Wahl in Afghanistan : Abdullah Abdullah: "Den Geist der Demokratie wachhalten"

Er ist der bekannteste Oppositionelle in Afghanistan. 2009 trat Abdullah Abdullah gegen Hamid Karsai an und verlor – die Präsidentschaftswahl war jedoch manipuliert. Mit dem Tagesspiegel spricht er über seine Erfahrungen bei der aktuellen Parlamentswahl.

Abdullah Abdullah.
Abdullah Abdullah.Foto: AFP

Wie bewerten Sie den Wahlverlauf?

Dass sich die Afghanen trotz aller Gefahren überhaupt zu den Urnen begeben haben, ist an sich schon ein Erfolg. Auch wenn sich weniger Menschen beteiligt haben als erwartet. Abgesehen davon: Nach den Präsidentschaftswahlen gab es ein gutes Jahr Zeit, um alles vorzubereiten. Daran gemessen hätte die Regierung, hätten die Organisatoren viel besser vorbereitet sein sollen. Nach meinem vorläufigen Wissen ergibt sich ein höchst gemischtes Bild, inklusive Unregelmäßigkeiten, zahlreichen Fälschungen, Gewalt. Zufriedenstellend ist die Sache nicht gelaufen.

Sind Ihnen konkrete Fälle von Fälschung bekannt?
Nehmen Sie als Beispiel nur das Wahlbüro, in dem ich selbst meine Stimme abgegeben habe. Die Wahlbeobachter dort, die Abgesandten der diversen Kandidaten, erklärten, dass vor ihrem Eintreffen die Siegel von den Wahlurnen entfernt worden seien. Neue, vorher ausgefüllte Stimmzettel seien anschließend hinzugefügt worden.

Das hat sich nicht in irgendeinem abgelegenen Dorf ereignet

Nein – hier mitten in Kabul, im Stadtzentrum. In anderen Gegenden waren die Fälschungen noch offensichtlicher. Sogar jetzt, während wir sprechen, bekomme ich Meldungen etwa aus dem Maiwan-Distrikt in Kandahar, dass Wahlurnen immer noch „ergänzt“ werden. Dabei waren die Wahlen am Samstag um 16 Uhr beendet.

Wie würden Sie die Ära des Präsidenten Hamid Karsai zusammenfassen?
Als eine goldene Chance, die verspielt wurde. Er hat den Wagen an die Wand gefahren. Unsere Ausgangsbedingungen waren gut: Die Afghanen schienen sich einig, die Weltgemeinschaft stand hinter ihnen. Karsai hat es nicht fertiggebracht, daraus etwas zu machen, sondern auf unverantwortliche Weise damit gespielt. Niemand hätte ihm das zugetraut. Er wird es nicht schaffen, seine Fehler zu korrigieren.

Stimmt die in Europa und den USA vertretene Meinung, dass afghanische Kultur und Demokratie nicht zusammenpassen?

Kein Zweifel: Demokratie ist für uns eine neue Erfahrung. Aber auf diesen Geist der Demokratie hatten die Afghanen ihre Hoffnungen gesetzt. Heute verlieren sie das Vertrauen in den demokratischen Prozess als solchen. Aber wenn wir diesen Geist nicht wachhalten, kommen wir zu falschen Schlussfolgerungen, etwa zur Annahme, Afghanistan sei immer noch das Land, das es im 19. Jahrhundert war. Am Anfang des Prozesses gingen alle davon aus, wir könnten eine Entwicklung von 200 Jahren in zwei Jahren bewältigen. Das waren zu hochgeschraubte Erwartungen. Jetzt erleben wir das andere Extrem. Man legt die niedrigste Messlatte an, die sich nur denken lässt. Beides ist falsch. Die Menschen dieses Landes waren bereit, sich auf den Weg der Demokratie zu begeben und hätten das vielleicht tun können, hätte das Ausland nicht sein Vertrauen in eine einzige Persönlichkeit gesetzt. Und diese Persönlichkeit hat uns in eine ausweglose Lage manövriert.

Sollten Altmudschaheddin und Warlords einen Platz im neuen Afghanistan haben?

Unter der Voraussetzung, dass sie die gemeinsame Vision akzeptieren: Einen moderaten islamischen Staat, der demokratisch und rechtsstaatlich geführt wird. Wenn sie aber vom gegenwärtigen Chaos profitieren oder das Chaos anfachen wollen, indem sie sich noch mehr Macht auf Kosten der Bevölkerung verschaffen – sollten wir ihnen einen Riegel vorschieben.

Die Fragen stellte Marc Thörner.

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