1986 in Höhe von 300 000 US-Dollar."

Mielkes Lauscher führen für MAN München unter dem Stichwort "Produktionsprofil bzw. mögliche SDI-Kooperationsbereiche" zum Beispiel "Strukturelemente für Großspiegel aus kohlefaserverstärktem Kunststoff" an, ferner "Präzisionskomponenten für Weltraumraketen". Bei der Nennung von MBB Ottobrunn heißt es unter anderem: "Bildung einer eigenen Zentralabteilung für SDI-Vorschläge." Die Dornier Systems GmbH taucht mit "Instrumentenfeineinrichtungssysteme" auf. AEG Telefunken, von den Stasi-Lauschern in Frankfurt und West-Berlin angezapft, ist mit "militärischer Elektronik" und "Signalverarbeitungsystemen" aufgeführt. Originalton Stasi: "Gute Zusammenarbeit mit Hughes Aircraft Corp., könnte nach US-Auffassung an Gemeinschaftsprojekten mitarbeiten."

Die Ost-Berliner Schnüffler notieren für die BASF Ludwigshafen: "Soll über amerikanische Tochtergesellschaft Calanese bereits an SDI beteiligt sein." Krupp Atlas Elektronik mit Sitz in Bremen könnte "nach amerikanischen Auffassungen Ausrüstungen für spezielle Simulationen und Displays liefern". Die Deutsche Versuchsanstalt für Luft-und Raumfahrt: "Datenaustausch-Abkommen mit den USA über Hochenergielaser". Zu Siemens, zeitweise in "18 Dossiers" bearbeitet, wird notiert: "Soll Zugang zu US-Regierung besitzen." Und: "Strebt möglichst komplexe Beteiligung an". Die Krauss-Maffei AG sei "bei Bedarf nach amerikanischer Auffassung erster Kandidat aus BRD für Luftverteidigungssysteme". MTU Friedrichshafen könnte "Konkurrent für US-Firmen werden".

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