Politiker-Beliebtheit : Wahlkampf ohne Charisma

Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier verfolgen ein Ziel. Beide wollen in der kommenden Legislaturperiode BundeskanzlerIn sein. Als Noch-Koalitionäre müssen sie sich im Wahlkampf als Partner geben und dennoch voneinander abgrenzen. Ein schwieriger Spagat. Zumal beide ziemlich uncharismatisch sind.

Simone Bartsch
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Merkel und Steinmeier haben in den Augen vieler kein Charisma. Insgesamt trauen aber mehr Menschen Angela Merkel den Kanzlerjob...Foto: dpa

BerlinGäbe es einen deutschen Barack Obama, wäre der Ausgang der Bundestagswahl vielleicht schon jetzt entschieden: Der oder die junge, dynamische, zupackende und mitreißende PolitikerIn würde im Sturm die Herzen vieler frustrierter Deutscher erobern. Die zahlreichen Wechselwähler und Unentschlossenen hätten endlich – Parteiprogramme hin oder her – eine Figur gefunden, von der sie sich eine bessere Zukunft erträumen würden.
 
Nun ist es aber so, dass wir keinen Obama zu bieten haben. Im Gegenteil. Im Kampf um das Kanzleramt treten die amtierende Kanzlerin Angela Merkel und SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier gegeneinander an. Die beiden Widersacher unterscheiden sich in einem Punkt deutlich von Obama: Sie sind keine charismatischen Politiker.
 
Positives Image durch gute Selbstinszenierung kann Stimmen bringen
 
Wenn zwei Politiker ohne besondere Ausstrahlung gegeneinander antreten, wird es für viele Wähler schwierig. Für welche Person soll man sich entscheiden, wenn beide eher farblos sind? Natürlich, so werden viele zu Recht an dieser Stelle einwenden,  entscheidet auch die sachliche Kompetenz und politische Ausrichtung darüber, an welcher Stelle der Wähler am Ende sein Kreuzchen setzt (das zeigt die Wahl 2005, bei der ein dröhnender, charismatischer Gerhard Schröder gegen die eher spröde wirkende Angela Merkel verlor).

Dennoch kann der Faktor Persönlichkeit nicht hoch genug eingeschätzt werden, besonders, weil bei der anstehenden Bundestagswahl noch etwa 30 Prozent der Wähler unentschlossen sind.  Viele dieser Wähler entscheiden sich am Wahlsonntag möglicherweise für die Partei, deren Kandidat und politisches Personal ihnen am sympathischsten ist.

Angela Merkel wurde beispielsweise erst vor wenigen Wochen an der Spitze der beliebtesten Politiker abgelöst. Ein junger, unkonventioneller Politiker, der plötzlich Wirtschaftsminister wurde, stieß sie vom Thron. CSU-Mann Karl-Theodor zu Guttenberg ist nun Deutschlands beliebtester Politiker. Praktischerweise gehört er wie Merkel der Union an und könnte CSU/CDU am Wahlsonntag somit einige zusätzliche Stimmen einbringen. Dabei hat er inhaltlich noch gar nicht viel zeigen können. Aber er ist in den Augen vieler eben "ein guter Typ".
 
Einfluss auf die Wahlentscheidung können auch die Auftritte der Politiker in Fernseh-Interviews und TV-Duellen haben. Beide Kandidaten stehen hier im direkten Vergleich, beide stellen sich den Wählern. Der Zuschauer kann beim TV-Duell genau beobachten: Wer ist souveräner, sympathischer? Wer hat Humor, wer hat eigene Argumente und wer hackt nur auf dem Gegenspieler herum? Dieser Schlagabtausch kann bei vielen unentschlossenen Wählern die Sympathie für einen Kandidaten stark beeinflussen – im positiven oder negativen Sinne.
 
Noch vier Wochen für ein besseres Image
 
Nicht zuletzt aus diesem Grund stellen sich seit kurzer Zeit auch die deutschen Politiker den aus den USA stammenden Duellen. Und zeigen sich entspannt und bestens gelaunt in diversen Interviews und Sommergesprächen. Politiker wissen: Durch charismatisches Auftreten können sie punkten und der Politik ein Gesicht geben. Wer sich gut verkauft, kompetent ist ohne dabei verkniffen zu wirken, der ist beliebt. Und wer beliebt ist, hat bessere Chancen, gewählt zu werden.
 
Ginge es nur nach der Ausstrahlung, hätte Frank-Walter Steinmeier noch echte Chancen auf den Kanzlerposten. Nicht, weil er charismatischer ist als Angela Merkel, sondern weil er gleichsam uncharismatisch ist. Laut dem Online-Projekt "Charismakurve", ein Kooperationspartner von tagesspiegel.de, dümpeln beide Kandidaten im Mittelfeld vor sich hin. Wer hat die bessere Ausstrahlung, wer ist stressresistenter, wer ist ein guter Krisenmanager? Merkel und Steinmeier scheinen sich in den Augen der Internetuser nicht großartig zu unterscheiden. Sie sind beide ohne prägnantes Charisma.

"Sie sind interessante Persönlichkeiten, aber  mehr auch nicht", bewertet Ulrich Sollmann, Initiator der Charismakurve, die Ergebnisse seiner Online-Befragung. "Da keiner von beiden hervorsticht, ist es umso wichtiger, dass sie nun versuchen, sich unterscheidbar zu machen. Dass Gerhard Schröder beispielsweise 2002 einen Tag vor Herausforderer Edmund Stoiber bei den Opfern der Oderflut auftauchte, hat ihm nicht zuletzt zu seinem Wahlsieg verholfen. Solche Dinge können entscheidend sein." 

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Gleichauf: Merkel und Steinmeier dümpeln im Charisam-Mittelfeld. -Quelle: charisamkurve.de

Für die Kontrahenten sollte dies eine Mahnung sein: Noch vier Wochen sind es bis zur Wahl, noch vier Wochen kann Imagepflege betrieben werden. Der Kanzlerbonus Merkels und die schlechte Performance der SPD in den vergangenen Monaten werden zwar letztlich der Union mehr Stimmen einbringen als der schwächelnden SPD. Doch in Sachen Image ist Steinmeier Merkel dicht auf den Fersen.

Tagesspiegel.de berichtet vom 1. September an wöchentlich über die aktuellen Entwicklungen bei charismakurve.de bis zur Bundestagswahl.

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