Wahl in Schleswig-Holstein : Im Küstennebel

Es war ein Wahlkampf ohne Themen, ohne Favoriten in Schleswig-Holstein. Und so ist auch das Ergebnis: undurchsichtig. Jeder könnte mit jedem koalieren, die Sieger haben nicht gewonnen. Wäre da nicht ein kleines Kieler Wunder.

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Jost de Jager, CDU-Spitzenkandidat (links), und Torsten Albig, SPD-Spitzenkandidat, beäugen sich in Kiel.
Jost de Jager, CDU-Spitzenkandidat (links), und Torsten Albig, SPD-Spitzenkandidat, beäugen sich in Kiel.Foto: dpa

Er ist der Erste. Gerade mal 18 Minuten sind die Türen der Wahllokale zu, da schiebt er sich durch die Jubelnden, grobes, graues Jackett, schwarzes Hemd, den Kragen weit offen, Drei-Tage- Bart – hätte er einen Revolvergurt umgeschnallt, würde das wahrscheinlich auch keinen wundern. Was Wolfgang Kubicki in Händen hält, ist aber ein Mikrofon. „Ich muss ja noch weiter“, grinst er. Doch das will der erste Mann der FDP in Schleswig-Holstein doch erst mal festhalten vor den eigenen Leuten: „Das ist ein unglaublicher Erfolg dieser Landespartei!“ Vor drei Wochen, sagt Kubicki, war er mit Chefredakteuren im Restaurant „Kieler Kaufmann“ und hat denen prophezeit, dass er sechs bis neun Prozent holen wird. Die Reaktion war Häme. „Eine so arrogante“ – Kubicki macht eine Kunstpause – „anmaßende“ – noch eine Pause – „überhebliche ...“ Er bringt den Satz nicht zu Ende, die vor ihm verstehen auch so.

Wolfgang Kubicki hat 8,5 Prozent erreicht, das zweitbeste Wahlergebnis in der Geschichte der Nord-FDP, mitten in der tiefen Krise der Freien Demokraten. Er hat es ihnen gezeigt. „Mein Gott, das sind doch alles Tagdenker“, sagt Kubicki. „Wir denken über den Tag hinaus.“ Das tun andere zwar auch, sie machen aber keinen ganz so gelösten Eindruck dabei. Schleswig-Holstein hat seinen Landtag neu gewählt, keine große Sache eigentlich, gerade 2,2 Millionen Wahlberechtigte leben zwischen Elbe und Flensburger Förde, weniger als in Berlin. Was diese Wähler an diesem Sonntag aber angerichtet haben, könnte zum Muster werden: Zwei Große von heute, die kleiner sind als sie sich fühlen, und etliche Kleine, die nicht miteinander können. Es ist ein Muster, das den Großen von heute noch viel Kopfzerbrechen bereiten kann.

Die Wahl in Schleswig-Holstein in Bildern:

So wählt Schleswig-Holstein
Ernüchterung in den Gesichtern der SPD-Mitglieder.Weitere Bilder anzeigen
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06.05.2012 16:12Ernüchterung in den Gesichtern der SPD-Mitglieder.

Bei Torsten Albig ist das wortwörtlich zu nehmen. Der SPD-Spitzenkandidat kratzt sich die markante Glatze, dann schaut er seine Anhänger durch die flotte Designerbrille an und zuckt leicht die Schultern: „Das war nicht das, was ich euch versprochen hatte.“ Versprochen hat Albig den Sozialdemokraten, dass er sie im Triumph zurückbringt an die Macht. Dafür haben sie ihn vor eineinhalb Jahren per Mitgliederentscheid zum Spitzenkandidaten bestimmt, ihn, den freundlichen Weltläufigen, der in Berlin der Sprecher von Peer Steinbrück war. Sie haben ihn dem essigsauren Parteisoldaten Ralf Stegner vorgezogen. 40 Prozent hat Albig als sein Ziel genannt. Heraus gekommen sind gerade mal 30. Außerdem liegt die CDU davor. Knapp, aber davor. „Jost de Jager Ministerpräsident, Ministerpräsident, Ministerpräsident!“ brüllen die Anhänger des CDU-Spitzenkandidaten schon durch die Flure im Landeshaus. Der erste Platz war nicht selbstverständlich, die schwarz-gelbe Vorgängerregierung war ziemlich unten durch. „Wir sind stolz, dass uns die Menschen nochmal den Auftrag zur Regierungsbildung gegeben haben“, sagt de Jager. „Er ist der richtige Mann, Schleswig-Holstein in eine gute Zukunft zu führen“, sekundiert CDU-Bundesgeneral Hermann Gröhe. Ob Gröhe schon mal im Geiste an 2013 denkt? „Sie ist die richtige Frau, Deutschland in eine gute Zukunft zu führen“ – der Satz könnte an einem Wahlabend im Herbst dann genau so passen, aus ebenso deprimierenden Gründen. Vom Auftrag bis zur Regierung ist ein weiter Weg. Vielleicht zu weit. Denn das Muster, das sich da abzeichnet, enthält für die Großen von heute eine sehr klare Botschaft: Einfach ist nichts mehr.

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