Auf den Plakatwänden in Berlin Kreuzberg-Friedrichshain prangen sie schwesterlich und geschmückt, Vera Lengsfeld und die amtierende Kanzlerin. Beide blond und proper, beide mit Perlenketten, Lengsfeld mit einer grünen, Merkel mit einer elfenbeinfarbenen. Sensationeller noch als das Damenduo der CDU wirken die Dekolletés ihrer Abendkleider, einsehbar bis an die bürgerlich akzeptable Grenze und passend zur provokativen Plakatzeile: „Wir haben mehr zu bieten“. Ohne Frage, das Konzept arbeitet mit einem Körnchen Ironie, Selbstironie. Denn Frivolität ist so wenig das Markenzeichen von Merkel wie das der ehemaligen DDR-Bürgerrechtlerin Lengsfeld. Aber ambitioniert ist die Idee auf alle Fälle, die hartgesottene Kreuzberger Klientel mit einem Touch „Titanic“ gewinnen zu wollen. Selbst wenn sich das Poster in der alternativen Szene als Renner für Küchenpinnwände erweisen sollte, hätten die beiden konservativen Politikerinnen mit ihrem rechten Sexappeal eben doch ein Stück der Kreuzberger Küchen erobert. An Kreuzbergs Deutschtürken allerdings redet die Botschaft der Busenfreundinnen wahrscheinlich ganz und gar vorbei, die gehören traditionell eher den Roten der Republik. Dass sich auf der traditionell konservativen Seite mit ostentativer Weiblichkeit etwas in Richtung Szene bewegen lässt, hatte zuletzt Gabriele Pauli der CSU bewiesen.
Lengsfeld hat in der Tat mehr zu bieten als der Typus Pauli. Die studierte Philosophin ist eine Frau mit ernsthafter Vergangenheit im Widerstand gegen das Honecker-Regime und die Stationierung sowjetischer Atomwaffen, als Mitglied des Bündnis 90 1996 zur Union übergelaufen – also die potenzielle Brückenbauerin zur grünen Szene. So ähnlich wird es gewesen sein, dass die coole Werbeagentur das Wahlkampfmanagement zu diesem visuellen Experiment überredet hat: Also, Sie haben doch mehr zu bieten! Begrünung der CDU! Taktischer Fischfang am naturbelassenen Flussufer! Dann fiel, garantiert, das abscheuliche Neuwort: „Ein Hingucker!“
Tiefe Einblicke in die Individuen der politischen Nomenklatura gewinnt die Öffentlichkeit bei deutschen, bei europäischen Wahlkämpfen ohnehin selten. Während US-Politiker sich im Wahlkampf mit Kind und Kegel, Hund und Hut, beim Angeln und Grillen, ganz Mensch, mit Spontaneität und Schwächen, Emotionen und Emphase zeigen, biedern die Wahlkämpfe hier vor sich hin, unter dem Druck „sachbezogen“ zu sein, obwohl weder Politiker noch ihre Wähler Sachen sind. So ist das Plakat der Damen auch Symptom einer tieferen Problematik. Wie „geht“ Profilierung, wo es nicht mehr, wie bei der alten Garde der Männer der Macht, bei Adenauer, Wehner, Brandt, Kohl oder Schröder, das Auratische gibt, das in sich und an sich zur Sendung an die Wähler summiert werden kann? Die Ära der Machtbolzen mit natürlicher Autorität ist beendet – selbst wenn Merkel nun ostentativ mit dem Koloss Kohl posierte. Schon seit längerem ist das Zeitalter der Macher und Verwalter angebrochen, noch weniger kompatibel mit zündendem Wahlkampf und gewagter Werbung als zuvor.
Das Dilemma heißt: Sachlicher, unpersönlicher Wahlkampf muss in Kombination mit dem Aufbauen von Persönlichkeiten geschehen, denen die fernsehenden Wähler, noch dazu in der Krise, ihr Vertrauen schenken sollen. In ihrem Namen sollen diese Frauen und Männer ja ihre Steuergelder investieren, Behörden lenken und Straßen bauen. Merkel, ganz Bescheidenheit, Beharrlichkeit, Unbeirrbarkeit, abwartend und nie angeberisch, eher neutral als mütterlich oder kokett, erzielt genau mit solchen Qualitäten ihre Punkte: Die denkt nicht an sich, sondern an die Sache, und von der hat sie keine allzu grandiose, sondern eine realistische, bezahlbare Idee. Ebenso Steinmeier, ein verlässlicher Mittelfeldspieler und treuer Beamter aus dem Bilderbuch: Der denkt nicht an sich, sondern an die Sache, und von der hat er eine irgendwie soziale, demokratische Idee. Wenn er doch, mag mancher SPD-Wähler denken, wenigstens einen Bernhardiner hätte oder Hobbypilot wäre.
Kommentare [ 44 ] Kommentar hinzufügen »
Vermutlich ärgen die sich jetzt gerade, denn das wäre doch die passende Antwort gewesen.
http://www.welt.de/politik/article1791400/Nackt_Politikerin_Birgit_Auras.html
Und die "Stufe" von "Kohls Mädchen" ist genau was? Bei einer Opernpremiere ein dekolltiertes Abendkleid zu tragen? Ist ja unglaublich!
Jedoch, eines muss erlaubt sein, nämlich: Zu sagen, dass dieses Wahlplakat weder Witz noch Ziel zeigt.
Mal ganz abgesehen davon, dass der gesammte Wahlschilderwald eine Belästigung der Bürger darstellt.
und keine dieser beiden damen kann es sich erlauben.
mehr als alle anderen plakate, empfinde ich dieses als unangenehme belästigung.
