Wahlkampfabschluss in Hamburg : Die SPD skandiert "Olaf", Ahlhaus spricht vor leeren Reihen

Beim Wahlkampfabschluss in Hamburg gibt es deutliche Hinweise auf den Ausgang: Während bei der SPD gefeiert wird, hätte die CDU wohl besser einen kleineren Saal genommen - trotz Kanzlerin.

von und Michael Schlieben, Sophie Crocoll
Fertig zum Einrollen: Die Hamburger CDU steht vor einem Debakel.
Fertig zum Einrollen: Die Hamburger CDU steht vor einem Debakel.Foto: dapd

SPD-Herausforderer Olaf Scholz hat prominenten Zuspruch eigentlich nicht mehr nötig. Die Hamburger Sozialdemokraten sind sowieso in Feierstimmung. Eine Blaskapelle spielt "We are the champions". Jusos und Rentner schunkeln gemeinsam. Später skandieren sie "Olaf".

Kein Wunder: Wann konnte die SPD schon das letzte Mal von einer absoluten Mehrheit träumen? Nun aber, einen schwarz-grünen Koalitionskollaps und anderthalb Jahre Schwarz-Gelb in Berlin später, hat sich der Wind gedreht. Die SPD steht bei weit über 40 Prozent in den Umfragen. Der nächste Bürgermeister der Hansestadt wird Scholz heißen.

Die Location, die die SPD für ihren Wahlkampfhöhepunkt gewählt hat, passt bereits zu ihrer neuen strategischen Ausrichtung: Das Cruise Center, ein futuristischer Glaskasten in der schnieken Hafen-City. Scholz hat in diesem Wahlkampf gern seine Wirtschaftskompetenz betont. Er setzt auf den Hafen, hier will er investieren. Kein Schlagwort fällt in seiner 20-minütigen Rede daher so häufig wie "Hamburgs Wirtschaft".

Bei der guten Ausgangslage kann der angereiste SPD-Chef Sigmar Gabriel nur mächtig stolz auf seinen Hamburger Kandidaten sein. Gabriel wirkt gelöst an diesem Abend, er spricht von Mindestlohn und Hartz IV. Nach NRW ist Hamburg vermutlich das zweite Bundesland in seiner Amtszeit, das von der SPD zurückerobert wird. Die erste neue Regierungschefin der Ära Gabriel, Hannelore Kraft, ist ebenfalls anwesend. Sie lobt Scholz‘ "genialen Wahlkampf" und empfiehlt aus eigener Erfahrung: Absolute Mehrheit wäre zwar was Feines, aber auch mit den Grünen klappe das Regieren "ganz jut".

Von denen hat sich die SPD im Wahlkampf allerdings demonstrativ abgegrenzt. Scholz ist für die Elbvertiefung und einen härtern Kurs bei der inneren Sicherheit. Und er ist gegen die Stadtbahn und weitere "Schulexperimente". Dennoch, da sind sich viele Genossen sicher, wird es am Ende auf Rot-Grün hinauslaufen, sollte eine Koalition von Nöten sein. "Die FDP wäre zwar im Moment billig zu haben", sagt ein Hamburger Spitzengenosse "Zeit Online". Aber die würde sicher "bald zickig". Den Bürgern sei es kaum zu vermitteln, warum man in Berlin auf Westerwelle schimpfe und in Hamburg mit der jungen FDP-Spitzenkandidatin Katja Suding koaliere.

Weniger gelöst ist die Stimmung an diesem Abend bei der CDU: Wenn kein Wunder passiert wird Hamburgs Bürgermeister Christoph Ahlhaus in wenigen Tagen abgewählt sein. Doch die Landespartei hat noch nicht aufgegeben. "Gerade jetzt CDU", steht auf einer himmelblauen Plane, die auf der Bühne aufgestellt wurde. Allerdings fehlen die Anhänger im Saal 2 des Congress Center Hamburg. Er ist ausgelegt für 1500 Besucher, der komplette Oberrang glänzt durch freie rote Sitze. Und das, obwohl die Kanzlerin kommt. "Die Frage ist, ob wir nicht besser den kleinen Saal genommen hätten", sagt ein Ordner.

Ahlhaus ist dennoch motiviert, er nimmt die Treppe zur Bühne mit wenigen Schritten. "Überall wo die CDU regiert, geht es den Menschen besser", sagt der Bürgermeister. Energisch spricht er über "Massenarbeitslosigkeit" und die "Verbrechenshauptstadt". Für beides stehe die SPD. Wirtschaftsförderung könne Rot-Grün nicht. Das habe die letzte sozialdemokratische Regierung in Hamburg gezeigt.

