Wahlen in Russland : Wladimir Putin - der Unnahbare

Russland wählt am Sonntag seinen Präsidenten. Fünf Kandidaten treten an: ein Kommunist, ein Milliardär, ein Polit-Clown, eine graue Maus und Wladimir Putin, der Ministerpräsident. Der, dessen Gesicht sie alle kennen – aber wissen sie, wer er ist?

Inna Hartwich
Ein Mann und sein Platz. Wladimir Putin will zurück in den Kreml.
Ein Mann und sein Platz. Wladimir Putin will zurück in den Kreml.Foto: AFP

Ein Telefonklingeln. Alexander hatte gesagt, er habe Zeit am Mittwoch. Viel Zeit. Denn die werde man brauchen. Der Mensch sei nicht in zwei Sätzen zu beschreiben. „Der Mensch.“

Schmale Augen, starrer Blick, die Pupillen verengt, schwarz und tief. Ein eisiges Blau, fast schmerzhaft. Ein Bild, weggezoomt, herangezoomt. Bis es passt, bis der Ausschnitt das liefert, was es liefern soll. Den Menschen dahinter? Sein Abbild? Rätselhaft und unnahbar.

Russland wählt am heutigen Sonntag seinen Präsidenten. Wladimir Putin wird gewinnen.

Alexander sagt nicht „Wowa“, er sagt auch nicht „Wolodja“, nicht einmal „Wladimir Wladimirowitsch“ und schon gar nicht Premier. Jahrelang hat er mit dem „Menschen“ gearbeitet, Seite an Seite, hat ihn beraten, manchmal seinen eigenen Kopf darüber geschüttelt – und ist selbst zum Schatten geworden. Irgendwo in den Straßenschluchten von Moskau zu Hause, mit wechselnden Telefonnummern. Deshalb soll sein Name nicht bekannt werden. „Alexander reicht.“ Ein Allerweltsname, in Russland zumal.

Er soll davon berichten, was über Putin nicht in den Archiven steht. Den Menschen hinter dem Mann erklären, der am 7. Oktober 1952 in Leningrad, heute St. Petersburg, an der Newa gelegen, zur Welt kam. Im Winter ist es in der Stadt im Norden extrem windig, im Sommer extrem hell – wegen der weißen Nächte. Im Oktober 1952 ist es nicht mehr hell, noch nicht windig und dieser Mensch allein. Ungewollt. Die Geschwister waren gestorben, verhungert. Die Eltern malochen, als Schlosser und Sanitäterin in einem Waggonbauwerk. Es ist eng an der Baskow-Seitenstraße Nummer 12. Zusammenrücken in der Kommunalka, dieser typischen Wohnform der Sowjetunion, der komplexen Beziehung zwischen Staat und Individuum, wo jeder Einzelne stets von der Gemeinschaft auf kleinstem Raum beobachtet bleibt. 20 Quadratmeter, zu dritt, mit Wladimir, dem Vater, und Maria, der Mutter. Durchschnitt. Am 5. März 1953 stirbt der Diktator Stalin, Putin ist keine fünf Monate alt. Der heute 59-Jährige erzählt gern die Geschichte seiner Jugend, auch jetzt noch im Wahlkampf, wo er auf der dafür geschalteten Homepage Schwarzweiß-Bilder aus den 50er, 60er und 70ern zeigen lässt. Seht her, ich bin euch ebenbürtig! Er untermalt gern das Bild des schwierigen Jungen, der Prügel von den Nachbarn bekam, der selbst austeilte. Bis heute hat Putin das Austeilen nicht verlernt.

Putin und Medwedew - Puppenspieler der Macht
In jeder Lage perfekt inszeniert: Wladimir Putin hat alles fest im Griff.Weitere Bilder anzeigen
1 von 11Foto: REUTERS
17.08.2011 11:20In jeder Lage perfekt inszeniert: Wladimir Putin hat alles fest im Griff.

Alexander hatte Zeit am Donnerstag. Auch am Freitag, am nächsten Mittwoch und am übernächsten. Sagte zu. Und sagte ab. Über seinen ehemaligen Vorgesetzten erzählte er nichts. Den „Menschen“ Putin. Der russische Premier, der Bücher wie Stadien füllt, der Proteste hervorruft und Begeisterung, der stark ist für die einen und als skrupellos gilt bei den anderen, er bleibt verborgen. Auch denen, die etwas über ihn erzählen könnten? Sie wagen es jedenfalls nicht zu sagen.

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