Hamburg hat gewählt : Der kühle Gewinner

Die Prognosen sehen Olaf Scholz und seine SPD vor einer absoluten Mehrheit in Hamburg. Unmittelbar nach der Wahl gibt sich der große Sieger aber nüchtern und bescheiden. Ein Vor-Ort-Bericht.

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Ein bisschen Lächeln kann jeder: Olaf Scholz hinter Blumen.
Ein bisschen Lächeln kann jeder: Olaf Scholz hinter Blumen.Foto: dapd

Er kam gegen 18.30 Uhr. Aber er kam nicht durch. Im rustikalen Charme aus dunklem Holz und Bierbänken versuchte sich Olaf Scholz, der Wahlsieger des Abends, mit seiner Frau den Weg zur Bühne der Altonar Kulturfabrik zu bahnen. Für Scholz` Verhältnisse zeigte sein Gesicht ein recht ausgelassenes Lachen, aber sobald der Jubel verstummt war und  der SPD-Spitzenkandidat und künftige Erste Bürgermeister zu sprechen begann, war der Duktus des Wahlkampfes wieder da: „Wir haben Respekt vor diesem Ergebnis“, urteilte Scholz fast nüchtern und wiederholte das, was er stets gesagt hatte:  Es gehe jetzt darum, eine pragmatische Politik der Vernunft zu machen. „Wir werden das machen, was wir versprochen haben“, rief Scholz und kündigte an: „Wir werden uns an die Arbeit machen.“

Im Prinzip war es angesichts der wohl absoluten Mehrheit, die Scholz sensationell errungen hatte, auch egal, was er sagte: Die SPD war aus dem Häusschen wie seit 20 Jahren nicht mehr in Hamburg. Ein paar Minuten zuvor, gegen 18 Uhr, hatte dieser Zustand begonnen.

Der Jubelorkan begann bereits als die Prognose der CDU auf der Leinwand sichtbar wurde. In der Kulturfabrik  rissen die SPD-Mitglieder wie im Stadion die Arme hoch. Aber nur Sekunden später dröhnte der Orkan noch lauter über die Biertische hinweg, denn die absolute Mehrheit schien um diese Uhrzeit am frühen Abend gegen 18 Uhr tatsächlich greifbar nahe. Über 49 Prozent für Olaf Scholz, und da vermutlich auch die kleinen Parteien FDP und Linke, in die Bürgerschaft einziehen werden, ist der Erfolg der SPD um so größer einzuordnen. Man muss auch daran erinnern, dass die SPD im Bund unter Parteichef Sigmar Gabriel bei 22 Prozent liegt, das sind 27 Prozent weniger.

Bei den Grünen allerdings, bei ihrer Wahlparty im Stadion des FC St. Pauli, wo sonst immer das Pausenbier getrunken wird, herrschte zunächst eine gewisse Ratlosigkeit. In den letzten Tagen hatten die Umfragen sich wieder zu Gunsten der Grünen gedreht und die SPD war auf 43 Prozent gerutscht. Man hatte deshalb fest mit einer Koalition gerechnet. Wie ein Unentschieden, wo man das letzte Tor in letzter Sekunde kassiert, fühlte sich das eigene Ergebnis von über 11 Prozent für die Grünen wohl kurz nach 18 Uhr an. Im Laufe des Abends aber wussten alle hier: Es ist eine Niederlage. Noch am Mittag hatte Anja Hajduk nach der Abgabe ihrer Stimme gesagt, wie gut ihr Verhältnis zu Olaf Scholz sei. Hajduk galt als sicherer Kandidat auf die Rückkehr ins Amt der Umwelt und Stadtentwicklungssenatorin. Am frühen Abend aber war die Partei, die Neuwahlen herbeigeführt hatte, nämlich die Hamburger GAL, endgültig weg von der Macht einer Regierungspartei.

Historisch aber war die Niederlage der CDU. Mit knapp über 20 Prozent fuhr der im ganzen Wahlkampf unglücklich agierende CDU-Bürgermeister, Nachfolger von Ole von Beust, das schlechteste Ergebnis der Hamburger CDU seit 1945 ein. Zerknirscht trat Ahlhaus gegen 18.15 Uhr vor seine Basis und sagte: „Es ist eine schmerzhafte Stunde, eine Stunde der Ratlosigkeit. Es gibt nichts zu beschönigen, wir müssen klar eingestehen, das ist eine Niederlage. Ich gratuliere meinem Konkurrenten Olaf Scholz.“ Für Ahlhaus bedeutet dieses Ergebnis, dass er wohl kaum beim Neuanfang der CDU eine Rolle spielen dürfte.

Nur wenige Minuten nach den ersten Prognosen zeigte sich auch die zweite große Siegerin des Abends: Katja Suding, die FDP-Spitzenkandidatin. Die junge Mutter, 32 Jahre, zwei Jungs, führte die FDP nach zwei verlorenen Wahlen wieder zurück in die Bürgerschaft. Glücklich strahlte Suding und vergessen war die lästige Grippe, die sie in den letzten Tagen geplagt hatte.

Hamburg hat gewählt
Die Spitzenkandidatin der Hamburger Grün Alternativen Liste GAL, Anja Hajduk (M), wird in der Parteizentrale der Grünen in Berlin von den Vorsitzenden Claudia Roth und Cem Özdemir begrüsst.Weitere Bilder anzeigen
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20.02.2011 19:24Die Spitzenkandidatin der Hamburger Grün Alternativen Liste GAL, Anja Hajduk (M), wird in der Parteizentrale der Grünen in Berlin...