Thomas Krüger
Aber ich lasse mich von Ihnen gern eines besseren belehren...
Bitte klicken Sie ganz vorsichtig den Link in meiner Antwort an uwemohrmann an, dann wissen Sie, was ich meine...
und wenn sie ihr vollkornbrot ohne spass essen, hat die ernährungsumstellung eben nicht viel sinn gehabt?
sie glauben, das wegen der roma geschichte ihn seine wähler abstrafen werden, weil er sich dazu bei abgeordnetenwatch.de nicht äußerte?
und sie glauben das - nein, das nicht, oder? - lengsfeld das direktmandat holt? wenn nicht ströbele, dann böhning. lengsfeld nie und nimmer.
ich kann - wie sie sicher wissen - ströbele nicht wählen, da nicht mein bezirk. aber ich habe genügend realismus, wie es ausgehen wird. und weil sich ein politiker zu was auch immer nicht äußert, war noch nie ein grund eine wahl zu verlieren. und bei jemandem, der so populär ist und 2 mal schon das direktmandat holte...
Oder können Sie mir sagen, warum ausgerechnet die doch sehr freundlich und engagiert gestellte Roma-Frage nicht beantwortet wurde? Ganz einfach: hätte er die Roma kritisiert, hätte er befürchten müssen, Multikulti-Wähler zu verlieren, hätte er für sie gesprochen, hätte er ebenfalls riskiert, Wähler (z. B. die Anwohner) zu verlieren. Für ihn eine loose-loose-Situation. Und da hält er einfach die Klappe. Eigentlich auch ok. Aber nicht, wenn man sich selbst zum unangepassten Freigeist, zum Revoluzzer im Politsystem stilisiert. Der Okögreis klebt einfach an seinem MdB-Sessel! Mehr ist nicht!
aber er hat sich bisher nicht geäußert. zwar ist die frage sicher schon länger online (hab sie nicht gelesen), aber das er nicht geantwortet hat, heißt nichts. ja, für sie sicher schon.
aber wissen sie wieviele politiker fragen bei abgeordnetenwatch.de nicht beantworten? und wenn man dann bei jedem daraus solche rückschlüsse ziehen würde....
ich mach ihnen nen vorschlag. suchen sie mal bei abgeordnetenwatch.de nach den politikern klaus-uwe benetter und eva högl. beide spd. beide haben für die netzsperren kinderpornographie gestimmt. benetter lässt aber in zehlendorf plakatieren "datenschutz verteidigen".
welch widerspruch. da könnte man doch mal fragen...
und högl gilt als parteilinke (von den spd-linken gab es initiativen die netzsperren zu verhindern - högl stimmte dafür).
ich wette: sie bekommen von beiden keine antwort.
alternativ können sie den spd-abgeordneten detlef dzembritzki anfragen, ich befürchte sie bekommen keine antwort - da ist es befürchte ich weiter sogar völlig egal was sie fragen.
und damit nun gerade ich nicht das spd-bashing betreibe, schlage ich vor, sie nehmen sich noch einen von der cdu und stellen irgendeine komplizierte frage zur steuergesetzgebung und geben sich als notleidender mittelständler aus.
postenm sie dann hier das jeweilige ergebnis ;-)
was auch immer sie fragen und wen auch immer: diese fragen zu beantworten sind in erster linie eine schlichte zeitfrage. und so mancher hat keine ahnung, wovon sie gerade reden.
heißt: er müsste seinen wissenschaftlichen mitarbeiter losschicken, das der a)recherchiert und b)antwortet. gucken sie mal, wie oft nicht der abgeordnete antwortet, sondern sein referent.
das nun ströbele ausgerechnet in der frage (in der für sie so wichtigen frage!) nicht geantwortet hat, mag nun für sie ärgerlich sein, aber die verschwörung, die sie daraus basteln, passt einfach viel zu einfach in ihr politisches kalkül...
schönes we trotzdem ;-)
Wer gewinnt denn nun? Busen wie hier gezeigt
oder Popo wie nachfolgende Wahlwerbung zeigt:
So funktioniert Schwarz-Grün
Ich habe mindestens seit den letzten Wahlen zum Bundestag keins gesehen. Es werden Köpfe, Gruppen, Schlagworte dargestellt, sonst nichts.
Es geht demnach offenbar nicht um Aussagen, sondern allein um Aufmerksamkeit.
Und da kann man Frau Lengsfeld nur gratulieren, die hat sie erreicht und damit ihren Bekanntheitsgrad erhöht.
Ich finde das Plakat (obwohl ich keine von beiden wählen würde), witzig.
Und egal, wie man zu Frau Lengsfeld stehen mag: was bitte sehr ist gegen ein weibliches Dekolleté (egal ob digital geschönt oder nature) einzuwenden?
Hier das Bild: http://www.titanic-magazin.de/postkarten.html?&card=7935&cHash=aecd0b8aaa
So real kann Saitire sein! Oder so einfach das Adaptieren von Ideen...
Garnicht so schlecht!
http://maedchenmannschaft.net/wir-haben-mehr-zu-bieten/#comment-17123
http://maedchenmannschaft.net/wir-haben-mehr-zu-bieten/#comment-17124
und
http://maedchenmannschaft.net/wir-haben-mehr-zu-bieten/#comment-17127
sowie die Antwort von Susanne darauf zumn Thema "Meinungsressort in der taz".
Ich habe mich eben dort mit Kommentar 17185 beschwert. Mal sehen, ob sie so sportlich sind und den zulassen.