Politik : Wahl in Jugoslawien: Kostunica will am Sonntag Milosevic bezwingen

Stephan Israel

So hatte sich der siegessichere Slobodan Milosevic den ersten Herausforderer, der ihm gefährlich werden könnte, gewiss nicht vorgestellt: Vojislav Kostunica ist farblos, ohne Charisma und überhaupt nicht der Volkstribun. Auf der Wahlkampfreise jedoch, die der hölzerne Professor derzeit durch das verarmte Land unternimmt, kommt Kostunica doch noch in Schwung: "Ich habe soviel Energie für Veränderungen verspürt wie nie zuvor", zeigt sich der 56-Jährige vor 20 000 Sympathisanten in der oppositionellen Hochburg Novi Sad siegessicher. "Er ist am Ende", skandieren seine Anhänger einen Spruch, der sich wie ein Lauffeuer im Land verbreitet. Gemeint ist damit Slobodan Milosevic, der Autokrat, der am Sonntag seine Macht verteidigen will. Mit allen Mitteln, wie auch Vojislav Kostunica sagt: "Wir müssen die Augen weit aufhalten, um den Wahlbetrug zu verhindern."

Wäre Kostunica Kandidat in einem anderen Land, könnte er sich beruhigt zurücklehnen und seinem Sieg entgegen blicken. Die letzten Umfragen geben dem Mann der "Demokratischen Opposition Serbiens" (DOS) einen komfortablen Vorsprung von knapp 20 Prozent. Hätte vor wenigen Monaten jemand nach dem Mann gefragt, der Slobodan Milosevic besiegen könnte, der Name Vojislav Kostunica wäre sicher nicht gefallen. Dabei ist der Favorit von heute ein alter Protagonist auf der Bühne des Autokraten. In den zehn Jahren der Milosevic-Herrschaft trat er immer wieder als besonders störrischer Darsteller auf. 1989 gründete er in seiner Privatwohnung die "Demokratische Partei". Doch Vojislav Kostunica war zuerst Nationalist, und erst an zweiter Stelle kam für ihn die Demokratie: Die Lösung der "nationalen Frage" der Serben, auf verschiedene Republiken des ehemaligen Jugoslawien verteilt, hatte für ihn Priorität: "Serbien zuerst, Demokratie später", lautete einer seiner Slogans. Vojislav Kostunica war mit auf der Bühne von Slobodan Milosevic, als Serbiens Elite geschlossen in die nationalistische Falle ging. Kostunica plädierte für eine "dosierte Form des demokratischen Nationalismus". So zumindest damals das Credo des Professors, weshalb es schon 1992 zur Spaltung und der Gründung der "Demokratischen Partei Serbiens" kam.

Er habe immer gewusst, was er nicht wolle, aber nicht, was er wolle, pflegten seine Kritiker zu spotten. Weder mit dem fahrigen Vuk Draskovic verstand er sich, noch mit dem stets zweckoptimistischen Zoran Djindjic. Heute scheint Vojislav Kostunica zu wissen, was er will. "Wer kann Ihnen direkt in die Augen schauen?", so der einfache Text auf dem Wahlplakat des Favoriten. "Kostunica", heißt die einfache Antwort. Die schlichte Botschaft sagt schon fast alles über die plötzliche Popularität des Kandidaten. Die Verführten im Land des ewigen Verführers haben genug von den Volkstribunen, die alles versprechen und nichts halten. "Er wirkt ehrlich", so eine der häufigsten Charakterisierungen am Rande der Wahlkampfveranstaltungen. Und dafür gibt es im Land, wo kaum jemand mehr jemandem traut und vor allem nicht den Politikern, einen wichtigen Grund. Vojislav Kostunica hat sich, im Gegensatz zu allen, die schon seit Jahren am Stuhl des Autokraten rütteln, nie mit Slobodan Milosevic getroffen. Die "Geheimgespräche" im weißen Palast des starken Mannes haben Tradition. Sie sind selten lange geheim geblieben. Das war wohl die Absicht des Regimes und sollte die Gegner in den Augen des Publikums diskreditieren. Vojislav Kostunica verweigerte sich stur den Lockrufen und hätte als Anführer einer Splitterpartei wahrscheinlich auch nicht viel zu bieten gehabt.

Doch nicht nur zum Präsidenten ist Vojislav Kostunica stets vorsichtig auf Distanz geblieben. Auch von Treffen mit den Vertretern der "sogenannten Internationalen Gemeinschaft" hält er nicht viel. Die anderen Mitstreiter der Opposition tun das gern und häufig. Beim Treffen im nahen Budapest oder in Berlin und Washington holt man sich Rat und nicht zuletzt auch finanzielle Unterstützung. Für den Professor sind das Belgrader Regime und der Westen jedoch gleichermaßen verantwortlich dafür, dass heute das Überleben des "serbischen Volkes und des Staates" gefährdet ist. Kostunica sagt "Nein zum Weißen Palast und Nein zum Weißen Haus" - im ersteren residiert Milosevic, im zweiten noch einige Monate Bill Clinton. Vor allem von der US-Regierung will der Kandidat keine Ratschläge und vor allem keine Hilfe. Er werde seinen Wahlkampf nicht von ausländischen Beratern bestimmen lassen, stellte er rechtzeitig klar. Für das Belgrader Regime ist Vojislav Kostunica auch deshalb ein schwieriger Gegner. Von ihm gibt es kein Bild, wie er die Hand von US-Außenministerin Madeleine Albright schüttelt oder gar küsst, wie das Vuk Draskovic getan hat. Die Staatsmedien können Kostunica nur schwer als "Verräter" oder "Söldner" der Nato-Staaten anprangern. Deshalb gehen sie in ihren Angriffen weit unter die Gürtellinie und unterstellen ihm zum Beispiel, fortlaufend seine Frau zu betrügen. Als "Beweis" wird die Tatsache angeführt, dass Kostunica sich Katzen als Haustiere hält: "Es heißt, dass der Mensch sich mit Wesen umgibt, die ihm ähnlich sind. Laut Volksmund sind Katzen verlogene, trügerische und falsche Wesen".

Kostunica hat immer die nationalistische Position vertreten. Aus Überzeugung, und nicht nur aus Opportunismus, wie die Vertreter des Regimes das seit zehn Jahren tun. Er verurteilte einst den "Verrat" Belgrads am Hardliner Radovan Karadzic in Bosnien oder an den serbischen Rebellen in Kroatien. Im vergangenen Jahr kritisierte er die Nato-Luftangriffe und das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag. Heute möchte Kostunica immerhin, sofern ihm das Regime den Wahlsieg nicht stiehlt, die Brücken zu Europa wieder aufbauen und Serbien in die Staatengemeinschaft zurückführen.

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