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Interview

Jörg Schönbohm: „Die Wahl sollte ein Warnschuss sein“

Nach den Einbußen der Unionsparteien fordert Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm im Interview mit dem Tagesspiegel eine ehrliche Debatte über die Ursachen.
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Will das »konservative Tafelsilber wieder pflegen«: CDU-Politiker Jörg Schönbohm. - Foto: dpa-Zentralbild
Sie sind mehrfach als „letzter Konservativer der CDU“ bezeichnet worden. Schon nach den Verlusten bei der Bundestagswahl 2005 warnten Sie davor, das „konservative Tafelsilber der Union zu verscheuern“. Sind Ihre Sorgen heute geringer?

Natürlich nicht, meine Befürchtungen sind eher größer geworden. Unser Ergebnis bei der Bundestagswahl ist ja nicht besser, sondern schlechter als 2005. Und das trotz Amtsbonus der Kanzlerin Angela Merkel. Nun mag es ein allgemeiner Trend sein, dass die Bindungskraft der Volksparteien nachlässt. Mich hat am meisten überrascht, dass die Union selbst in traditionellen Kernländern Ergebnisse eingefahren hat, die vor zehn oder 15 Jahren noch unvorstellbar waren, selbst in Bayern oder in Baden-Württemberg. Das muss alarmieren.

Woran liegt das?

Die Bundestagswahl sollte ein Warnschuss sein. Ich glaube, die Union kümmert sich nicht mehr genügend um frühere Stammwähler. Die sehnen sich schon nach klaren Aussagen, nach dem Bekenntnis zur Familie, zur Förderung der Heimat, gerade um einen Halt in der sich globalisierenden Welt zu haben. Das ist das, was ich mit dem Satz meine: Die Union muss ihr konservatives Tafelsilber wieder pflegen.

Warum halten Sie es für falsch, dass die Union sich unter Angela Merkel öffnet, zur Mitte rückt, um neue Wählerschichten zu erschließen?

Es geht um das Maß. Übertreibt man, berührt das die Identität, den wertkonservativen Markenkern unserer Partei, die das „C“ im Namen trägt. Dies darf nicht weiter verwässert werden. Natürlich müssen wir uns zur Mitte öffnen, der Jugend eine Perspektive geben. Aber wir leben in einer sich differenzierenden Gesellschaft, die CDU hatte dies als Volkspartei aufgenommen. Es gab die Flügel der Konservativen, der Arbeitnehmer, der Wirtschaft. Jetzt kommt keiner mehr richtig vor, auch nicht mit Personen, mit denen sich die verschiedenen Wählergruppierungen identifizieren können.

Und der Erfolg von CSU-Wirtschaftsminister Theodor zu Guttenberg?

Das meine ich ja. Wie es Herr zu Guttenberg in der Beliebtheitsskala in kürzester Zeit nach oben geschafft hat, gibt einen Hinweis darauf, was den Menschen fehlt, nämlich Klarheit.

Was erwarten Sie von Ihrer Partei, von der Vorsitzenden Angela Merkel?

Wir sollten diesmal nicht wieder einfach zur Tagesordnung, zum Regierungsgeschäft übergehen. Das Ergebnis der Wahl muss ehrlich ausgewertet werden. Eine offene Debatte, die Auswertung der damaligen herben Verluste mit der Basis der Partei, hat es schon 2005 nicht ausreichend gegeben. Wir müssen zum Beispiel untersuchen, warum so viele Wähler von der CDU zur FDP gewechselt oder der Wahl ferngeblieben sind.

Was bedeutet dies alles für die schwarz- gelbe Regierungskoalition?

Es wird für die Union nicht einfach. Die FDP wird darum ringen, ihr bestes Ergebnis seit Gründung der Bundesrepublik dauerhaft zu behaupten. Die CDU muss verlorenes Terrain zurückgewinnen, um die Partei der gesellschaftlichen Mitte zu bleiben, die Flügel auszubalancieren. Ich vermute, dass die Verhandlungen, dass die zunächst einmal erfreuliche Koalition mit der FDP ein schweres Stück Arbeit wird. Wir ringen zum Teil um dieselbe Klientel.

