Wahlen : Die Afghanen sind gefragt

Am Wahltag will Bundeswehr nur im Hintergrund wirken – einheimische Kräfte sollen Stimmabgabe in Afghanistan sichern. Es ist erst die zweite Wahl seit dem Sturz der Taliban.

Michael Schmidt

BerlinBerlin - Die Nato hat am Hindukusch zuletzt Präsenz zeigen und Stärke demonstrieren wollen. Am Wahltag selbst aber will sie im Hintergrund bleiben. Die Zahl ihrer Soldaten in Afghanistan hat sich innerhalb von sechs Jahren mehr als verzehnfacht. Zur Präsidentschaftswahl am morgigen Donnerstag ist sie mit 64 500 so hoch wie nie. Doch an diesem 20. August will die Allianz möglichst gar nicht in Erscheinung treten.

Auf Angriffe solle ganz verzichtet werden, teilte das Militärbündnis am Dienstag mit. Lediglich Aktionen, die zum Schutz der Bevölkerung nötig seien, sollten durchgeführt werden. Wenn es nach dem Willen der Bundeswehr geht, sollen auch die deutschen Truppen allenfalls in dritter Reihe agieren. „Wir stehen bereit, um gegebenenfalls einzugreifen“, sagte ein Sprecher des Einsatzführungskommandos in Potsdam. Vor etwa einer Woche sei die Bundeswehr „mit starken Kräften in der Fläche ausgerückt“, sagte der Sprecher. „Aber wir werden nicht direkt vor den Wahllokalen Posten beziehen.“

Hauptverantwortlich für die Sicherheit und eine ordnungsgemäße Wahl seien in erster Linie die afghanische Polizei und in zweiter die afghanische Armee. Die Bundeswehr und die internationale Schutztruppe Isaf bereiteten sich aber darauf vor, unterstützend einzugreifen, falls die radikalislamischen Taliban ihre Drohung wahr machen und mit Gewalt gegen die Abstimmung vorgehen. Im Fall von Anschlägen können deutsche Soldaten den Afghanen mit Transportmöglichkeiten, medizinischer Versorgung und militärischer Unterstützung unter die Arme greifen. In Deutschland steht außerdem die fliegende Rettungsstation der Bundeswehr, der Medevac-Airbus, mit mehr Sanitätern als sonst in Bereitschaft.

Die Bundeswehr ist derzeit mit rund 4200 Soldaten am Hindukusch im Einsatz. Etwa 3900 von ihnen sind in den Feldlagern in Masar-i-Scharif, Kundus und Faisabad sowie am usbekischen Versorgungsstützpunkt Termes stationiert, weitere 350 tun in der Hauptstadt Kabul Dienst. Vor der Wahl waren die deutschen Truppen um 600 Soldaten aufgestockt worden, von denen ursprünglich 200 nach dem Urnengang wieder abgezogen werden sollten. Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) macht dies inzwischen jedoch von der Sicherheitslage abhängig. Die ist auch in Kundus so schlecht wie nie seit dem Sturz des Taliban-Regimes Ende 2001.

Der Afghanistanbeauftragte des Auswärtigen Amtes, Bernd Mützelburg, sagte am Dienstag in Berlin, es sei auch nach der Wahl mit Problemen zu rechnen. Vor allem, wenn das Ergebnis nicht mit den Erwartungen zumindest weiter Teile der afghanischen Bevölkerung übereinstimme oder wenn unterlegene Kandidaten – schließlich werde es bei 35 Kandidaten 34 Wahlverlierer geben – Zweifel an dessen Zustandekommen äußerten. Auch eine Stichwahl könne für eine Phase neuer Unsicherheit sorgen.

Probleme bei der Wahl – der zweiten seit dem Sturz der Taliban, der ersten in afghanischer Verantwortung – hält Mützelburg angesichts der Geschichte des Landes, seiner Geografie und sozialen Zersplitterung aber nicht für überraschend. Erstaunlich sei vielmehr, dass die Abstimmung mit so „großem Engagement“ der Afghanen und „lebhaften öffentlichen Debatten“ über die Kandidaten stattfinde, sagte der Beauftragte des Auswärtigen Amtes.

17 Millionen Wähler hätten sich registriert. 50 000 Wahlurnen und Wahlzettel seien auch in die abgelegensten Regionen gebracht worden – unter erheblichem logistischem Aufwand, mit mehr als 3000 Fahrzeugen, einigen Hubschraubern und unzähligen Eseln. Von 165 000 geplanten Wahlhelfern seien 90 Prozent tatsächlich rekrutiert worden, darunter viele Helferinnen, die es Frauen erleichtern sollten, zur Wahl zu gehen.

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