Politik : Wahlhelfer Weltpolitik

Sabine Heimgärtner

In Frankreich tobt ein seltsamer Wahlkampf. Es ist wie beim Schattenboxen, dem chinesischen Kampfsport, ein Kopf-an-Kopfrennen ohne Gegner. Denn die beiden Konkurrenten, Staatspräsident Jacques Chirac und Premierminister Lionel Jospin, haben ihre Kandidatur bislang nicht offiziell erklärt. Noch ist Zeit. Der erste Wahlgang für die Präsidentschaftswahlen findet erst am 21. April statt. Aber viele Franzosen und vor allem die Berater des Regierungschefs, hätten sich gewünscht, dass sich Jospin bei seiner letzten Fernsehansprache in diesem Jahr als Anwärter für das Präsidentenamt zu erkennen gibt. Aber es war wieder nichts.

Als "wahrscheinlich" bezeichnete Jospin seine Kandidatur und fügte hinzu, die Zeit sei noch nicht reif für Festlegungen. "Wir brauchen keinen Wahlkampf vor dem Wahlkampf, die Franzosen erwarten von mir, dass ich meine Verantwortung als Regierungschef erfülle und nicht als Stimmenjäger." Der Herausforderer von Staatschef Chirac will sich erst Ende Februar erklären.

Genau damit haben seine sozialistischen Parteigenossen Probleme. Sie befürchten, dass Jospin den geeigneten Zeitpunkt verpassen, seine Anhänger demoralisieren und potenzielle Wähler vergraulen könnte. "Er ist zwar in seinem Kopf Kandidat, aber eben nicht in der Wahlkampagne", beschreibt Parteichef Francois Hollande das Problem und die Zeitung "Liberation" karikiert den Sozialisten gar als gespaltene Persönlichkeit: "Da gibt es Jospin, den Premierminister, der gewissenhaft seine Regierungsarbeit erledigt, und da gibt es Lionel, den Kandidaten, der sich heimlich auf den Wahlkampf vorbereitet". Womöglich könnte diese Doppel-Strategie ins Auge gehen, denn die Zeit spielt, ohne dass Jospin dafür irgendetwas könnte, gegen ihn. Die Wende kam am 11. September.

Bis zum Tag der Attentate in den USA war Jospin der starke Mann im Land und den Franzosen ging es gut. Als Regierungschef mit der bislang längsten Amtszeit konnte er auf eine erfolgreiche Bilanz verweisen - drei Jahre stetig steigendes Wirtschaftswachstum, erfolgreiche Einführung der 35-Stunden-Woche, sinkende Arbeitslosenzahlen. Es schien so, als müsse Jospin nur auf den Wahltermin warten und die Sympathien der Wähler flögen ihm nur so zu. Mit hervorragenden Umfragewerten saß der Regierungschef als solider Politiker fest im Sattel, immer ein paar Punkt vor dem Präsidenten, dem zu normalen Zeiten in Frankreich eher die Rolle des diplomatischen Repräsentanten zufällt denn die des Akteurs.

Doch seit Mitte September sind die Zeiten nicht mehr normal, die Schwerpunkte sind neu verteilt. Der neogaullistische Präsident Chirac hat plötzlich eine Bühne. Als Oberfehlshaber der Streitkräfte ist er es, der die Marschrichtung vorgibt, nicht nur in der Verteidigungs-, sondern auch in der Außenpolitik. Jospin muss zusehen, wie er mithalten kann. Die großen Auftritte auf dem Weltpodium bleiben ihm versagt, er muss sich mit nationalen Themen begnügen und die sind, auch eine Folge des 11. September, wenig attraktiv: Steigende Arbeitslosigkeit, sinkendes Wirtschaftswachstum, Firmenpleiten, Massendemonstrationen unzufriedener Berufsgruppen und Streiks. Jospins Wahlkampf-Kapital, seine noch vor wenigen Monaten triumphale Bilanz, ist wie ein Kartenhaus zusammengefallen.

Zwar scharren die sozialistischen Parteigenossen mit den Füssen. Nachdem sie längst Kampagnen und Wahlplakate entworfen, Themen umrissen und Mannschaften aufgestellt haben, wollen sie nun endlich loslegen mit dem Ziel, den Rivalen im Elysee-Palast zu schwächen. Wie, fragen sich aber nicht nur außen stehende Beobachter, denn seine neue Rolle scheint Chirac wie auf den Leib geschneidert. Vergessen sind die zahlreichen Korruptionsaffären rund um den konservativen Politiker, strahlend mischt er mit auf der Weltbühne, gibt sich souverän und entspannt und legt wöchentlich an Beliebtheit zu. Er verspricht tatsächlich spannend zu werden, der Wahlkampf in Frankreich, wenn er denn mal wirklich anfängt.

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