 Der Erste Bürgermeister lässt erwartungsgemäß kein gutes Haar an seinem mächtigen Gegenkandidaten. Olaf Scholz habe in Hamburg schon einmal das sinkende Schiff verlassen und sei als Generalsekretär nach Berlin gegangen: "So kann man nicht mit seiner Stadt umgehen, wenn sie einem am Herzen liegt", versucht Ahlhaus seinen Ruf als Nicht-Hanseat wettzumachen. Der Bürgermeister redet lebhafter, leidenschaftlicher als sonst. Er präsentiert Hamburg als erfolgreichsten Stadtstaat, als boomende Metropole. Er will nicht nach Abschied klingen. Dennoch: Es gibt kaum Stellen in der Rede, die sich für Applaus eignen.

Dafür wird die Kanzlerin eifrig beklatscht. Im knallroten Jackett steht Angela Merkel auf der Bühne und schimpft auf die Grünen: "Unzuverlässigkeit darf sich nicht lohnen, auch nicht in Hamburg." Sie scherzt, sagt, dass Hamburg eine schöne Stadt sei, sie dürfe aber nicht sagen, die Schönste. Denn morgen sei sie schon wieder in Tübingen. Das schmeichelt den Hanseaten nicht gerade übermäßig.

Auf Wählerfang geht die Kanzlerin mit ihrem alten Lieblingsthema: Integration. Wer in Deutschland lebe, der müsse die Sprache können und sich in dritter oder vierter Generation auch als Hamburger und als Bundesbürger fühlen. Solche Sprüche kommen bei den Hamburger Anhängern der CDU gut an. Stärker wird beim Wahlkampfhöhepunkt der Christdemokraten nicht mehr geklatscht. Nach Merkels Rede gibt es Standig Ovations. Am Ende wird die Nationalhymne gespielt.

Keine Stühle mehr frei sind an diesem Abend bei den Hamburger Grünen. Im Gegenteil: Die Hälfte der GAL-Anhänger muss stehen oder auf der Heizung der angemieteten Fabrikhalle sitzen. Für Stimmung sorgt eine Breakdance-tanzende Jugendgruppe. Nach einer besonders schnellen Drehung landet ein Teilnehmer beinahe auf den Füßen von GAL-Spitzenkandidatin Anja Hajduk und Jürgen Trittin.

Der Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag verkündet später: Es sei sein erklärter Wille, dass der Kanzlerin von Sonntag an mehr Stimmen als bisher im Bundesrat fehlen. Über den chancenlosen CDU-Herausforderer Ahlhaus sagt er lediglich: "Ich finde, er hat unser Mitleid verdient."

GAL-Spitzenkandidatin Hajduk erinnert ihre Anhänger daran, dass eine absolute Mehrheit der SPD der eigentliche Feind der Grünen bei der Hamburg-Wahl sei. Die Gebärdendolmetscherin, die ihre Rede übersetzt, wirkt dabei überschwänglicher als die Spitzenkandidatin selbst. Einer Meinung, sagt Hajduk, seien die beiden Parteien unter anderem bei der Frauenquote, dem Wohnungsbau, "wenn es nicht gerade um die Konkurrenz zu Gewerbeflächen geht". Viel Zustimmung gibt es im Publikum für die Ankündigung, die GAL wolle die Energienetze zurückkaufen und sich weiter für den Bau der Stadtbahn einsetzen. Investitionen in den Hafen allerdings dürften nicht überbewertet werden, widerspricht Hajduk ihrem potenziellen Koalitionspartner.

Auch FDP-Chef Guido Westerwelle macht an diesem Abend Wahlkampf. Vor allem grauhaarige Gutsituierte sind gekommen. Dass der Außenminister vor allem über den Mittelstand und die Selbstständigen spricht, gefällt ihnen. Steigende Renten seien sozialer als jede rote Fahne am Ersten Mai, sagt Westerwelle. Und Schwarz-Gelb im Bund sei ein Erfolgsmodell. Auch die erkrankte FDP-Spitzenkandidatin Katja Suding hält tapfer ihre Ansprache. Sie ist gesundheitlich angeschlagen, musste zuletzt Termine absagen. Die Gesundheit Sudings ist nicht das einzige Problem der Hamburger Liberalen. Sie wissen nicht, ob sie am Sonntag überhaupt die Fünf-Prozent-Hürde schaffen.

Quelle: Zeit Online

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