Wahlergebnisse : Wie hat der Iran in Wirklichkeit gewählt?

"Wo ist meine Stimme", skandieren die Menschen seit drei Tagen auf den Straßen. Wie hat der Iran tatsächlich abgestimmt? Diese Frage bewegt inzwischen nicht nur das iranische Volk, sie bewegt die ganze Welt. Und sie bewegt jetzt offenbar auch den obersten Religionsführer des Landes, Ajatollah Ali Chamenei.

Martin Gehlen

Am Samstag noch hatte Chamenei Mahmud Ahmadinedschads Wahlsieg triumphal als „einen göttlichen Bescheid“ ausgerufen. 48 Stunden später kam dann der erste Rückzieher. Chamenei ordnete an, der 12-köpfige Wächterrat soll die Vorwürfe des Kontrahenten Mir Hossein Mussawi untersuchen, er sei um den Sieg betrogen worden.

Denn auch dem obersten Religionsführer scheint klar geworden zu sein, dass sich die Wahrheit nicht mehr lange wird unter der Decke halten lassen. Zu krass waren die Fälschungen und zu dilettantisch die Inszenierung. So kursiert inzwischen in Teheran aus „anonymen Kreisen“ des Innenministeriums eine Aufstellung von Zahlen, die ziemlich plausibel erscheint, auch wenn sie sich nicht durch unabhängige Quellen verifizieren lässt. Danach waren alle neun Zwischenergebnisse, die Innenminister Sadeq Mahsouli in der Nacht von Freitag zu Samstag bekannt gab, bereits vorab geschrieben und geplant worden. Die Stimmzahlen seien mit einem Software-Programm so manipuliert und auf die verschiedenen Wahlbezirke aufgeteilt worden, dass alles möglichst plausibel aussah, heißt es in dem Text. In Wirklichkeit aber hat nach diesen anonymen Angaben Mussawi die Wahl haushoch gewonnen – und zwar 21,3 Millionen Stimmen, das entspricht 57,2 Prozent. Ahmadinedschad erhielt angeblich nur 10,5 Millionen Stimmen, also 28 Prozent. Auf dem dritten und vierten Platz landeten Mohsen Rezai mit 2,7 Millionen (7,2 Prozent) und Mehdi Karroubi mit 2,2 Millionen Stimmen (6 Prozent). Die Wahlbeteiligung lag bei 81 Prozent, das sind 37,4 Millionen Bürger. Es war nicht das erste Mal, dass sich Mitarbeiter aus dem Teheraner Innenministerium an ihrer Ahmadinedschad-ergebenen Leitung vorbei mit Informationen nach draußen wandten. Auch einige Tage vor der Wahl hatten aufrechte Angestellte in einem Brief an den Chef des Wächterrates, Ayatollah Ahmad Jannati, vor umfangreichen Wahlmanipulationen gewarnt.

Aber auch die Mitarbeiter der nominellen Wahlverlierer haben das ganze Wochenende gerechnet und ihre Kontaktleute in den Provinzen und in Teheran befragt. Einer von ihnen, der langjährige Chef der revolutionären Garden, Mohsen Rezai, kommt ebenfalls zu ganz anderen Ergebnissen als Ahmadinedschad. Seine Analyse teilt die Ergebnisse in drei Kategorien auf - Landbevölkerung, kleine Städte und große Städte. Nur auf dem Land, wo etwa ein Drittel aller Wahlberechtigten leben, sah es danach für Ahmadinedschad einigermaßen gut aus. Hier lag er mit Mussawi gleich auf, die beiden anderen Kandidaten waren mit zwei bis drei Prozent weit angeschlagen. Schon den kleineren Städten jedoch änderte sich das Bild. Hier lag Mussawi mit 66 Prozent vorne, Ahmadineschad und Rezai waren mit 12 bis 14 Prozent etwa gleich stark. Karroubis Zustimmung dümpelte im einstelligen Prozentbereich. In der Hauptstadt Teheran, aber auch in Isfahan, Maschad, Tabriz und Kerman lag Mussawi dann richtig weit vorne – mit etwa 70 Prozent der Stimmen. Ahmadineschad kam auf magere 16 Prozent, gefolgt von Rezai mit zehn und Karroubi mit vier Prozent. Auch die Iraner im Ausland stimmten nach diesen Informationen mit 78 Prozent für Mussawi und nur sieben Prozent für Ahmadinedschad. Das Innenministerium aber behauptet bisher das genaue Gegenteil.

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