Sachsen-Anhalt : Der aufgeweckte Wähler

Sachsen-Anhalt erweist sich am Sonntag als ausgeschlafenes Land: Mit einer deutlich höheren Wahlbeteiligung als 2006 votierten die Bürger bei den Landtagswahlen für eine Neuauflage der großen Koalition.

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Prost! Reiner Haseloff ist zwar kein strahlender Sieger, darf sich aber trotzdem als solcher fühlen. Foto: dapd
Prost! Reiner Haseloff ist zwar kein strahlender Sieger, darf sich aber trotzdem als solcher fühlen.Foto: dapd

Ob Sachsen-Anhalt zu Recht als das Land der Frühaufsteher – so die forsche Eigenwerbung – ins Rennen um Investoren gehen darf, können nur die Sachsen-Anhaltiner wissen. Aber bundesweit können alle sehen, dass es diesmal ein Land der ausgeschlafenen Wähler ist, im Unterschied zu 2006.

Vor fünf Jahren hatten sich die Stimmbürger zwischen Elbe und Harz mit der niedrigsten Beteiligung blamiert, die es in Deutschland jemals bei einer Landtagswahl gab – 44,4 Prozent. Darunter litt die FDP, deren Stimmenanteil sich 2006 halbierte, obwohl die Liberalen in der Regierung mit der CDU eigenständiges Profil hätten gewinnen können. Die Folge war eine große Koalition, mit deren Arbeit in der abgelaufenen Legislaturperiode aber viele Bürger offenbar so zufrieden waren, dass sie für eine Neuauflage votierten.

Dass Union und SPD eine relativ streitfreie, sehr sachorientierte Regierungsarbeit boten, hat im besonders auf Konsens setzenden Mitteldeutschland viele Wähler überzeugt. Wenn die CDU gegenüber dem Ergebnis vor fünf Jahren Stimmen verlor, hängt das stark mit dem Ausscheiden von Wolfgang Böhmer aus der aktiven Politik zusammen. Der 75-jährige Ministerpräsident, der sein Land patriarchalisch-souverän führte wie wohl früher als Chefarzt seine Klinik, war der letzte einer ganzen Generation von Landesvätern in den jungen Bundesländern. Sie alle wurden von Persönlichkeiten wie Kurt Biedenkopf, Manfred Stolpe, Bernhard Vogel und eben Böhmer geprägt.

Dass die Grünen von der Atomenergiediskussion profitieren, war vermutet worden, ebenso, dass eine höhere Wahlbeteiligung die Rechtsextremen aus dem Parlament heraushalten könnte, obwohl deren Akzeptanz bei den jüngeren Wählern alarmierend ist. Die Konzentration auf drei große Parteien hat sich aber vor allem zulasten der FDP ausgewirkt. Ihr Erscheinungsbild hat sich seit den aktiven Zeiten des Hallensers Hans-Dietrich Genscher in den vergangenen Jahren so verändert und in der wahrgenommenen Aussage verengt, dass es in einer durch vier Jahrzehnte Sozialismus nachgeprägten politischen Landschaft kaum mehr als attraktiv wahrgenommen werden konnte.

Böhmers Nachfolger als christdemokratischer Spitzenkandidat, Reiner Haseloff, wird mit dem Sozialdemokraten Jens Bullerjahn an seiner Seite vermutlich neuer Regierungschef. Bullerjahn hätte allenfalls eine rot-rote Landesregierung führen wollen, wenn die SPD stärker als die Linke geworden wäre. Ein Bündnis mit einem Ministerpräsidenten von der Linken hat er immer ausgeschlossen.

Kein Bundesland wurde durch die Wende so umgepflügt wie Sachsen-Anhalt. Hier verschwanden große Kombinate, ohne dass es Alternativen auf dem Arbeitsmarkt gegeben hätte. Auch die permanenten Koalitionswechsel ließen die Region nicht zur Ruhe kommen. Die Verankerung der Parteien ist schwach, die CDU hat gerade einmal 8400 Mitglieder, die Linke 5500, die SPD 4200. Damit ist keine flächendeckende politische Arbeit möglich. Erst in den vergangenen Jahren wurde den Sachsen-Anhaltinern bewusst, welche Fortschritte ihr Land gemacht hat. Aus der Industriekloake Bitterfeld-Wolfen wuchs ein Muster für die Rekultivierung einer geschundenen Landschaft. Die Menschen sind stolz auf die Geschichte, wie sie sich im Magdeburger Dom manifestiert, der ältesten gotischen Kirche Deutschlands. Für die weitere Stabilität des Landes ist eher von Vorteil, dass weder CDU noch SPD bundespolitische Komponenten in dieses Wahlergebnis hineininterpretieren können.

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