Wahl der neuen Parteispitze : Linke verlieren sich in Flügelkämpfen

Stand die Linke an diesem Wochenende womöglich vor der Spaltung? Der Richtungsstreit zwischen den starken Männern Gysi und Lafontaine brach beim Göttinger Parteitag offen aus. Am Ende stand doch ein Kompromiss, aber was für einer.

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Führungskrise. Die Linke gibt sich in Göttingen erneut eine schwache Spitze mit Katja Kipping (rechts) und Bernd Riexinger (Mitte). Der ist Lafontaines Kandidat.Foto: Reuters
Führungskrise. Die Linke gibt sich in Göttingen erneut eine schwache Spitze mit Katja Kipping (rechts) und Bernd Riexinger...Foto: REUTERS

Er will dieses Bild, dieses Bild mit Sahra Wagenknecht, es ist für Dietmar Bartsch ein letzter Versuch der Versöhnung, bevor sich seine und ihre Partei, die Linke, in den Krieg stürzt.

Bartsch, der Mann aus Vorpommern, langjähriger Geschäftsführer von PDS und Linkspartei, steuert auf die Genossin zu am Freitagabend beim Empfang in der Lokhalle neben dem Göttinger Hauptbahnhof. Wagenknecht steht gleich neben dem Buffet mit Zitronengras-Currysuppe, Gurken-Schmandsalat und Saltimbocca. Die frühere Wortführerin der Kommunistischen Plattform, später aufgestiegen zur Vizechefin von Partei und Fraktion, und nun auch Lebensgefährtin Oskar Lafontaines, hat wie Bartsch das Zeug, die Linke zu führen. Bartsch reicht Wagenknecht die Hand, sie nimmt sie mit Widerwillen. Man solle doch sehen, meint er stur, „dass wir uns nicht an die Gurgel gehen“. Wagenknecht entgegnet kühl: „So weit ist es noch nicht.“ Dann wendet sie sich ab.

So fängt er an, der Parteitag der Linken, an dessen Ende weder Wagenknecht noch Bartsch Vorsitzende sein werden, sondern ein Gewerkschaftsfunktionär aus Stuttgart, den bis Mitte vergangener Woche niemand für das Amt vorgesehen hatte, und eine junge, etwas ungestüme Mutter aus Dresden. Die Partei wird schließlich uneiniger wirken denn je. Aber der Reihe nach.

Es ist dies kein ganz gewöhnlicher Parteitag. Die Linke ist nach Wahlniederlagen in Serie aufgewühlt, Parteigründer Gregor Gysi, Vorsitzender der Bundestagsfraktion, hat unmittelbar vor dem Konvent einer drohenden Spaltung das Wort geredet. Wobei die Bruchlinien vor allem zwischen Ost und West verlaufen. Aber auch zwischen so genannten Reformern, die Regierungsbeteiligungen anstreben, und linksorthodoxen Sektierern, zwischen Gewerkschaftlern und Ex-SEDlern. Sicher ist nur, dass die Linke zwei Vorsitzende braucht, mindestens eine Frau muss der Satzung halber dabei sein.

Emissäre aller Lager sind an diesem Wochenende nicht nur im Saal des Veranstaltungszentrums Lokhalle selbst unterwegs, einem Industriedenkmal von 1920, in dem noch bis 1976 Eisenbahnen ausgebessert wurden. Der linke Flügel trifft sich am Freitagabend auf einem Parkplatz Richtung Autobahn. Zeitgleich tagt das Frauenplenum im ersten Stock des Intercity-Hotels, Katja Kipping, die junge Mutter und bisherige Vizevorsitzende, erklärt dort lautstark, „die Macht der Männernetzwerke“ müsse gebrochen werden. Sie will im Team mit der nordrhein-westfälischen Landeschefin das Spitzenduo besetzen. Vor der Halle neben einer Würstchenbude stehen zwei wichtige Lafontaine-Vertraute. Es geht um die Frage, ob Wagenknecht doch ins Rennen muss. „Ich möchte ihren Terminkalender schon jetzt nicht haben“, sagt einer. „Sie muss“, sagt der Andere. Man wirke auf sie ein, bisher „noch nicht mit durchschlagendem Erfolg“.

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Das Gezerre um die Parteiführung der Linken hat ein Ende. Auf ihrem Parteitag wählten die Delegierten ein neues Führungsduo: Bernd Riexinger und Katja Kipping. Ob damit nun wieder Ruhe einkehrt?Weitere Bilder anzeigen
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02.06.2012 23:14Das Gezerre um die Parteiführung der Linken hat ein Ende. Auf ihrem Parteitag wählten die Delegierten ein neues Führungsduo: Bernd...

So geht das Samstag den ganzen Tag weiter, zwischen den Ständen im Foyer, auf denen Pittiplatsch als Plüschtier verkauft wird neben dem Buch „Freiheit statt Kapitalismus“ von Sahra Wagenknecht und „Der strategische Sieg“ von Fidel Castro. Auch die Babystrampler „Frech wie Oskar“ für 15 Euro sind noch zu haben, obwohl der frühere Parteichef sein Comeback-Angebot als Retter in der Not erst nur unter Bedingungen gemacht und dann nach ein paar Tagen doch zurückgezogen hat. „Harmonie ist was für Anfänger“, steht auf dem T-Shirt des Hamburger Bundestagsabgeordneten Jan van Aken. Eine Genossin erklärt sich mit ihrem Aufdruck zur „Bartschistin“. Überall wird verhandelt, gekungelt, gemauschelt. Die Stimmung: Köpfe einhauen.

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