Wahl in Baden-Württemberg : Der stille Herr Schmid

Betont zurückhaltend, seriös bis an die Grenze zur Langeweile: Der Spitzenkandidat der SPD in Baden-Württemberg speist seine relative Stärke in den Umfragen vor allem aus den Zweifeln an Amtsinhaber Stefan Mappus.

Stephan Haselberger [Stuttgart]
Blass, aber solide. Der SPD-Spitzenkandidat Nils Schmid versucht in Baden-Württemberg mit Understatement die Stimmen seiner Partei zu mehren.
Blass, aber solide. Der SPD-Spitzenkandidat Nils Schmid versucht in Baden-Württemberg mit Understatement die Stimmen seiner Partei...Foto: dapd

Am Ende seiner langen Dienstfahrt hat Wolf Argo einen Wunsch. 40 Jahre hat Argo in wechselnden Limousinen wechselnde Größen der baden-württembergischen SPD durch die Wahlkämpfe chauffiert, hat schon Erhard Eppler scheitern sehen und zuletzt Ute Vogt – all die vielversprechenden Hoffnungsträger und Spitzenkandidaten, von denen es keiner je zum Ministerpräsidenten geschafft hat.

Wenn also einer weiß, wie hart die SPD im Südwesten kämpfen muss, dann ist es Wolf Argo, der Fahrer. 68 Jahre ist er jetzt alt, eigentlich schon in Rente, aber im Wahlkampf 2011 hat er sich für seine Partei noch einmal hinters Steuer gesetzt. Es wird definitiv sein letzter Einsatz sein, und dieses Mal soll er nicht mit einer Niederlage enden, sondern mit einer Triumphfahrt. „An meinem letzten Arbeitstag“, sagt Argo, „will ich den Jungen in der Villa Reitzenstein abliefern.“

Der „Junge“ – das ist Nils Schmid, erst 37 Jahre alt und womöglich der nächste Regierungschef Baden-Württembergs. Allein der Umstand, dass dem SPD-Spitzenkandidaten echte Chancen eingeräumt werden, die CDU-Herrschaft zu beenden und als Nachfolger von Stefan Mappus in die Villa Reitzenstein, den Amtssitz des Ministerpräsidenten, einzuziehen, ist für baden-württembergische Verhältnisse eine Sensation. Seit 1953 stellt die CDU im Südwesten den Ministerpräsidenten, ununterbrochen.

Es liegt allerdings nur bedingt an Nils Schmid, dass die politischen Gesetzmäßigkeiten zwischen Mannheim und Konstanz nun nicht mehr automatisch gelten.

Ein Donnerstag in Stuttgart-Feuerbach, 17 Tage vor der Wahl. Noch ahnt die Welt nichts von der Atomkatastrophe in Japan. Schmid besucht ein Ausbildungsrestaurant des Christlichen Jugenddorfwerks. Er wird begleitet von Manuela Schwesig, der stellvertretenden SPD-Vorsitzenden, die es als Unterhändlerin im Streit um die Hartz-IV-Reform zu bundesweiter Bekanntheit gebracht hat. Das unterscheidet sie von Schmid. Unter anderem.

Im Ausbildungsrestaurant nehmen Schmid und Schwesig an einer weiß gedeckten Tafel Platz. Neben ihnen sitzen lokale SPD-Politiker, Vertreter sozialer Einrichtungen und Journalisten. Schwesig führt das Wort. Sie spricht über ihre Wahlkampferfahrungen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg. Schmid blättert in einer Mappe mit Informationsmaterial. Schwesig warnt vor den Folgen mangelhafter Bildungspolitik: „1,5 Millionen ohne Berufsabschluss – das können wir uns einfach nicht leisten in Deutschland!“ Schmid streicht sich nachdenklich mit dem Zeigefinger über die Oberlippe. Er wirkt in diesem Moment wie ein Statist.

Später am Tag bei der IG-Metall in Reutlingen, Schmids Wahlkreis. SPD- Chef Sigmar Gabriel ist zum Treffen mit Betriebsräten gekommen, es geht um die Rente mit 67 und die Linkspartei. Gabriel spricht und spricht und spricht. Schmid schweigt. „Der soll den Nils doch auch mal was sagen lassen“, entfährt es einer jungen Genossin.

Warum mischt er sich nicht stärker ein, warum lässt er sich so zur Seite drängen? Wer mit Schmid über seine seltsame Zurückhaltung spricht, erlebt einen überaus gelassenen Kandidaten. Einen, der glaubt, er habe es nicht nötig, sich in den Vordergrund zu spielen. „Ich setze meine Punkte. Nicht die, die am meisten reden, werden am meisten geschätzt.“ Er sagt das mit dem Selbstbewusstsein des Musterschülers, der den Erfolg zuallererst eigener Anstrengung verdankt. Einser-Abiturient, promovierter Prädikatsjurist, anerkannter Finanzexperte seiner Fraktion – es ist, als leite er aus dem Erreichten die Gewissheit ab, dass er auch die Prüfung am Wahltag mit Bravour bestehen wird.

Dass es ihm an Ausstrahlung mangelt, dass er selbst die eigenen Leute nicht begeistern kann, scheint ihn, den Kopfmenschen, nicht zu berühren. Verdrängung, Ignoranz? Vielleicht spiele auch „ein leichtes Phlegma“ eine Rolle, sagt einer aus der Spitze der Südwest-SPD: „Er ist sich eigentlich selbst genug.“

Natürlich weiß Schmid, dass sich seine relative Stärke in den Umfragen vor allem aus den Zweifeln an Amtsinhaber Stefan Mappus speist. Ein Abgeordneter aus der baden-württembergischen SPD-Landesgruppe im Bundestag sagt es so: „Profil bezieht er vor allem als Gegenfigur. Man würde ihn ohne die Konfrontation mit Mappus kaum wahrnehmen.“

Tatsächlich betont Schmid bei seinen Auftritten unentwegt die charakterlichen Unterschiede. „Wer dieses Land beherrschen will, der sollte auch sich selbst beherrschen“, sagt er mit Blick auf Mappus. Dann folgt das Eigenlob: „Ich bin ein berechenbarer Politiker, auf mich kann man sich verlassen.“ Der Rest ist sozialdemokratischer Standard, angereichert mit einem guten Schuss Wirtschaftsfreundlichkeit. Niemand soll sich abgeschreckt fühlen von der seriösen Nils-Schmid-SPD.

Auf diese Weise hat es der Kandidat zumindest zwischenzeitlich weit gebracht. Vor dem Atomunfall in Fukushima rangierte die SPD auf Platz zwei vor den Grünen, eine Position, die sie während der Proteste gegen Stuttgart 21 über Monate hinweg verloren hatte. Doch die Atomkatastrophe hat nicht nur das Glaubwürdigkeitsproblem des einstigen Kernkraftverfechters Mappus verschärft, sondern auch die Gewichte im rot-grünen Lager verschoben. Womöglich wird nach diesem Sonntag nicht Schmid, sondern Grünen-Spitzenkandidat Winfried Kretschmann als Ministerpräsident einer grün-roten Koalition in die Villa Reitzenstein einziehen. Wolf Argo, der Fahrer der SPD, müsste den „Jungen“ dann wohl am Stuttgarter Schlossplatz abliefern, wo das Finanzministerium seinen Sitz hat. Mit dem wäre Nils Schmid aber notfalls auch zufrieden, heißt es in der Südwest-SPD.

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