Wie sehen Sie den Absturz der SPD?

Ohne Schadenfreude. Die SPD hat einen Teil der linken Identität an die Linkspartei abgegeben. Man wird sehen, zu welchen Verwerfungen das noch führt, ob es etwa zur nächsten Bundestagswahl auf eine Blockkonfrontation hinausläuft, einen Lagerwahlkampf zwischen Rot-Rot- Grün und den bürgerlichen Parteien. Eine solche Polarisierung wäre nicht gut für Deutschland.

Welche Lehre sollte die CDU aus dem Schicksal der SPD ziehen?

Wir müssen aufpassen, dass es rechts von der Union keine Partei geben darf. Uns darf nicht dasselbe passieren wie der SPD von links. Auch deshalb ist es wichtig, das konservative Profil nicht weiter zu verwässern.

Das Interview führte Thorsten Metzner



(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 05.10.2009)
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Kommentare [ 11 ] Kommentar hinzufügen »

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von brandenburger brandenburger ist gerade offline | 5.10.2009 3:15 Uhr
Einsortierung und Plazierung
Schon interessant, was Herr Schönbohm hier unwidersprochen darstellen darf.

Die SPD ist deutlich nach rechts geschwenkt, zur vermeintlichen Mitte ohne die Bremse zu finden und hat dabei ihre Klientel schlicht verraten und verkauft.

Die CDU hat sich nur wenig, aber immerhin ein bischen breiter gemacht in der vermeintlichen Mitte, ohne rechts etwas auf zu geben - was ihr wahrlich nicht schwer fällt auch den rechten Rand zu besetzen.

Ach, die FDP ist die "Mitte" als einfache Nur-Klientel-Partei der besser Verdienenden bis zu den ganz Reichen?

Weiterhin sei die Frage, was das immer mit dem "bürgerlich" soll. Sind die anderen keine Menschen, keine Bürger, haben die keine Werte? Oder steht das eher für erzkonservatives, beharrendes Spiessertum, das auf der anderen Seite aber fröhlich an der Börse mitzockt und verdient, die kleinen Leute als Arbeitnehmer ausbeutet (natürlich ohne Mindestlohn und sonstwelchem Gedöns)?
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von marel marel ist gerade offline | 5.10.2009 12:11 Uhr
Wer die Mitte gewinnt, regiert, wer sich an den Rand stellt verliert
Das haben Sie mit Schönbohm gemeinsam: Sie verkennen, daß der regiert, der die Mitte gewinnt, nicht wer den extremen Rand gewinnt.

Der Wähler will Wirtschaftskompetenz UND soziale Gerechtigkeit. Er will nicht ENTWEDER ... ODER.

Sie wollen, daß die SPD ihre Wirtschaftskomptenz aufgibt und nach links rückt, um "Klientel nicht zu verraten". Mit Verlaub, das ist krank.

Die Klientel einer Partei, sind ihre Wähler. Die SPD ist die Partei der arbeitenden Bevölkerung, nicht die der Stasi-Rentner. Wer arbeiten will, braucht keine Partei, die die Wirtschaft ruiniert.

Genauso wie Sie, ist Schönbohm auf dem Holzweg. Eine CDU ohne soziales Gewissen, mag zwar nach Schönbohms Meinung einen wertkonservativen Markenkern darstellen. Gewählt wird so eine CDU aber nur von einer Minderheit.

