Wahl : Entscheidung am Kap

Der Afrikanische Nationalkongress ANC hofft auf einen Sieg bei den Wahlen in Südafrika am Mittwoch – trotz zahlreicher Fehler in der Wirtschaftspolitik. Tatkräfitge Unterstützung erhält der Nationalkongress von einem alten Bekannten: Nelson Mandela.

Wolfgang Drechsler
ANC
Anhänger des ANC werben für den Nationalkkongress. -Foto: dpa

KapstadtEs ist ein Sommertag auf dem südafrikanischen Highveld, wie er schöner kaum sein könnte. Zehntausende von Anhängern des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) sind am frühen Sonntag in die Innenstadt von Johannesburg gekommen, um Jacob Zuma auf der letzten großen Kundgebung seines ANC vor der Wahl am Mittwoch zu feiern. Denn niemand zweifelt hier daran, dass die Regierungspartei auch diese Wahl deutlich gewinnen wird, genauso wie sie es schon dreimal zuvor getan hat – und Zuma als ihr Spitzenkandidat neuer Präsident von Südafrika wird.

Noch größer wird der Jubel, als die Menschen erkennen, wer in dem kleinen Golfwägelchen neben Zuma ins Ellis- Park-Stadion einfährt. Es ist Nelson Mandela, und der 90-Jährige trägt ein ANC-T-Shirt – Beweis dafür, dass die Ikone des Freiheitskampfes den ANC trotz dessen zahllosen Skandalen noch immer unterstützt. 200 Millionen Rand (umgerechnet rund 17 Millionen Euro) hat sich der ANC den kurzen Wahlkampf kosten lassen, wie die Partei am Freitag eingestand. Eine enorme Summe angesichts der tiefen Armut im Land und der düsteren wirtschaftlichen Lage.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Gerade erst ist die Wirtschaft am Kap in die Rezession geglitten; die Rohstoffpreise liegen am Boden. Seit ihrem Allzeithoch im Mai 2008 ist die Börse in Johannesburg fast 40 Prozent gefallen – und die Landeswährung Rand hat gegenüber Dollar und Euro ebenfalls kräftig verloren. Es ist kein leichtes Umfeld, in dem sich Zuma zur Wahl stellt. Zeitgleich wird in der bedeutendsten Wirtschaftsnation des afrikanischen Kontinents ein neues Parlament gewählt.

Auch politisch hat Südafrika bewegte Zeiten hinter sich: Mit dem von der eigenen Partei erzwungenen Rücktritt von Staatschef Thabo Mbeki ist vor einem halben Jahr am Kap ein Machtkampf zu Ende gegangen, der den ANC lange gelähmt hatte. Nun hofft die frühere Widerstandsbewegung, mit Zuma einen Schlussstrich unter den zermürbenden parteiinternen Zwist zu ziehen, zumal der Generalstaatsanwalt des Landes gerade erst alle Korruptionsvorwürfe gegen den ANC-Chef zurückgezogen hat. Einem Wahlsieg des 67-Jährigen steht somit nichts mehr im Wege.

Dass Zumas ANC die Wahl trotz einer insgesamt enttäuschenden Regierungsbilanz gewinnen wird, steht außer Zweifel. Die Aura, Südafrika vor 15 Jahren vom Joch der weißen Vorherrschaft befreit zu haben, hat immer noch eine große Bedeutung. Von Interesse ist vor allem, ob die seit dem Ende der Apartheid allein regierende frühere Widerstandsbewegung abermals eine Zweidrittelmehrheit erhält oder unter 60 Prozent fällt.

Kritiker befürchten, dass der ANC womöglich eine populistische Umverteilungspolitik verfolgen wird, zumal Zuma viele Anhänger im Gewerkschaftsbund und der Kommunistischen Partei hat. Allerdings warnt der Analyst und Buchautor Allister Sparks vor zu viel Schwarzmalerei: „Bei aller begründeten Sorge sollte nicht vergessen werden, dass Zuma den Realitäten der Wirtschaftskrise Rechnung tragen muss.“

Die erste Rezession des Landes seit 1992 kommt zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt: In etwas mehr als einem Jahr beginnt am Kap mit der Fußballweltmeisterschaft 2010 das größte Sportereignis der Welt. Doch statt der ursprünglich erwarteten 900 000 ausländischen Fußballfans rechnen Experten mittlerweile nur noch allenfalls mit der Hälfte. Gestiegen sind wegen der teuren Stadien allein die zusätzlichen Baukosten – um das Vierfache auf umgerechnet über eine Milliarde Euro. Verspätet rächt sich nun, dass Südafrika es in den fetten Jahren des Rohstoffbooms versäumt hat, seine strukturellen Defizite anzugehen, die von der überbordenden Bürokratie über die zwar leicht gefallene, aber noch immer viel zu hohe Kriminalität bis zum überregulierten Arbeitsmarkt reichen.

Südafrika zahlt nun aber auch den Preis für den völlig überstürzten Umbau seiner Gesellschaft. Das ständige Pochen des geschassten Staatschefs Thabo Mbeki auf strengem Rassenproporz und Quoten hat alle wichtigen Institutionen nachhaltig geschwächt. Immer öfter zählt am Kap nicht mehr die Befähigung des Einzelnen, sondern allein die (schwarze) Hautfarbe.

Bei allen Problemen haben sich dem Land aber auch eher unverhofft Chancen eröffnet: So hat die schwache Randwährung Südafrikas Exporte international konkurrenzfähiger gemacht. Ausgerechnet die Wirtschaftsflaute hat zudem die kritische Lage im Stromsektor entspannt, weil die Unternehmen nun weit weniger Elektrizität verbrauchen – und Südafrika plötzlich einen Stromüberschuss hat. Doch für sich wird dies nicht reichen. Es liegt an Zuma und seiner neuen Regierung, einen Weg aus der Krise zu finden.

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