Politik : Wahl in Jugoslawien: Wer wählt, bekennt sich zu Milosevic

Stephan Israel

Vor dem einfachen Einfamilienhaus an der Ohridskastraße ist man unter sich: "Ich bin für Jugoslawien, ich wähle Slobodan Milosevic", erklärt eine Frau, ganz in Schwarz gekleidet. Alle, die den Weg zum Haus von Branko Bulatovic gefunden haben, sind da einer Meinung. Man muss nur einen Blick durch die Glasfront im Erdgeschoss ins improvisierte Wahllokal werfen. Da lässt sich leicht herausfinden, dass alle in der nicht ganz so geheimen Wahlzelle den Namen des amtierenden Präsidenten Jugoslawiens ankreuzen. Branko Bulatovic ist Gastgeber für das Wahllokal "Nummer 26". Er ist Geschäftsmann und Mitglied der belgradtreuen Sozialistischen Volkspartei (SNP), die für den gemeinsamen Bundesstaat Montenegros mit Serbien eintritt. Weil die Regierung bei der Wahl nach den Belgrader Regeln nicht mitmacht, organisiert die SNP die Wahl in Privathäusern, in einem Möbelgeschäft oder in einer Metzgerei.

"Ich wähle nicht, meine Stimme gilt Montenegro", ruft die Regierung in Podgorica die Bürger auf, zu Hause zu bleiben. Der Weg zum Wahllokal ist ein politisches Bekenntnis. Viele Wähler fühlten sich unter Druck gesetzt, fürchteten um ihren Arbeitsplatz, klagt Bulatovic: "Wo in der Welt ist es schon vorgekommen, dass eine Wahl in Privathäusern abgehalten werden muss?" Und der Mann, der im Auftrag der serbischen Opposition im Wahllokal als Beobachter sitzt, sei nur da, um zu "spionieren". Er werde berichten, wer sich nicht an den Boykottaufruf der Regierung hält, glaubt Bulatovic.

Der stille Beobachter im Auftrag der Gegner von Slobodan Milosevic hat eine ganz andere Klage: Das Wahlbüro habe sich geweigert, ihm das Wählerregister auszuhändigen. So kann der unerwünschte Gast nicht überprüfen, wer wirklich stimmberechtigt ist. Weil auch kein Fingerspray vorgesehen ist, wie sonst üblich, könnte ein Wähler seine Stimme auch mehrmals abgeben.

In Montenegro ist die Wahl keine Wahl. Es geht nur um die Beteiligung, und wenn mehr als 50 Prozent der Bürger ihre Stimmen in den Privathäusern abgeben, will die Fraktion der Belgradtreuen in Montenegro die Regierung des verhassten Präsidenten Milo Djukanovic herausfordern. Die SNP glaubt mehr als die Hälfte der Bevölkerung hinter sich, obwohl die Partei bei Wahlen nie mehr als 30 Prozent bekommen hat. Manchmal sind auch die westlichen Journalisten nicht willkommen. "Ihr habt uns bombardiert", erinnert der Leiter eines anderen Wahlbüros an die Nato-Luftangriffe vom letzten Jahr und jagt die unerwünschten Besucher wieder weg. Es sind viele verhärmte Gesichter, die man vor den Wahllokalen sehen kann. Wer sein Bekenntnis zu Belgrad und Slobodan Milosevic abgeben will, tut das schon am frühen Morgen. Schon gegen Mittag finden nur noch wenige den Weg zu den improvisierten Wahllokalen.

Die Jugoslawische Armee hat ihre Drohung vom Vortag nicht wahrgemacht, Wachtposten an die Urnen abzukommandieren. Auch die Polizei von Präsident Milo Djukanovic hält sich von den Wahllokalen fern. Einzig rund um die Regierungsgebäude wurde die Sicherheit verstärkt und schwer bewaffnete Männer der Sonderpolizei in Schusswesten postiert.

Berichten zufolge kam es auch in anderen Landesteilen zu Unregelmäßigkeiten. Das unabhängige Zentrum für freie Wahlen und Demokratie (CESID) konstatierte im Kosovo chaotische Wahlbedingungen. In Serbien wählten Milosevic-Anhänger teilweise ohne Ausweispapiere. Im Belgrader Vorort Bolec wurde ein Oppositionsmitglied daran gehindert, die Wahllisten zu überprüfen. In Vinca bei Belgrad durfe der erste Wähler nicht nachsehen, ob die Urne vor der Stimmabgabe tatsächlich leer war. Zwischenfälle wurden auch aus Vranje, Petrovac, Kragujevac und Bor gemeldet.

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