Das haben sowohl Schröder als auch Merkel erkannt und darum die Wahlen gewonnen. Die SPD nach Schröder, die über Koalitionen mit der Linksparte schwadroniert hat, hat die Wahlen verloren. Würde die CDU Koalitionen mit der DVU eingehen, würde es ihr so ergehen wie der SPD heute, aber so dumm ist die CDU nicht.
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von fritz fritz ist gerade offline | 5.10.2009 17:29 Uhr
@marel
"Wertkonservativ" bedeutet zwingend, dass besonders die sozialen Werte gepflegt werden und nicht - wie Sie schreiben - das Gegenteil.
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von metua metua ist gerade offline | 5.10.2009 18:00 Uhr
@marel
aber genau dazwischen MUSS man sich ja leider entscheiden oder aber der Begriff "soziale Gerechtigkeit" wird sehr unterschiedlich verstanden, nein verwendet. Die einen meinen es, die anderen sagen es nur...
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von peterchen peterchen ist gerade offline | 5.10.2009 8:10 Uhr
Bedenklicher Ratschlag
>>...Wir müssen aufpassen, dass es rechts von der Union keine Partei geben darf...<
Ich halte diesen Ratschlag an die eigene Partei für extrem bedenklich - bedeutet er doch, daß die CDU aus Sicht Schönbohms Wählerschichten von NPD und DVU für sich vereinnahmen sollte.
Meinte er das wirklich? Will er wirklich braunes Gedankengut in der Union?
Das sollte mich arg enttäuschen.
Wenn man allerdings so manche Stellungnahmen in Foren der JUNGEN UNION - zum Beispiel auch im StudiVZ o.ä. - liest, kann man durchaus zu dem Schluß kommen, das sei ernst gemeint!
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von oliver111 oliver111 ist gerade offline | 5.10.2009 9:54 Uhr
@Peterchen
Das ist ernstgemeint und die FPD hat auch schon eine ganze Menge Rechte ins Boot geholt, bei den Parolen, die Rüttgers und Westerwelle raushauen, wird genau das Klientel rangezogen, dass ist gewollt oder haben Sie nicht gewusst, dass die CDU/CSU schon immer die rechteste Partei vor der NPD war, wenn man genau hinhört, was die sagen, dann weiß man es eigentlich, bei der FDP ist noch verstärkter, hören Sie mal genau auf den Tonfall von WW, dann wissen Sie was andere auch schon wissen.
Nicht zu vergessen, dass damals Möllemann auch Rechte in die FDP gelockt hat, Graf Lambsdorf (FDP) Schwarzkonten für seine Partei organisiert hat, ja wir wissen garnicht was uns da noch blüht.

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von marel marel ist gerade offline | 5.10.2009 13:02 Uhr
@peterchen
Eigentlich gibt Schönbohm die Antworten selbst:

1.) Die CDU soll sich weiterhin zur Mitte öffnen, um Mehrheiten zu gewinnen.

2.) Die CDU soll gleichzeitig am Rand "markante Personen" aufstellen, um auch den rechten Rand zu gewinnen und so DVU und NPD klein zu halten.

Diese Strategie hat die CDU schon immer erfolgreich verfolgt.

Schönbohm will die CDU also weiterhin breit aufstellen, auch wenn das einen ziemlichen Spagat ergibt. Das ist die Vorraussetzung um Mehrheiten zu gewinnnen und zu regieren. In der Praxis läuft es auf des Prinzip hinaus, rechts wird gepoltert, links (Merkel) wird regiert.

Würde die CDU Koalitionen mit der DVU diskutieren, wäre das für die DVU ein Erfolg und sie würde Wähler dazugewinnen. Daraufhin würde in der CDU die Diskussion losbrechen, sie müsse nach rechts rücken, damit die Wähler nicht zur DVU wandern.

In der Folge des Rechtsrucks würde sie aber die Mitte und damit die Wahlen verlieren, also genau das, was der SPD gerade mit umgekehrtem Vorzeichen passiert.

In anderen Ländern (Österreich, Frankreich) können Sie gut sehen, daß es am rechten Rand ca. 10% Wählerpotential gibt. Seit Jahrzehnten gelingt es der CDU durch klare Ablehnung rechtsextremer Parteien zu verhindern, daß daraus in Deutschland erfolgreiche Parteien erwachsen.

