Politik : Wahlen in Hamburg: Der Denkzettel der älteren Männer

Die großen Volksparteien SPD und CDU haben nach Einschätzung der Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen das Thema Kriminalität in Hamburg unterschätzt. Wir dokumentieren die am Montag veröffentlichte Analyse auszugsweise.

Der eigentliche Gewinner der Bürgerschaftswahl heißt Ronald Schill: Obwohl 43 Prozente der Hamburger die Schill-Partei nicht für eine demokratische Partei halten, hat zuvor noch keine andere Partei ein vergleichbar fulminantes Debüt geschafft. Grafik: Die Wähler der Schill-Partei Beide großen Volksparteien haben viel von ihrer ursprünglichen Bindungskraft eingebüßt: Wie schon 1997 ist es der SPD nicht gelungen, an ihre guten Ergebnisse aus früheren Zeiten anzuknüpfen. Sowohl SPD als auch CDU lagen ganz dicht bei ihren schlechtesten Ergebnissen, die sie je in Hamburg hatten. Beide hatten bei den über 45-Jährigen ihre stärksten Verluste. Bei den über 60-jährigen Männern verlor die CDU sogar 10 Prozentpunkte und die SPD 7 Prozentpunkte. Bei Facharbeitern büßte die SPD 10 Prozentpunkte ein. Insgesamt zeigt es, dass beide große Parteien die Sicherheitsprobleme insbesondere der Älteren und die Probleme der "einfachen Leute" vernachlässigt haben.

Beim dominierenden Thema "Innere Sicherheit" erreichte Ronald Schill die größte Lösungskompetenz (28 Prozent). Lediglich 23 Prozent nannten die CDU und nur 19 Prozent die SPD. Der große Zuspruch für den Richter und seine Partei unterstreicht, dass es sich um keine herkömmliche Protestpartei handelt. Da sich 43 Prozent der Hanseaten durch Kriminalität in ihrer Stadt bedroht fühlen, hat Schill mit seinem zentralen Wahlkampfthema den Nerv eines Großteils der Hamburger Bürger getroffen. Während nur 26 Prozent der Grünen-Anhänger von einer Bedrohung sprechen, sind dies bei den Anhängern von SPD 28 Prozent, von CDU bereits 50 Prozent und von Schill sogar 69 Prozent.

Insgesamt wurde die Schill-Partei von deutlich mehr Männern (23 Prozent) als Frauen (17 Prozent) gewählt, vor allem Männer über 45 Jahren entschieden sich für Schill. Besonders gut abgeschnitten hat die Schill-Partei außerdem bei Wählern mit formal niedriger Bildung (27 Prozent) und unter den Berufstätigen bei den Arbeitern (31 Prozent).

Die Terroranschläge in den USA verschärften zwar die Diskussion um die Innere Sicherheit, doch nur 16 Prozent waren der Meinung, den Sicherheitsbehörden müsse ein Vorwurf gemacht werden, dass sie die in der Stadt lebenden Attentäter nicht enttarnt haben.

Beim Duell der Spitzenkandidaten lagen Ortwin Runde (SPD) und Ole von Beust (CDU) mit 43 Prozent beziehungsweise 42 Prozent praktisch gleichauf. Hamburgs bisheriger Regierungschef konnte dabei im Gegensatz zu den meisten seiner Amtskollegen nicht von einem Amtsbonus profitieren. Die Leistungen des Hamburger Senats in der ablaufenden Legislaturperiode fanden bei den Wählern nur mäßige Zustimmung.

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