Wahl im Norden Zyperns : Türkische Nationalisten am Ziel

Dervis Eroglu ist der neue Volksgruppenführer der türkischen Zyprer. Seine Wahl ist ein Zeichen für einen wieder erstarkten türkischen Nationalismus - und für eine Schwächung des Friedensprozesses mit den Griechen auf der Insel.

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Mit 72 Jahren ist er endlich am Ziel: Nach Jahrzehnten in der Politik und mehreren Amtszeiten als Regierungschef der nur von Ankara anerkannten „Türkischen Republik Nordzypern“ (KKTC) ist Dervis Eroglu am Sonntag mit der knappen Mehrheit von 50,3 Prozent zum neuen „Präsidenten“ der KKTC und damit zum höchsten Repräsentanten der Inseltürken gewählt worden. Mit Eroglu als neuem Volksgruppenführer könnte auf Zypern eine neue Ära beginnen. Nach mehreren Jahren der Annäherung zwischen Türken und Griechen auf der Insel steht Eroglu für einen wieder erstarkten türkischen Nationalismus.

Offiziell zumindest stellt Eroglu die Notwendigkeit von Friedensgesprächen mit der griechisch-zyprischen Republik im Süden der Insel nicht in Frage. Natürlich werde er die 2008 begonnenen Verhandlungen fortsetzen, kündigte er vor seinem Wahlsieg an. Die Frage ist jedoch, was Eroglu mit dem griechisch-zyprischen Präsidenten Dimitris Christofias besprechen will. Denn er zweifelt am Endziel der Verhandlungen: der Gründung eines gemeinsamen Staates von Griechen und Türken auf Zypern. Dass sein jetzt abgewählter Vorgänger, der EU-Anhänger Mehmet Ali Talat, diese Grundlinie verfolgte, war aus Eroglus Sicht eine krasse Fehlentscheidung: „Das war ein großer Fehler.“ Eroglu selbst will einen lockeren Staatenbund, was Kritiker als Festschreibung der Teilung bewerten.

Der aus Famagusta im Osten Zyperns stammende Eroglu war schon unter dem als „Mr No“ bekannten Hardliner Rauf Denktasch in den 1980er und 1990er Jahren Regierungschef der KKTC. Zum ersten Mal bekleidete er dieses Amt 1985, zwei Jahre nach der Proklamierung der KKTC als unabhängiger Staat. Bis heute ist die KKTC international isoliert und wäre ohne die Unterstützung der Türkei nicht lebensfähig.

Diese Abhängigkeit macht Eroglus Verhältnis zu Ankara zu einer delikaten Angelegenheit. Dentasch konnte sich noch auf die bedingungslose Hilfe der Türkei verlassen. Doch seit die türkische Regierung die EU-Bewerbung des eigenen Landes vorantreibt, ist sie sehr an einer einvernehmlichen Lösung auf Zypern interessiert. Im Wahlkampf unterstützte Ankara deshalb ganz offen Eroglus Gegner Talat.

Bei der Fortsetzung der Gespräche mit den griechischen Zyprern werde er das Ziel, die Aufnahme in die EU, nicht aus den Augen verlieren, sagte Eroglu. Doch er werde den Weg zu diesem Ziel nicht als Weggefährte der Griechen beschreiten, „sondern als Konkurrent“. Diese Art von Ankündigung lässt dem geschlagenen Volksgruppenführer Talat zufolge nichts Gutes ahnen: Der griechische Präsident Christofias, glaubt Talat, werde nach Eroglus Wahlsieg „innerhalb von drei Tagen den Verhandlungstisch verlassen“.

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