Wahl in Frankreich : Kein Sieger im TV-Duell

Vier Tage vor der französischen Präsidentenwahl haben sich die Sozialistin Ségolène Royal und der konservative Nicolas Sarkozy im Fernsehen eine hitzige Debatte geliefert. Ein klarer Sieger ließ sich aber nicht ausmachen.

Paris - Royal warf dem früheren Innenminister einen "Gipfel an politischer Immoralität" bei der Behandlung von Behinderten vor, woraufhin Sarkozy der Rivalin vorhielt, "die Nerven zu verlieren." In der mehr als zweieinhalbstündigen Fernsehdebatte vor vielen Millionen Zuschauern gerieten die beiden Kandidaten für die Nachfolge von Jacques Chirac wiederholt massiv aneinander.

Die offensive, in den Umfragen zurückliegende Sozialistin griff Sarkozy vor allem bei den Themen der inneren Sicherheit, der Arbeitsmarktpolitik, der Zahl der Staatsbediensteten und der Sozialpolitik an. Sie warf ihm vor allem fehlende Glaubwürdigkeit vor, weil Sarkozy seit 2002 der konservativen Regierung angehört hat.

Royal verteidigt 35-Stunden-Woche

Sarkozy seinerseits vermisste bei der Rivalin Präzision in den Aussagen. "Wenn Sie von allem gleichzeitig reden, werden wir nichts vertiefen können", kritisierte er. "Würden Sie mir wohl bitte die Verantwortung für das überlassen, was ich sage", entgegnete ihm Royal. Sie forderte Sarkozy strikt auf, sie ausreden zu lassen.

Royal machte den ehemaligen Innenminister trotz seiner seit 2002 propagierten "Null-Toleranz"-Politik mitverantwortlich für die nach ihrer Einschätzung negativen Bilanz der Regierung im Kampf gegen Gewalt. Sarkozy dagegen verwies auf zehn Prozent weniger Kriminalität in den vergangenen fünf Jahren. Während Royal die von der früheren linken Regierung unter Lionel Jospin eingeführte 35-Stunden-Woche als eine "wichtige soziale Errungenschaft" verteidigte, nannte Sarkozy diese Arbeitszeitverkürzung eine allgemeine Katastrophe für die Wirtschaft.

Presse: Royal hat gewonnen, Sarkozy nicht verloren

In dem Fernsehduell der Präsidentschaftskandidaten Nicolas Sarkozy und Ségolène Royal hat die französische Presse keinen klaren Sieger ausgemacht. "Nicolas Sarkozy hat nicht verloren. Ségolène Royal hat aber gewonnen", meint die linksliberale "Libération" am Donnerstag nach dem Schlagabtausch. Der konservative "Figaro" schreibt nach der mehr als zweieinhalbstündigen Debatte des Vorabends: "Sarkozy hat sich, präzise und selbstsicher, nicht zu einem Übermaß an Selbstzufriedenheit hinreißen lassen. Oft unklar, manchmal aggressiv, hat Royal keinen gravierenden Fehler begangen." "Keiner der beiden Kandidaten hat den anderen verschlungen, es gab aber ernsthaften Prankenschläge", schreibt "La République du Centre" über das Fernsehduell. "In jedem Lager wird man seinen Sieger wiedergefunden haben", zieht "La Presse de la Manche" Bilanz, die Debatte habe es ermöglicht, "das Temperament der beiden Protagonisten etwas besser entdecken zu können." Die Zeitung "Ouest France" vergibt die besseren Noten an Sarkozy, der genauer und solider aufgetreten sei, während Royal noch an Glaubwürdigkeit zulegen müsste. Mehrere Blätter betonen, wie sehr sich Sarkozy zurückgehalten habe.

Sarkozy in Umfragen vorn

Mit der Stichwahl am kommenden Sonntag in Sichtweite wollten beide Kandidaten die Millionen noch unentschlossenen Wähler auf ihre Seite ziehen. Alle Umfragen seit der ersten Wahlrunde am 22. April sahen den ehemaligen Innenminister vorn. Chiracs Nachfolger wird für fünf Jahre gewählt.

Nach einer Losentscheidung eröffnete Sarkozy das TV-Duell, Royal beendete das traditionelle Aufeinandertreffen der Bewerber vor der Stichwahl. Internationale Fragen folgten erst ganz am Schluss. Nur 2002 hatte es vor der Wahl kein TV-Duell gegeben, weil Chirac nicht mit dem rechtsextremen Rivalen Jean-Marie Le Pen diskutieren wollte.

Sarkozy hatte die Bedeutung des TV-Duells mit Royal vor dem Auftritt heruntergespielt. "Ich glaube nicht, dass die Franzosen nur nach dem Eindruck einer zweistündigen Debatte einen Präsidenten für fünf Jahre wählen", sagte er im Rundfunk. Dagegen meinte der Chef der Sozialistischen Partei (PS), François Hollande, es handele sich um die wichtigste Debatte seit 1981, als François Mitterrand wertvolle Punkte für den Sieg über Valéry Giscard d'Estaing verbuchen konnte. (tso/dpa/AFP)

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