Politik : Wahl der Tränen

Birmas Junta erklärt sich zum Wahlsieger. Die Opposition ist geschockt, aber nicht entmutigt

Richard Licht[Rangun]
Flucht. An der Grenze zu Thailand kämpfen Truppen mit Abtrünnigen. Die Bevölkerung dort flieht deshalb ins Landesinnere oder in das Nachbarland. Foto: Pornchai Kittiwongsakul / AFP
Flucht. An der Grenze zu Thailand kämpfen Truppen mit Abtrünnigen. Die Bevölkerung dort flieht deshalb ins Landesinnere oder in...Foto: AFP

Soe Soe versucht ein Lächeln. Jetzt nur nichts sich anmerken lassen. Soe Soe, so feingliedrig wie ihr Ohrschmuck, ist eine der Führungspersonen der I-Vote-Kampagne bei den ersten so genannten Wahlen , die Birmas Junta nach 20 Jahren am Sonntag angesetzt hatte. Sie hatten so viel Hoffnung, dass es wenigstens bei der Auszählung halbwegs ordentlich zugehen würde. Doch mit jeder Stunde gingen immer neue ungeheuerliche Meldungen ein. Der Schock sitzt tief. Am Montagabend flossen viele Tränen. Völlig übermüdet von den Wahl-Aktionen, überforderte sie die Dreistigkeit. Aber nun muss die Führung stark sein. Sie müssen Vorbild sein.

Am Dienstag erklärte sich die regierende Militärjunta zum Wahlsieger: 80 Prozent der Stimmen habe die regimetreue Partei USDP erhalten, sagten Funktionäre der Partei. Und seit Sonntagabend hat das Regime in Myawaddy an der Grenze zu Thailand den Ausnahmezustand verhängt: Abtrünnige Rebellen der eigentlich regimetreuen Karen-Milizen sollen Post- und Polizeistationen im Grenzgebiet besetzt haben und kämpfen offen mit den Regierungstruppen. Dazu kam es, weil einige der so genannten Waffenstillstandsgruppen sich weigerten, ihre Milizen in die Grenztruppen der Regierung einzugliedern und gegen die Einschüchterung von Wählern protestierten.

Soe Soe schluckt und erlaubt sich einen Blick gen Boden. „Ich konnte kaum atmen, es wurde unglaublich heiß hier drin“, erzählt sie und fasst sich ans Herz. Sie hatten eigene Beobachter zur Auszählung an den Wahllokalen. Die berichteten, dass eine Reihe von Oppositionskandidaten der Nationalen Demokratischen Kraft (NDF) gewonnen hätten – aber auf der nächsten Ebene wurde aus dem Ergebnis plötzlich das Gegenteil, nun hieß der Gewinner USDP, die Partei der Generäle. „Mein Herz ist geborsten, in 1000 Stücke zersprungen.“ Ihre Hände und Finger streben in alle Richtungen auseinander, sie schluckt. Aber dann ist es wieder da, ihr feines, zuversichtliches Gesicht. Gespannt wartet Soe Soe auf den Abend. Gerüchteweise will das Regime am Dienstag das von der USDP erklärte Ergebnis bestätigen. 80 Prozent – das wäre das Ergebnis, dass die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi mit ihrer NLD 1990 erreicht hatte. Bei der Wahl, die die Militärjunta nie anerkannt hat.

„Wir werden nicht das Ergebnis erfahren, das die Wähler mit ihren Stimmen abgegeben haben, sondern es wird das Ergebnis eines Mannes sein: das von Nummer eins, von Than Schwe“, sagt Soe Soes Mitstreiter Aung Than defätistisch. Er ist in den Fünfzigern, er hat die Tricks des Regimes schon so oft erlebt. Aber auch er hatte gefiebert, dieses eine Mal möge es anders sein. Aber auch er will sich seine Enttäuschung nicht vor den jungen Leuten anmerken lassen. Erschöpft sitzt er da: „Ich habe mich bei ihnen entschuldigt, ihnen gesagt, die Schuld liegt bei mir.“ Er habe zu viel Hoffnung gemacht, ihren Enthusiasmus unterstützt. „Jetzt ist es eigentlich mein Job, da vorne aus dem Fenster zu springen“, sagt er. Aber er will die jungen Frauen und Männer bei der Stange halten und sie wollen weiterarbeiten.

Das Engagement für die Zivilgesellschaft endet nicht mit einer gefälschten Wahl. „Ich werde meine Mitbürger nicht schelten, dass sie USDP gewählt haben“ und er wolle die unter Hausarrest stehende Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi nicht für ihren Boykottaufruf angreifen, die selbst nicht antreten durfte und deren Partei zuvor zwangsaufgelöst worden war.

Vielen seiner Mitstreiter sei an den Zählstationen gesagt worden, dort werde – entgegen den Ankündigungen – kein Ergebnis verkündet, sondern in Nay Pyi Taw. Denn ins Landesinnere haben die Generäle vor einigen Jahren ihre Hauptstadt verlegt, in Rangun fühlten sie sich nicht mehr sicher.

2015 soll es wieder Wahlen geben.

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