Wahlkampf : Fremde Stimmen

03.09.2009 00:00 UhrVon Ferda Ataman

SPD und Union werben im Wahlkampf massiv um Einwanderer – möglichst unbemerkt von den Stammwählern.

Berlin - So muss sich ein Popstar fühlen: Franz Müntefering wird umringt von sechs jungen Türkinnen, die geschminkt und aufgeregt für die Kameras posieren. Die Damen haben fast eine Stunde in der Kreuzberger Oranientraße auf den Parteivorsitzenden der SPD gewartet. Müntefering ist am Mittwoch ins Berliner Migrantenviertel gekommen, um in einem orientalischen Spezialitätenladen den Sorgen von türkischen Geschäftsleuten zu lauschen. Bei Tee, Nüssen und Süßigkeiten durchläuft er mit ihnen das ABC der Integrationspolitik: Arbeit, Bildung, Chancengleichheit. Seine Botschaft: Die SPD versteht die Sorgen der Migranten.

Der Termin in Kreuzberg ist nur einer von vielen, mit denen der Parteichef und seine Mitstreiter die bislang eher vernachlässigte Wählergruppe umwerben.

Rund 700 000 türkischstämmige Wähler gibt es in Deutschland, die Zahl der Deutschen mit einem sogenannten Migrationshintergrund wächst. Im Superwahljahr 2009 haben SPD und Union dieses Wählerpotenzial offenbar erkannt. An die große Glocke hängen wollen die Volksparteien ihr Werben um Migranten allerdings nicht.

Die Anbahnungstermine werden in der deutschen Öffentlichkeit nicht weiter betont. Zur Veranstaltung „Wir sind Deutschland“ etwa, zu der im August eine SPD-Arbeitsgruppe mit dem Namen „Neue Inländer“ ins Willy-Brandt-Haus lud, waren ausschließlich Vertreter von Migrantenverbänden eingeladen. Dabei sprach Andrea Nahles hier zum ersten Mal als potenzielle Integrationsministerin im Schattenkabinett von Frank-Walter Steinmeier. Intern ist von „Zielgruppenkommunikation“ die Rede. Der Grund ist naheliegend: Nicht jeder Genosse ist für einen EU-Beitritt der Türkei, für eine doppelte Staatsbürgerschaft bei Migranten und niedrigere Hürden in der Zuwanderungspolitik. Das Werben um Migranten kann Stammwähler abschrecken, heißt es unisono bei SPD und CDU/CSU, hinter vorgehaltener Hand.

Dabei kann vor allem die SPD hier gewinnen: Laut einer Untersuchung des Instituts Data 4U will mehr als die Hälfte der befragten Deutschtürken die Sozialdemokraten wählen – die CDU nur knapp jeder zehnte. Wohl auch deshalb posierte die Kanzlerin beim Fraktionssommerfest mit einem Döner in der Hand für türkische Fotografen und schickt ihre Staatsministerin für Integration Maria Böhmer auf Kuscheltour ins Migrantenmilieu. Auch Hardliner wie den hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch und CSU-Kollegen kann man derzeit beim Fastenbrechen mit Muslimen beobachten.

„Im Umgang mit Migranten haben wir noch Nachholbedarf“, sagte Generalsekretär Ronald Pofalla am Dienstag in Berlin bei der ersten Konferenz von CDU-Mandatsträgern mit ausländischen Wurzeln. Pofalla lud die Migranten ein, der Partei dennoch beizutreten: „Wir alle, und darauf lege ich Wert, sind Union.“

Die SPD ist ebenfalls fleißig unterwegs: Müntefering persönlich besucht zahlreiche Veranstaltungen von türkischen Organisationen und hielt kürzlich auf der Geburtstagsfeier von Kenan Kolat eine Lobrede auf den „großen Unterstützer“, den Vorsitzenden der „Türkische Gemeinde in Deutschland“.

„Es wäre besser, wenn die Parteien ihre Öffnung stärker in der deutschen Öffentlichkeit darstellen würden“, moniert Bülent Arslan, Gründer der Deutsch-Türkischen Plattform in der CDU. „Trotzdem muss eine Partei immer abwägen, ob sie mit ihren Schritten mehr Wähler gewinnt oder verliert.“

Videos - Politik

Umfrage

Immer wieder wird der Verbleib Griechenlands in der Eurozone kontrovers diskutiert. Was denken Sie?

Service

Grüne Geschäfte - Der Blog

Wir können's besser: Für eine Wirtschaft, die Ressourcen und Klima schont
Der Blog von Tagesspiegel-Autorin Dagmar Dehmer und der Zeit-Online-Autorin Marlies Uken.

Rechtsextremismus in Deutschland

Weitere Themen

Das Kernkraftwerk Philippsburg im Landkreis Karlsruhe. Foto: dapd

Die aktuellen Tagesspiegel-Artikel aus unserem Atomkraft-Themenressort.

Atomkraft

Umfrage

Peter Altmaier von der CDU wird der neue Umweltminister - ist er der richtige Mann für den Posten?

Todesopfer rechter Gewalt

Tagesspiegel-Abo

Foto:

Werden Sie Tagesspiegel-Abonnent und sichern Sie sich tolle Prämien. Spezielle Angebote finden Sie in unserem Aboportal.

Leser werben Leser - Vermitteln Sie einen neuen Tagesspiegel-Leser und wählen Sie Ihre Wunschprämie.

Studentenabo - Profitieren Sie von unseren günstigen Studentenangeboten.

Probeabo - 14 Tage kostenlos den Tagesspiegel lesen.

Tagesspiegel App für iPhone und iPad.

Aboservice - Ob Urlaub, Umzug oder Schwierigkeiten bei der Zustellung - wir helfen Ihnen weiter.

Tagesspiegel Abo
Deutsche ISAF-Soldaten: Der Krieg in Afghanistan geht ins elfte Jahr. Foto: dapd

Der Einsatz am Hindukusch neigt sich dem Ende zu. Eine Übersicht über alle Artikel zum Afghanistan-Krieg finden Sie hier.

Alles über Afghanistan
Wie geht es weiter mit dem Euro und der EU? Foto: Reuters

Zehn Jahre Euro. Alle Artikel zur Finanzeskalation im Krisenjahr 2011, wirtschafts- und finanzpolitische Themen in unserem Themenressort.

Euro-Krise

Krankenkassen-Vergleich

Foto:

• Beitragsrechner
• Versicherungsvergleich
• Tipps zum Wechsel

Der schnelle Weg zur günstigen Krankenkasse.

Hier vergleichen
Foto:

Das politische Geschehen in der Hauptstadt. Hautnah. Alles über die Berliner Landespolitik und ihre Akteure lesen Sie hier.

Berliner Landespolitik
Braunkohle-Tagebau des Vattenfall-Konzerns bei Jänschwalde .Aus Jänschwalde und Cottbus-Nord werden täglich zirka 60.000 Tonnen Braunkohle gefördert. Mit dieser Energie kann der Tagesbedarf einer Großstadt gedeckt werden. Foto: dpa

Solarenergie, Berichte von den Klimakonferenzen, Atomkraft und vieles mehr aus den Themenbereichen "Energie und Umwelt".

Energie

Biowetter, Deutschlandwetter und internationales Wetter, Niederschlagsmengen, Reisewetter und aktuelle Satellitenbilder. Behalten Sie das Wetter im Griff!

Tagesspiegel Wetterseite