Politik : Wahlkampf brutal

Die Belastung der Spitzenpolitiker bis zum 18. September ist enorm – das zeigt nicht nur der Zusammenbruch von Franz Müntefering

Stephan Haselberger

Berlin - Es ist erst ein paar Tage her, da äußerte sich Franz Müntefering zu seiner Zukunft als Doppelvorsitzender. Ob er nach der Wahl Fraktions- oder Parteichef bleibe, wollte der „Stern“ wissen, und der 65-jährige Sozialdemokrat antwortete soldatisch knapp: „Parteichef auf jeden Fall, vielleicht beides.“

Als das Interview am Donnerstag erschien, hatte die Frage auf eine fast schon dramatische Weise an Bedeutung gewonnen. Müntefering, nach Angaben eines Parteisprechers an einem schweren Magen-Darm-Infekt erkrankt, hatte am Vortag bei einer Wahlkampfveranstaltung im saarländischen Homburg einen Schwächeanfall erlitten und war auf offener Bühne zusammengesackt.

Den Kollaps des SPD-Chefs mag der Infekt bewirkt haben, das Arbeitspensum von Spitzenpolitikern zu Wahlkampfzeiten ist aber generell geradezu unbarmherzig. Ob Angela Merkel, Edmund Stoiber, Gerhard Schröder, Joschka Fischer oder eben Müntefering – die Stars der deutschen Politik gehen in dieser kurzen Wahlauseinandersetzung bis an die Grenze der Belastbarkeit, manchmal auch darüber hinaus. Auf dem Terminplan von Unions-Kanzlerkandidatin Merkel beispielsweise stehen bis zum 18. September noch 25 Kundgebungen, dazu etliche andere öffentliche Auftritte, Interviews, Hintergrundgespräche, Gremiensitzungen und interne Konferenzen. „Absoluter Irrsinn“, sagt ein Mitarbeiter.

Selbst bei robusten Naturen wie dem Grünen-Raubauz Joschka Fischer hat der Dauereinsatz Spuren hinterlassen. Bei der „Berliner Runde“ am Donnerstagabend im ZDF versagte dem gefürchteten Debattenredner fast das Sprechorgan – ein seltener Moment. „Ich kämpfe um jede Stimme – auch um meine eigene“, krächzte Fischer. Am Tag danach führte Grünen-Wahlkampfmanager Fritz Kuhn die Stimmprobleme des Spitzenkandidaten auf einen Auftritt in Potsdam kurz vor der Sendung zurück, weshalb selbst Salbeitee nichts mehr geholfen habe. Termine würden deshalb aber nicht abgesagt. Tatsächlich tourte Fischer am Freitag schon wieder im Bus durch Nordrhein-Westfalen.

Dagegen muss Franz Müntefering auf Anraten der Ärzte ein längeres, weitgehend arbeitsfreies Wochenende einlegen. Vom 22. Juli an bis zu seinem Zusammenbruch hatte er an 50 verschiedenen Orten 16 SPD-Kundgebungen, 40 kleinere Wahlkampftermine und diverse Begegnungen mit der Presse bestritten. An diesem Tempo wird sich wahrscheinlich auch in Zukunft nichts ändern, heißt es im Willy-Brandt-Haus. Von Montag an, wenn Müntefering mit einer Rede in Würzburg wieder in den Wahlkampf einsteigen soll, wollen seine Mitarbeiter aber darauf achten, dass der Chef zwischen den Terminen „zum Beispiel ordentlich und in Ruhe essen kann“.

Die Sorge in der SPD um Münteferings Gesundheit ist groß – auch deshalb, weil ihn viele nicht nur als Partei-, sondern ebenso als Fraktionschef für unentbehrlich halten. „Er muss wieder gesund werden“, sagt ein Mitglied des Fraktionsvorstands mit Blick auf die personellen Alternativen. Die waren unter den Abgeordneten schon vor dem Schwächeanfall diskutiert worden, weil Müntefering durchblicken ließ, er werde den Fraktionsvorsitz möglicherweise abgeben. Als Nachfolger im Gespräch sind Bundestagspräsident Wolfgang Thierse und der Fraktionsvize und Finanzexperte Joachim Poß.

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