Die Wahl im Netz : Freud, Leid und trotzige Realitätsverkennung

Der Super-Wahlsonntag ist vorbei. Doch das Netz diskutiert munter weiter. Erstaunlich passiv dabei nach wie vor: die Spitzenkandidaten der Parteien selbst.

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Sekt und Selters: Julia Klöckner, flankiert am Wahlabend, darunter ihr eigener Kommentar: "Gute Stimmung". Offensichtlich.
Sekt und Selters: Julia Klöckner, flankiert am Wahlabend, darunter ihr eigener Kommentar: "Gute Stimmung". Offensichtlich.Foto: Screenshot Tso

Nein, an besonders fleißiger Social-Media-Nutzung kann es bei keinem der Spitzenkandidaten in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz gelegen haben. Sowohl Sieg als auch Niederlage lassen sich nur äußerst dürftig über die Netzansprache begründen - weil alle Frontleute hier weitgehend passiv blieben. Bis auf eine: Noch am Wahlabend twitterte Julia Klöckner, Spitzenkandidatin der CDU in Rheinland-Pfalz, dieses authentisch unscharfe Gruppenbild mit Familienministerin, und auch am Tag nach der Wahl blieb Klöckner aktiv: Am Vormittag waren auf ihrem Twitter-Account bereits wieder vier Posts veröffentlicht.

Andere waren da weniger fleißig: Kurt Becks Twitteraccount lag nach dem obligatorischen Wahlaufruf am Sonntag völlig brach, erst am Montagmorgen folgte ein Dank an die Wählerinnen und Wähler. Baden-Württembergs Noch-Ministerpräsident Stefan Mappus veröffentlichte auf seiner eigenen Facebook-Fanseite zuletzt am Freitagabend, dafür bekommt er in dem Freunde-Netzwerk seit Sonntagabend Rückenwind von der unvermeidlichen "Wir wollen Mappus zurück"-Seite, die nach dem Vorbild der überaus erfolgreichen Guttenberg-Fanpage "Wir wollen Guttenberg zurück" Front macht für den Noch-Ministerpräsidenten. Einziger Unterschied: Während sich für den Ex-Verteidigungsminister binnen weniger Stunden Zehntausende engagierten, waren es bei Mappus am Montagmorgen nur knapp über 500.

Anders liegt der Fall bei den Grünen: Zwar hielten sich auch hier in beiden Ländern die Spitzenkandidaten bei Facebook und Twitter vornehm zurück - ein am Wahlabend gelaunchter Twitter-Account des baden-württembergischen Spitzenkandidaten Winfried Kretschmann wurde von der Landespartei schnell als Fake entlarvt. Aber das dürfte wohl eher an der nach wie vor kritischen Haltung der Partei gegenüber jedem allzu offensiv zelebrierten Personenkult geschuldet sein: "Drei Tage wach" heißt die Netzwelt-Geheimwaffe, die die Partei bereits bei den Landtagswahlen in Hamburg und Sachsen-Anhalt in Anschlag gebracht hat. Das Konzept: Die letzten 72 Stunden vor dem Wahltag ist die Partei nonstop auf Sendung, es gibt einen Livestream mit grünen Spitzen- und Fachpolitikern, eine Möglichkeit, Fragen an die Partei zu richten. Klar, dass die Highlights der Aktion via Facebook und Twitter gespreadet werden. Das gab bereits im Vorfeld gute Kritiken: "Die Grünen haben aber ihre Web-Kreativität spielen lassen und sind auf einige Ideen gekommen, von denen sich manche Parteien eine Scheibe abschneiden könnten", wertete das Onlineportal wahl.de bereits in der Woche vor der Wahl.

