Wahlen : Ukraine: Helfer klagen über schlampige Vorbereitung

Wassil Protywsich trägt auch am „Tag X“ seinen bekannten Schal zur Schau. Lächelnd schreitet er im Wahllokal 69 des westukrainischen Ivano- Frankiwsk zur Urne und gibt sich selbst seine Stimme. Auf dem auffälligen weißen Halsschmuck prangt schwarz auf weiß sein Name: „Gegen alle“.

Knut Krohn

Warschau - Er vertraue auf Gott und die Weisheit der ukrainischen Wähler, die ihm alle ihre Stimme geben würden, verkündet er lächelnd mit dem Selbstbewusstsein des sicheren Siegers. Wassil Protywsich hieß vor einigen Monaten noch Humenjuk. Dann aber kam der Leiter der Industrie- und Handelskammer von Ivano-Frankiwsk auf die Idee, bei den Präsidentenwahlen die große Fraktion der frustrierten Wähler auf seine Seite zu ziehen. Ein politisches Programm für den Aufbau des Landes hat er nicht, dafür aber viele wirre Ideen.

Über Wochen hatte es der Juxkandidat in die Schlagzeilen geschafft, doch in den letzten Stunden vor der Präsidentenwahl durften sich noch einmal die drei Hauptkandidaten ausführlich zu Wort melden. Wirklich Neues wussten aber auch sie nicht zu verkünden. Fast tragisch wirkte der Auftritt von Präsident Viktor Juschtschenko. Er zog ein überwältigendes Fazit seiner Amtszeit und gab die Schuld für die seit Jahren andauernde Krise natürlich seinen politischen Gegnern. Den Fragen, was er im Fall einer wahrscheinlichen Niederlage machen werde, wich er müde aus. Den letzten Umfragen zufolge wollten nur noch fünf Prozent der Wähler ihm die Stimme geben.

Die beiden Favoriten für die wahrscheinliche Stichwahl am 7. Februar droschen dann gegenseitig aufeinander ein. Während der prorussische Viktor Janukowitsch ein Präsident aller Ukrainer sein möchte und das herrschende Chaos zu beenden versprach, warnte Julia Timoschenko davor, die Stimme „anti-ukrainischen Kräften zu geben“ – gemeint war natürlich ihr größter Rivale Janukowitsch.

Timoschenko hatte in den vergangenen Tagen noch einmal die Stimmung gegen Janukowitsch geschürt. Sie bezichtige ihn, Wahlfälschungen im großen Stile vorzubereiten. Schwierigkeiten bereitete den Wahlhelfern indes die schlechte Vorbereitung auf die Abstimmung. Aus Lemberg berichtete Oksana Daschakivska, Leiterin des dortigen Wählerkomitees, dass viele Wähler nicht abstimmen könnten. „Ganze Häuser“ würden in den offiziellen Listen nicht auftauchen, hieß es. Die Erklärung dafür war schnell gefunden: die Wählerlisten stammten aus dem Jahr 2002. Niemand hatte daran gedacht, sie zu aktualisieren.Knut Krohn

» Mehr Politik? Tagesspiegel lesen + 50 % sparen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar