TV-Duell in NRW : Gesehen und vergessen

Ministerpräsident Jürgen Rüttgers und seine Herausforderin Hannelore Kraft können in ihrem TV-Duell keinen nachhaltigen Eindruck hinterlassen - weil sie nicht das nötige Rollenspiel beherrschen.

Ulrich Sollmann
Hannelore Kraft ignoriert die spitzmündischen und krausstirnigen Überzeugungsbemühungen von Jürgen Rüttgers so gut es geht. Foto: dpa
Hannelore Kraft ignoriert die spitzmündischen und krausstirnigen Überzeugungsbemühungen von Jürgen Rüttgers so gut es geht.Foto: dpa

Die beiden haben es gut gemacht, aber keinen bemerkenswerten Eindruck hinterlassen. Denn gut ist in der Politik normal und normal bleibt nicht in Erinnerung. Sagt doch die Erinnerungsforschung, dass gerade das in Erinnerung bleibt, was einen Haken hat. Hier könnte die Geschichte zu Ende sein. Ist sie aber nicht. Gerade hier fängt sie erst an spannend zu werden. Rüttgers Liebeserklärung an Nordrhein-Westfalen im Schlussstatement erinnerte an die betulichen Worte eines Erzählonkels, der zuvor sein Gegenüber, nämlich die "liebe Frau Kraft…" über die Situation in den NRW-Kindergärten aufklären wollte. Seine spitzmündischen sowie krausstirnigen Überzeugungsbemühungen sollten ihm dabei den Unschuldseindruck des guten Nachbarn von nebenan verleihen. Alles im stark gebremsten Bemühen, den wohl wahrnehmbaren, pikierten Unterton in seiner Stimme zu verbergen.

Sah er sich doch unter dem Stress des TV-Duells nicht immer auf Augenhöhe mit seiner Herausforderin. Diese wiederum befleißigte sich in der Rolle der strengen Oberlehrerin den Ministerpräsidenten so zu belehren, dass sie ihn zumeist nicht einmal eines Blickes würdigte. Blieb sie doch eher auf die vermeintlich wichtigen Personen des Abends, nämlich den Moderatoren, bezogen. Die leichte Schiefhaltung ihres Kopfes ließ dabei ihre Anstrengung aber auch die Wachheit im Kontakt mit dem jeweiligen Gegenüber erahnen. Krafts kraftvolle Stimme wurde dann nicht selten zur Botschaft selbst.

Rüttgers will betont nah am Menschen sein, könnte sich aber darüber wundern, dass die Menschen seinen Erzählungen nicht mehr glauben wollen. Kraft beschwört die Notwendigkeit des Zusammenhalts in der Gesellschaft, könnte sich aber bedingt durch ihre kraftvolle Stimme über die Zurückhaltung vieler Menschen wundern. Wer ist aber nun Rüttgers? Was hat er den WählerInnen wirklich zu sagen? Was ist seine persönliche Botschaft? Wer ist diese Herausforderin Kraft? Wodurch will sie überzeugen? Was unterscheidet sie von Rüttgers?

Das TV-Duell für sich gesehen bliebe eine seichte, leicht zu vergessende Unterhaltung im Abendprogramm, wenn Rüttgers und Kraft nicht mit einem gänzlich anderen Rollenversprechen ins Rennen gegangen wären. Wurde Rüttgers doch als Kompetenz ausstrahlender, seriöser, unnahbar wirkender Weltpolitiker, der, tief in das Aktenstudium versunken, bei der Regelung der politischen Geschicke nicht gestört werden wollte, auf die Wahlplakate gehievt - um dann gestern Abend im TV-Duell „schöne Geschichten“ zu erzählen.

Gastautor Ulrich Sollmann. Foto: Marc Steffen Unger
Gastautor Ulrich Sollmann.Foto: Marc Steffen Unger

Wer steht wofür? Wer ist wer? Wer spielt welche Rolle?

Und hat Kraft sich doch deutlich nach reiflicher Überlegung, Beratung überzeugt für die Selbst-Präsentation in Form eines kleinen Poesiealbums, sprich Wahlkampfbroschüre, entschieden. Mit vielen Homestories, persönlichen Fotos aus der familieneigenen Schatulle. Sowie für die weich zeichnenden Plakatabbildungen und runden Buchstabenformen. Man könnte fast Gefahr laufen, das SPD-Logo in der Ecke oben links zu übersehen - um dann gestern Abend im TV-Duell kraftvoll zu dominieren.

Noch einmal: wer steht wofür? Wer ist wer? Wer spielt welche Rolle? Wahlkampf ist immer auch Spektakel in der öffentlichen Arena. Wahlkampf ist immer Schauspiel mit verteilten Rollen. Da gibt es den Guten, da gibt es den Bösen. Da kämpft der Leidenschaftliche, da verliert der Übermütige. Das lieben die Menschen ja so sehr. Man kann sich identifizieren. Man weiß unbewusst, bei wem man sich gut aufgehoben fühlt, weil dieser jemand einem aus der Seele spricht. Dafür werden heutzutage Politiker letztendlich gewählt. Sie müssen überzeugen, d.h. in sich stimmig sein. Sie müssen den Wähler gerade auch hierdurch erreichen, d.h. anschlussfähig sein.

Rüttgers und Kraft bieten im Wahlkampf diese klaren Rollen nicht. Man könnte sich gestern an ein Provinztheater in Wanne-Eickel oder Arnsberg erinnert fühlen. An eine Bühne, auf der die wenigen Schauspieler immer wieder zwischendurch ihre Rollen wechseln. Das Publikum verfolgt dann aufmerksam, wie man am Bühnenrand in die Kleider der neuen Rolle schlüpft, und amüsiert sich gerade über die vielen kleinen Nichtigkeiten, die unscheinbaren, slapstickartigen Patzer, wenn beispielsweise die Hose, nicht richtig zugeknöpft, runter zu rutschen beginnt, während man schon den neuen Text aufsagt. Das eigentliche Stück, weswegen man das Theater besucht, gerät dann nicht selten zur Nebensache.

Das TV-Duell hinterlässt wahrscheinlich so manchen ratlosen Zuschauer. Muss er doch für sich im Nachgang die unterschiedlichen Rollenversprechen, Verhaltensmuster und Persönlichkeiten unter einen Hut kriegen. Ist der Rüttgers auf dem Plakat der Rüttgers aus dem TV-Duell? Ist die Kraft aus dem Poesiealbum die Kraft aus dem Fernsehen? Irritation aber ist ein schlechter Ratgeber. ZuschauerInnen und WählerInnen könnten ob der Rollenvermischung irritiert sein. Irritation schafft Distanz, Irritation weckt Fragen und Zweifel. Irritation ist keine gute Motivation, um zu wählen.

Ulrich Sollmann (www.sollmann-online.de) arbeitet als Berater und Coach in Wirtschaft, Politik und Industrie. Er ist Inhaber einer Praxis für Körper-Psychotherapie und bioenergetische Analyse in Bochum. Sollmann ist Begründer von charismakurve.de, einer Website, auf der Internetuser die Ausstrahlung von Spitzenkandidaten bewerten. Zudem publiziert er in verschiedenen Medien.

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