Wahl : Das neue Europagefühl

Die meisten Bürger finden die EU gut – zur Wahl wollen aber nur wenige gehen

Stefan Beutelsbacher[Paris]

Noch nie haben die Europäer die EU so sehr gemocht wie heute – doch nur eine Minderheit will am 7. Juni zur Parlamentswahl gehen. So lautet das paradoxe Ergebnis einer Umfrage, die am Montagabend in Paris vorgestellt wurde. Marktforscher des Instituts TNS hatten im Auftrag der französischen Denkfabrik Fondation pour l’innovation politique mehr als 15 000 Menschen in allen 27 EU-Ländern befragt – eine Erhebung dieser Größenordnung gab es bislang noch nicht.

„Es entsteht gerade ein ganz neues Europagefühl“, kommentierte Dominique Reynié, Chef des Pariser Thinktanks, das Resultat. Die große Überraschung der Erhebung: Der Staat mit den meisten EU-Befürwortern ist Irland – ausgerechnet jenes Land, dessen Bürger im Juni vergangenen Jahres noch den Reformvertrag ablehnten und so die Union in eine tiefe Krise stürzten. Dass 72 Prozent der Iren die Staatengemeinschaft jetzt gut finden, ist nach Meinung von Experten eine Reaktion auf die Finanzkrise: „Sie begreifen die EU nun als einen Schutzschirm“, sagte Roland Freudenstein, Forschungsdirektor des Brüsseler Zentrums für Europastudien. Ausschlaggebend sei auch, dass es derzeit keine aggressive Nein- Kampagne gebe wie noch im vergangenen Jahr.

In direkter Nachbarschaft zu den europafreundlichen Iren leben die größten Europaskeptiker: Es sind die Briten, von denen nur 22 Prozent die EU für eine gute Sache halten. „Dass beide auf einer Insel wohnen, taugt also nicht länger als Erklärung für ihre Haltung gegenüber Europa“, sagte Reynié. Sein deutscher Kollege Freudenstein führte das auf den ersten Blick widersprüchliche Ergebnis auf die Selbstwahrnehmung der Briten zurück: „Sie sehen sich im Gegensatz zu den Iren als eine starke Nation, die ihre Probleme alleine meistern kann.“

Nach Irland ist Deutschland das Land mit den meisten Pro-Europäern, nämlich 70 Prozent. Europaweit sieht es deutlich mehr als die Hälfte der Bürger als Vorteil an, dass ihr Land Mitglied der EU ist, nur 17 Prozent empfinden die Gemeinschaft als Bedrohung. In keinem Staat aber überwiegen die Europagegner. „Wir haben einen Konsens unter allen Menschen in allen Ländern, dass die europäische Idee etwas Großartiges ist“, sagte der französische Bildungsminister Xavier Darcos.

Spektakulär hoch ist die Zustimmung unter jungen Leuten – aber gerade die 18- bis 24-Jährigen interessieren sich am wenigsten für die bevorstehende Europawahl. Es fehlen die Gesichter und der Streit zwischen den Parteien, sagte Freudenstein: „In Brüssel herrscht zu viel Konsens.“ Die jungen Leute fühlten sich zudem von der Union im Alltag nicht berührt und hätten den Eindruck, ihre Stimme ginge in dem vermeintlich bürokratischen Monster EU unter.

Und doch wünschen sie sich, dass die Brüsseler Behörden in Zukunft mehr Aufgaben übernehmen, vor allem in den Bereichen Bildung und Umweltschutz. Sie glauben, die EU habe dem Kontinent Frieden und Wohlstand gebracht und vertrauen den europäischen Institutionen sogar mehr als ihren nationalen. Allerdings wissen sie meist wenig über den komplizierten Aufbau der Organisation.

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