Nach der Wahl sind nun weniger die Parteispitzen aktiv - Freud, Leid und trotzige Realitätsverkennung dokumentieren am Tag nach der Wahl die Basis- und Jugendorganisationen der Parteien: "Mappus ist weg", "freut" sich etwa die "Basisgruppe Ludwigsburg" der "Linksjugend Baden-Württemberg" am Tag nach der für die Linken verlorenen Wahl, und verkündet: "Wir kämpfen weiter." Unbändige Freude über den Machtwechsel auch auf der S21-Gegnerseite "Bei Abriss Aufstand": "Das Lügenpack ist abgewählt", titeln die radikalen Gegner des Bahnhofsumbaus. Unangenehm elitär tritt die Junge Union in Rheinland-Pfalz nach: Via Twitpic dokumentiert sie mit Screenshots aus der Tagesschau das höhere Bildungsniveau der CDU-Wähler gegenüber jenen der SPD. Die Piraten feiern mit einem getwitterten Link auf heise.de vor allem ihre kommunalen Mandate in Hessen - hier sorgte die fehlende Fünf-Prozent-Hürde dafür, dass die Partei mehr als nur einen Achtungserfolg errang.

Die einschlägigen Netzanalysten loten derweil die Dimensionen der Ereignisse im Südwesten aus: "Das Schlüsselwort des Wahlabends heißt Glaubwürdigkeit", schreibt Michael Spreng auf seinem "Politik-Blog aus Berlin". Die CDU sei für ihre unglaubwürdige Atom-Kehrtwende abgestraft worden, "allen voran ihr Atomwolf Stefan Mappus". Seine Kehrtwende sei noch unglaubwürdiger gewesen als diejenige Angela Merkels. Von Spreng bekommt Mappus auch vorgehalten, er habe bereits vor fünf Jahren eine mögliche schwarz-grüne Option entscheidend blockiert. Ebenfalls Kritik äußert Spreng an der Bundesregierung: Sie tue sich keinen Gefallen damit, die Wahl als "einmaligen Atomunfall" darzustellen. "Denn der grundsätzliche Vertrauensverlust der Partei und der Kanzlerin bleibt bestehen und ist kaum reparabel."

Harsche Kritik an der Union auch im konservativen Blog "Die Achse des Guten" - hier kritisiert die Berliner CDU-Politikerin Vera Lengsfeld die eigene Partei für ihre Kehrtwende in der Atompolitik: "Der größte Verlust ist das Verschwinden von Rationalität, Augenmaß, politischer Vernunft. Es regiert Stimmung pur. Ab jetzt wird es keine politische Opposition mehr geben, Realität keine Rolle mehr spielen Deutschland einig Phantasialand." Mit dem Verweis auf die Abschlachtung zehntausender Rinder während der BSE-Krise fährt Lengsfeld einen radikalen Frontalangriff auf die "Stimmungs-Demokratie": Damals habe es „nur“ Rindviechern das Leben und Steuerzahler viel Geld gekostet. "Jetzt geht es ans Eingemachte. Energie ist der Lebensnerv einer hochentwickelten Technologiegesellschaft. Ohne eine zuverlässige Stromversorgung ist das gute Leben, wie wir es kennen, bald vorbei. Es wird tiefgreifende Umwälzungen geben, die in nuce schon sichtbar sind."

Als Kontrapunkt hierzu feiert das medienjournalistische Portal "meedia.de" den designierten Mappus-Nachfolger Winfried Kretschmann als strukturkonservativen "Landlust-Politiker". "Winfried Kretschmann ist in fast allem das genaue Gegenteil von Mappus." Der Grüne sei erfahren, authentisch und machtpolitisch eher desinteressiert. Seine ökologisch-betulichen Wahlvideos hätten auch Konservative im Ländle angesprochen. Eine andere Stoßrichtung hat das Freiburger Stadtportal "fudder.de": Hier sieht man eher eine "Freiburgisierung" ganz Baden-Württembergs im Gange - und macht sich über mögliche Konsequenzen Gedanken: "In Bayern werden noch am Montag Auffanglager für politische Flüchtlinge errichtet. 'Wir nehmen alle auf, die Angst vor Ökofaschismus und Zwangs-Vegetarisierung haben', verkündet Ministerpräsident Seehofer." Weitere Optionen: "Dachflächen von Neubauten nicht mit Solarzellen auszustatten wird zur Ordnungswidrigkeit."

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