Es ging an diesem Abend aber vor allem eine Ära zuende, die Ära der CDU-Regierung, die vor allem mit dem namen Ole von Beust verbunden war. Christoph Ahlhaus, der nach Beusts Rücktritt folgte, hatte weder die Unterstützung der eigenen Partei noch die Entscheidungskraft, die schwarz-grüne Koalition erfolgreich weiterzuführen. Spätestens als die Grünen im November die Koalition aufgekündigt hatten, ging es steil bergab, bis hinein in den historischen Niederlagenkeller.

In seinem Heimat-Bezirk Altona, den Scholz bei Bundestagswahlen übrigens immer mit sehr viel mehr Stimmen als die SPD bundesweit bekommt, gewinnt, brauchte Scholz nur ein paar Meter durch seine Wohnstraße schlendern, eine Grünanlage durchqueren und schon war er seinem ersten Wahlziel sehr nahe: Die Stimmabgabe im Wahlbezirk 203.01. Um die vier Zettel mit insgesamt 20 Stimmen für die Bürgerschaft und die Bezirksverordneten in die weiße Tonne mit dem roten Deckel zu werfen,  musste er sich mit Britta Ernst vorbei an Dutzenden Kameraleuten und Fotografen in den Raum 2b quetschen, wo er unter den sirrenden Klängen der Fotoapparate exakt 1,56 Minuten brauchte, seine Bürgerpflicht zu erfüllen. Allerdings versuchten die Fotografen ihm dabei so nahe zu kommen, dass die Wahlleiterin einschreiten musste. Mit erhobenem Zeigefinger stieg sie auf einen Tisch und rief: „Hallo, da dürfen sie aber nicht rein gucken.“

Scholz wählte dann die Flucht nach vorn und verriet grinsend ein Wahlgeheimnis: „Ich habe meine Frau gewählt.“ Britta Ernst ist selbst Abgeordnete in der Bürgerschaft und Parlamentarische Geschäftsführerin, allerdings wird sie einem neuen Senat nicht angehören. Scholz hat das zwar bisher nie öffentlich ausgeschlossen, aber unter Parteifreunden gilt es als sicher, dass sich Ernst jetzt mit der Rolle der „First Lady“ wird begnügen müssen. Vorerst.. Scholz versuchte dann noch ein wenig Gefühl zu vermitteln und sagte, es sei ein „sehr emotionaler Moment“ in dieser Stadt, in der er aufgewachsen sei, Bürgermeister zu werden. Das stand offiziell zwar um diese Uhrzeit noch gar nicht fest, aber es zweifelte sowieso niemand mehr daran.

Das tat auch Anja Hajduk nicht, die einige Kilometer weiter östlich ein paar Probleme mehr hatte, ihre Stimme abzugeben. Die Grünen-Spitzenkandidatin kam alleine die lange Barmbeker Straße entlang geschlendert, trotz eisiger Kälte im offenen schwarzen Mantel, darunter allerdings ein dicker roter Fließ. Und sie musste dann über 25 Minuten in der Schlange stehen, ehe sie durch die Umkleidekabine hindurch war und in der kleinen Turnhalle der Staatlichen Fremdsprachenschule in Eppendorf ihre Stimme abgeben konnte. Anders als Scholz hielt sie die Fotografen gleich auf Distanz und warnte: „Wählen möchte ich aber gerne alleine.“

Olaf Scholz hat ohnehin einen Wahlkampf gemacht, indem er die Grünen völlig geschont hat, obwohl auch sie Regierungsverantwortung hatten und maßgeblich daran schuld waren, dass beispielsweise die Schulreform am Volksentscheid gescheitert war. Scholz richtete seinen Wahlkampf fast ausschließlich gegen die CDU und spekulierte insgeheim darauf, dass es vielleicht zu einer absoluten Mehrheit reichen könnte. Und genau so kam es auch. Scholz eigentliche Botschaft an die Wähler sollte weniger inhaltliche Aspekte haben als vielmehr Aspekte einer neuen Glaubwürdigkeit. Der ehemalige Generalsekretär inszenierte sich als seriöser, ordentlicher Hanseat, der die Stadt wieder geräuschlos regieren will. „Klarheit“ war eines der Schlüsselbegriffe für Scholz, der immer wieder betonte, dass er nicht nur für vier Jahre gewählt werden will.

In der CDU wird die Zukunft wohl Dietrich Wersich gehören, dem bisherigen Senator für Gesundheit und Soziales. Wersich ist ein absoluter Vorzeige-Hanseat und natürlich gebürtiger Hamburger. Der Arzt, Allgemeinmediziner, und frühere Geschäftsführer des Altonaer Theaters gehört mit seiner Familie und den vier Brüdern zum Hamburger Establishment. Abitur machte er auf dem traditionsreichen Johanneum.

Wersich hätte schon nach Beusts Rücktritt übernehmen können, dann hätte er gewiss bessere, ja gute Chancen gegen Scholz gehabt. Aber er gilt in der Partei eher als Einzelgänger. Außerdem spekulierte der CDU-Landes- und Fraktionsvorsitzende Frank Schira, ein Mann von großer Eitelkeit, darauf, nach einem Scheitern von Christoph Ahlhaus selbst eines Tages Spitzenkandidat werden zu können. Allerdings hat er diese Ambitionen zu deutlich erkennen lassen. Er gilt nicht als Neuanfang, sondern eher als Belastung.

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