Die SPD hat sich durch das Gemauschel mit einer Partei am linken Rand dagegen dumm und fahrlässig verhalten und ihr selbst die Tür geöffnet. Nun muß sie dafür bluten. Sie hat bei dieser Wahl bereits die Mitte an CDU und FDP verloren.
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von josse josse ist gerade offline | 5.10.2009 9:44 Uhr
Wenn man Politik nicht nach Gesäßhälften oder -plätzen
beurteilen würde sondern nach deren Inhalten, könnte Herr Schönbohm auch das Gerede von "rechts" unterlassen.
Die CDU vernachlässigt ihre wertkonservative Klientel nicht nur, sie tritt sie immer wieder vor das Schienbein.
Kurz vor der Wahl beispielsweise diesem "Kriegsverräter"-Gesetz zuzustimmen, war ein solcher Fußtritt. Das Verhalten von Frau Merkel gegenüber Frau Steinbach waren gleich mehrere Tritte, die undiplomatischen, ungehörigen Bemerkungen/Anwürfe gegenüber Papst Benedikt waren ein weiterer Fehltritt. Die CDU Bildungspolitik ist eine einzige Katastrophe - man gucke nur nach NRW. Die Familie wird nicht gestärkt sondern die Frauen für billige Arbeitsplätze "freigestellt", während die Kinder fremdgepflegt werden usw. usf.
Die CDU/CSU brauchten ganz dringend ein Korrektiv auf der noch ehrlich konservativen Seite - die CDU ist nämlich wertfrei aufgestellt seit Frau Merkel das Sagen hat. Die Frau steht für nichts außer für den Machterhalt.
Vielleicht besinnt sich Herr Merz doch noch und kehrt eigenständig in die Politik zurück. Deutschland brauchte ihn und Seinesgleichen dringend.
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von drachenflieger drachenflieger ist gerade offline | 5.10.2009 9:58 Uhr
schönbohm
http://www.tagesspiegel.de/medien/cme21835,302307.html

Schönbohm ist ein Politiker der eigentlich erst einmal seine Aussagen überprüfen sollte, bevor er irgend welche Wertungen über die Wahl abgibt! Schönbohm hat es vor der letzten und auch vor dieser Bundestagswahl durch saudumme Äußerungen geschafft, daß die CDU im Osten Stimmen verlor! Recht hat er. wenn er schreibt, daß die Wahl ein Warnschuß ist, und daß seine Partei über künftige Politik, die gut ist für die "kleinen Leute, dringend nachdenken muß!
Schönbohm ist ein Auslaufmodell
Comment
von unbekannt | 5.10.2009 11:43 Uhr
Auslaufmodell
@vielflieger scheint mir eher ein Auslaufmodell zu sein.Mit einem Verteidigungsminister Schönbohm wäre die Republik wahrscheinlich nicht so tief in den afghanischen Sumpf gestolpert wie der elende Struck und der hilflose Jung.Schönbohm hätte als einer der besten Generäle,die wir sein 45 hatten,die Unmöglichkeit der Aufgabe plausibel gemacht.
Stattdessen musste man in Kabul einen Hütchen schwenkenden Struck als Gaudibursch und einen geistig unbescholtenen Jung mit seinem grossen Gefolge von Ministerialen und Offizieren(sog. Erklärbären) erleben,die nichts begriffen haben.
Comment
von hottereichlich hottereichlich ist gerade offline | 5.10.2009 18:19 Uhr
@brandenburger
Sie laufen ja mit vielen ideologischen Scheuklappen durchs Leben. Tut das nicht weh?
Bürgerlich bedeutet fleißig, patriotisch, initiativ, familienfreundlich, ehrlich, bildungsorientiert. Ganz einfach. Links bedeutet hingegen, weinerlich, anklagend, passiv, egoistisch, nivellierend. So einfach ist das und deswegen sind viele Arbeiter sehr bürgerlich und wählten deswegen früher SPD. Nahles oder Ypsilanti werden diese bürgerlichen Wähler nie wählen.

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