Wahl in Niedersachsen : Verschenkte Stimmen

Lange sah es nach einem Triumph aus. Dabei war die FDP schon totgesagt und Philipp Rösler als ihr Vorsitzender Geschichte – nun dieser Höhenflug. Zu verdanken hat sie ihn David McAllister. Und der ist am Ende abgestürzt.

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David McAllister hat sich verschätzt.
David McAllister hat sich verschätzt.Foto: REUTERS

Eckard von Klaeden hat in den letzten Wochen eine leicht beunruhigende Erfahrung gemacht. Viele, viele Neujahrsempfänge seiner CDU hat der Staatsminister in Angela Merkels Kanzleramt besucht in und um seine Heimat Hildesheim herum, und überall war es das Gleiche: Parteifreunde, die auf ihn zustürzten und versicherten, diesmal würden sie die FDP wählen. Nämlich, damit der David auch ganz sicher Ministerpräsident bleibt. Die Leute haben ziemlich stolz dabei ausgesehen. Sie hatten sie kapiert, die politische Mathematik des David McAllister: Wer einen CDU-Ministerpräsidenten behalten will, muss der FDP das Überleben sichern. Als Klaeden am Sonntag im Foyer des Konrad-Adenauer-Hauses die ersten Landtagswahlprognosen auf den Fernsehschirmen sieht, ist klar: Das Manöver hat viel zu gut geklappt. Er habe ja mit guten Werten für den kleinen Partner gerechnet, sagt Klaeden. „Aber ich bin doch etwas überrascht, dass sie so gut abgeschnitten haben.“

Um diese Zeit haben sich im Thomas-Dehler-Haus, der Berliner FDP-Zentrale, längst alle versammelt, die in der Partei Rang und Namen haben: Der Parteivorsitzende Philipp Rösler, sein Generalsekretär Patrick Döring, auch Fraktionschef Rainer Brüderle ist schon eine Weile da und Wolfgang Kubicki, der Hans-Dampf-in-allen-Gassen aus Schleswig-Holstein. Es wird nicht viel gesprochen da oben im dritten Stock. Man steht in kleinen Grüppchen zusammen und tuschelt. Selbst als der gelbe Balken auf dem Fernsehschirm immer höher und immer höher klettert und schließlich bei unglaublichen zehn Prozent stehen bleibt, weht nur ein leichtes Raunen durch den Raum. Mit „stiller Freude“ sei das Ergebnis zur Kenntnis genommen worden, erinnert sich später einer, der dabei war.

Stille Freude? Bei einem Ergebnis, das es in dieser Höhe in Niedersachsen noch nie zuvor gegeben hat? Unten in der Halle, wo die einfachen FDP-Anhänger zur gleichen Zeit bei Bier und Wein auf den Ausgang der Wahl warten, reißt man jubelnd die Arme hoch und prostet sich strahlend zu. Hier oben im dritten Stock wissen sie längst, dass es nicht viel zu feiern gibt: Fünf, manche sagen sogar sechs oder mehr Prozent der Niedersachsen haben ihr Kreuzchen taktisch bei der FDP gemacht, obwohl und weil sie CDU-Anhänger sind. Aus eigener Kraft wäre der Erfolg nie gelungen.

„Die Niedersachsen haben die Koalition gewählt“, wird Wolfgang Kubicki später in die Kameras sagen. Aus Nordrhein-Westfalen, wo Christian Lindner die Landespartei anführt, wird kurz darauf ein gequälter knapp zweizeiliger Glückwunsch zum „schwarz-gelben Erfolg“ eintreffen. Hannover und die niedersächsische FDP, so viel steht fest, ist an diesem Abend gerettet. Die FDP als Ganze ist es nicht. Und ihr Vorsitzender, Philipp Rösler? Ganz allein wird er später an diesem Abend zu den Wartenden im Foyer des Dehler-Hauses sprechen. „Wir haben gezeigt: Wir schaffen Wahlerfolge und Wahlsiege“, wird er sagen und dass das „Rennen jetzt erst losgeht“. Früher hätten die Oberen der FDP bei so einem Ergebnis dicht gedrängt um den Chef herum auf dem Podium gestanden. Jeder hätte da aufs Gruppenbild gewollt. An diesem Abend stehen sie am Rand und klatschen artig. Nur Wiebke, Röslers Ehefrau, fällt ihrem Philipp strahlend um den Hals.

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