Wahlbeobachter : Afghanistan-Wahl mit zahlreichen Unregelmäßigkeiten

Afghanistan hat gewählt, doch demokratischen Standards genügte die Abstimmung offenbar nicht. Unabhängige Stimmen berichten von Manipulationen und Taliban-Gewalt

Knapp 7400 Mitarbeiter der Stiftung für Freie und Faire Wahlen in Afghanistan (Fefa) waren bei der Präsidentschaftswahl in Afghanistan im Einsatz. Dort wurden sie Zeugen vieler Unregelmäßigkeiten, wie ihr Chef Nader Naderi nun berichtet. Demnach wurden Stimmen mehrfach abgegeben, gab es minderjährige Wähler und parteiische Mitarbeiter der Wahlkommission. In manchen Gegenden seien Wahlurnen nach Schließung der Wahllokale mit gefälschten Stimmzetteln aufgefüllt worden.

Die Wahlbeobachter der Europäischen Union werteten den bisherigen Verlauf der Präsidentschaftswahl dagegen dennoch als "weitgehend positiv". Sie sind mit rund 250 Mitarbeitern die größte internationale Beobachtergruppe. Die Beobachtermission teilte mit, man begrüße die Abstimmung als einen "Sieg über jene, die die Afghanen davon abhalten wollten, über ihre eigene Zukunft zu entscheiden". Die Unabhängige Wahlkommission habe "generell effizient funktioniert".

Dennoch gingen nach Einschätzung internationaler Beobachter weniger als die Hälfte der nach offiziellen Angaben 17 Millionen registrierten Wähler zur Wahl. "Ausgenommen von wenigen städtischen Zentren gab es eine sehr geringe Wahlbeteiligung", sagte der Co-Direktor des Afghanistan Analysts Networt, Thomas Ruttig. "Die Kampagne der Taliban hat schon ziemlich weit getragen und die Wahlbeteiligung auf jeden Fall gedrückt." In den Unruheregionen, in denen die Taliban stark sind, hätten nur zwischen fünf und 15 Prozent der Wähler ihre Stimme abgegeben, erklärte einer der internationalen Wahlbeobachter. Im Norden seien es bis zu 60 Prozent, im Westen maximal 50 Prozent gewesen.

Fefa-Chef Nadery sagte, Beobachter der Organisation seien auch Zeugen der "illegalen und brutalen Bestrafung durch die Taliban" geworden. Mindestens zwei Wählern sei nach der Stimmabgabe in der südafghanischen Provinz Kandahar von Aufständischen ein Finger abgeschnitten worden – und damit ihre Drohung wahr gemacht.

Die Aufständischen können ihre perfide Vergeltung auch deshalb so zielgenau ausführen, da in Afghanistan jedem, der zur Wahl geht, der Finger mit nicht abwaschbarer Tinte markiert wird. Damit sollen Mehrfach-Stimmabgaben in verschiedenen Wahllokalen verhindert werden. Die lila Farbe ist noch Tage nach der Wahl zu sehen.

Während der Abstimmung waren 300.000 Sicherheitskräfte im Einsatz. Dennoch kamen binnen weniger Stunden mehr als 50 Menschen bei verschiedenen Anschlägen und Gefechten ums Leben. Unter den Toten waren nach offiziellen Angaben auch Soldaten, Polizisten und Zivilisten. Laut der Regierung von Amtsinhaber Hamid Karsai gab es am Wahltag insgesamt 73 gewaltsame Zwischenfälle.

Quelle: ZEIT ONLINE, dpa, bm

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