Wahlen in Argentinien : Nach Kirchner ist vor Kirchner

Christina Fernandez de Kirchner ist die neue Präsidentin von Argentinien - und die Ehefrau ihres Vorgängers Nestor Kirchner. Der ungewönliche innerfamiliäre Machtwechsel könnte einige Veränderungen in dem riesigen Land mit sich bringen.

Michael Schmidt

BerlinBerlin - Der Staffelstab ist übergeben, der fliegende Wechsel von Präsident Nestor zu seiner Nachfolgerin und Ehefrau Christina Fernandez de Kirchner vollzogen: Die bisherige First Lady hat das höchste Staatsamt in Argentinien übernommen. Im Oktober hatte die 54-Jährige 45 Prozent der Stimmen erhalten und sich damit den Sieg schon im ersten Wahlgang gesichert. Mit ihrer Vereidigung am gestrigen Montag in Buenos Aires nun vollzog sich der letzte Schritt dieses ungewöhnlichen innerfamiliären Machtwechsels.

„Auf Christina warten schwere Aufgaben“, sagte Nestor Kirchner. Aber er übergebe ein Land in gutem Zustand. Tatsächlich bewertet laut Umfragen ein überwältigender Teil der Bevölkerung – 76,9 Prozent – seine Regierungszeit positiv. Er hat das Land nach dem wirtschaftlichen Kollaps 2001 aus der Krise geführt, wirtschaftlich saniert und politisch stabilisiert. Zwar hat Argentinien nach wie vor mehr als sechs Milliarden Dollar Schulden bei Gläubigerstaaten. Doch beim Internationalen Währungsfonds (IWF) hat das Land 2006 sämtliche Schulden beglichen. Die Wirtschaft erzielte dank üppiger Exporterlöse ein Wachstum von durchschnittlich acht Prozent jährlich und die Arbeitslosenquote sank fast auf einen einstelligen Wert. Fernandez de Kirchner hat im Wahlkampf denn auch immer wieder erklärt, sie setze auf Kontinuität, allerdings mit neuen Akzenten.

Neuer Regierungsstil in der Casa Rosada

Beobachter wie Klaus Bodemer, der frühere Direktor des Giga-Instituts für Iberoamerikakunde in Hamburg, erwarten, dass die Inhalte der Politik im Wesentlichen die gleichen bleiben – immerhin hat sie acht Minister ihres Vorgängers übernommen –, aber ein neuer Stil in die Casa Rosada, das Regierungsgebäude in Buenos Aires, einziehen werde. Ihr Gatte galt als bestenfalls unkonventionell, Kritiker sprechen eher von flegelhaftem Verhalten. Er habe streng, launenhaft und cholerisch nach Gutsherrenart und fast ausschließlich per Notstandsdekret regiert und seine gesamte Amtszeit über nicht eine einzige Pressekonferenz oder auch nur eine Kabinettssitzung abgehalten.

Kirchner contra  Quertreiber aus den eigenen Reihen

Cristina Kirchner werde innen- wie außenpolitisch konzilianter, moderater, pragmatischer auftreten, sagt Bodemer. Sie wird öfter ins Ausland reisen und zu Hugo Chávez, der Argentinien mit Krediten unter die Arme gegriffen hat, ein bisschen mehr Distanz halten und ein ausgeglicheneres Verhältnis zu den USA und zu den Nachbarn Brasilien und Chile suchen. Einen starken Gegner hat sie weniger in der zersplitterten Opposition als in Quertreibern aus den eigenen Reihen zu erwarten. Und in der Wirklichkeit. Die nämlich ist durch Korruption, Inflation und die Aushöhlung staatlicher Institutionen geprägt.

Manche haben sich gefragt, warum Nestor Kirchner nicht eine von der Verfassung erlaubte zweite Amtszeit angestrebt hat. Und es hält sich das Gerücht: Christina werde unpopuläre Maßnahmen ergreifen müssen, das könnte Unzufriedenheit schaffen – und wenn Nestor Kirchner in vier Jahren erneut kandidiert, werde seine Regierungszeit im Rückblick als Goldenes Zeitalter gelten.

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