Wahlfrühstück : "Die transatlantischen Beziehungen werden nicht einfacher werden"

Am Tag nach der Wahl diskutieren deutsche und amerikanische Experten das künftige Verhältnis zwischen Europa und den USA unter einem Präsidenten Barack Obama.

Ruth Ciesinger

John M.  Koenig ist so ergriffen, dem US-Gesandten in Deutschland bricht die Stimme. Es ist acht Uhr morgens, seit gut drei Stunden steht fest: Barack Obama wird der nächste Präsident der Vereinigten Staaten. Koenig zitiert den schwarzen Bürgerrechtler Martin Luther King: "I have a dream - Ich habe einen Traum, dass sich eines Tages diese Nation erheben wird und die wahre Bedeutung ihres Glaubensbekenntnisses ausleben wird: ‚Für uns soll als selbstverständlich gelten: Alle Menschen sind als gleich geschaffen.'"

An diese Worte dürften viele in dieser historischen Nacht gedacht haben, jetzt, am Mittwochmorgen bekommt Koenig viel Applaus dafür. Die US-Botschaft hat zum Wahlfrühstück in die Hauptstadtrepräsentanz der Telekom geladen. Tausende haben dort die Nacht über das Rennen um den Wahlsieg verfolgt. Wer jetzt noch da ist, ist etwas blass um die Nase. Aber  immer noch viele Amerikaner, Diplomaten und Politiker,  darunter Renate Künast und Reinhard Büttikofer von den Grünen, wollen hören, was amerikanische und deutsche Experten zum Wahlsieg von Obama zu sagen haben.

Eberhard Sandschneider, Direktor der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), gefällt sich in der Rolle des, nun ja, nicht Spielverderbers, aber desjenigen der "etwas Wasser in den Wein gießen muss". Die Erwartungen in Europa und besonders in Deutschland an Barack Obama hält er für viel zu hoch. Kein US-Präsident habe jemals das Amt übernommen, als Amerika vor so vielen Baustellen gestanden habe - dem Irak, Afghanistan, dem Iran einerseits und Finanz- und Energiekrise andererseits. "Obama kann nicht wie Moses das Wasser teilen", sagt Sandschneider. Die transatlantischen Beziehungen würden "nicht einfacher" werden, im Gegenteil: Bei zu großen Hoffnungen fänden sich die Deutschen "bald im Jammertal der transatlantischen Beziehungen wieder".

Deshalb warten auf die   Europäer große Herausforderungen, sagt  Jan Techau, von der DGAP. Er glaubt aber, dass "diese wissen, was auf sie zukommt". Schließlich haben die EU-Außenminister erst am Montag in Marseille den USA eine "Partnerschaft auf Augenhöhe" angetragen. So eine Partnerschaft verlangt auch stärkeres europäisches Engagement, das sich nach Techaus Ansicht schneller ändern kann als "die amerikanische Ankerposition in der globalen Welt". Besonders wichtig seien im kommenden Jahr Europas Einsatz in Afghanistan und im Konflikt mit dem Iran um dessen Atomprogramm. In der Iran-Krise sind die Europäer sehr aktiv, doch was Afghanistan betrifft, werde besonders von Deutschland einiges erwartet. Die bisherige Zurückhaltung Berlins, unter anderem was die Restriktionen des Bundeswehreinsatzes betreffen, hätten Deutschlands Position in den USA geschadet, sagt Techau. Allerdings dürfen die Europäer auch auf Verständnis in der künftigen US-Regierung hoffen - zumindest was Ton und Denkart betreffen. Der Analyst Parag Khanna, derzeit Fellow an der American Academy, geht mit Blick auf Obamas Beraterstab davon aus, dass viele Europa-Kenner im neuen Kabinett mitarbeiten werden.

Dennoch sind Europa und die USA auch sehr verschieden, selbst wenn die Amerikaner jetzt nach acht Jahren "wieder einmal so gewählt haben, wie wir Deutschen uns das vorgestellt haben", erinnert Sandschneider das Publikum. Durchaus erstaunen dürfte in Deutschland zum Beispiel, dass dort neben der "religiösen Rechten" inzwischen eine "religiöse Linke" um Politiker wie Obama am entstehen sei, wie Josef Braml von der DGAP beobachtet. Diese religiöse Linke übernehme die "Deutungshoheit über moralische Werte", ihre Herausforderung sei es, "wirtschaftliche Themen im Sinne der katholischen Soziallehre zu übersetzen". Sogar der Umweltschutz sei zum religiösen Thema geworden - "Sie machen mich sprachlos", ruft Renate Künast.Dennoch bleibt am Ende die weit verbreitete Ansicht Alle Herausforderungen und  Differenzen werden besser zu meistern sein, wenn sich  Stil und  Umgang miteinander auf beiden Seiten des Atlantik im kommenden Jahr wieder deutlich ändern werden.

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