Wahlkampf : Im Mantel der Geschichte

Konservative Erbmonarchie: Die CDU inszeniert Angela Merkel als Nachfahrin von Adenauer, Erhard und Kohl.

Robert Birnbaum
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Wir mit ihr. Der CDU-Wahlkampf hat jetzt auch ein Thema: Angela Merkel. Foto: AFPDDP

Berlin - Auf der Liste von Angela Merkels Wahlkampfterminen, die die CDU verteilt, ist der Tag in Sopron nicht verzeichnet. Formal ist das korrekt, denn zum historischen Gedenken an die so folgenreiche erste Maueröffnung zwischen Ungarn und Österreich reiste am Mittwoch die Kanzlerin und nicht die CDU- Chefin. „Die Menschen in Deutschland werden Ungarn nicht vergessen, welchen Beitrag es geleistet hat dafür, dass wir heute alle in Freiheit leben können“, sagte Merkel bei den Feierlichkeiten.

Geschichte nimmt in Merkels Wahlkampf eine zentrale Rolle ein. Merkel, so die Botschaft, müsse historisch folgerichtig am 27. September im Amt bleiben. Verabreicht wird das in kleinen, für sich allein genommen unauffälligen Paketen. Da gibt es das schwarz-rot- golden unterlegte „Wir“ auf den CDU-Plakaten. Da gibt es die Passage über Ludwig Erhard, das Wirtschaftswunder und die soziale Marktwirtschaft, die in keiner Merkel-Rede fehlt. Da gibt es, der Zufall will es so, übers ganze Jahr verteilt Gedenktage an 60 Jahre Republik und 20 Jahre Einheit. Und wenn sich gerade kein Anlass bietet, dann wird er halt geschaffen.

Zum Beispiel: Helmut Kohl. Vor einiger Zeit ist der Altkanzler, nach schwerem Sturz an den Rollstuhl gefesselt und noch kaum der Sprache mächtig, erstmals seit einem Jahr wieder öffentlich aufgetreten. Kurz darauf hat ihn die Nachfolgerin besucht. Heimlich fast, nur eine amtliche Kamera. Tage später macht der Regierungssprecher im Protokollstil die Visite öffentlich. Sie habe „in privater, harmonischer Atmosphäre“ stattgefunden habe, Merkel habe Kohls historische Leistung als Kanzler der Einheit gewürdigt, und Kohl sehe in der Finanzkrise „Europas Rolle in der Welt“ besonders gefordert.

Wer aber übernimmt diese Rolle? Genau: Die Kanzlerin. Eigens erwähnt wird das nicht. Botschaften dieser Art wirken nur, wenn sie nicht dick aufgetragen werden. Oder zum Beispiel: Die Einheit. Eine ganze Reihe von Veranstaltungen hat die CDU dazu abgehalten. Am Dienstag trat Merkel in Weimar mit den wahlkämpfenden Ministerpräsidenten Dieter Althaus und Stanislaw Tillich auf. Aber der Thüringer und der Sachse sind Nebendarsteller. Im Zentrum steht die Chefin. Und im Zentrum stehen Sätze wie der, dass die CDU „immer an der deutschen Einheit festgehalten hat“ – anders als andere, die aber gar nicht erst erwähnt werden.

Keinerlei Konfrontation, und warum auch? Die Bürger, diagnostiziert die Allensbach-Demoskopin Renate Köcher in der FAZ, sähen die Krise nüchtern, aber ohne Panik; Merkels nüchterner Politikstil passe dazu. Dazu passt auch was zum Schmunzeln: „Man muss sich mal vorstellen, die Nummer wäre schiefgegangen. Eine kleine Facette wäre gewesen, dass ich jetzt gar nicht Bundeskanzlerin sein könnte!“ Eine Koketterie, gewiss, aber nicht nur: Wieder schwingt der Anspruch mit, dass diese Kanzlerschaft nachgerade historisch berechtigt sei.

Dazu gehört auch der Rheingold-Express. Am 15. September soll der historische Sonderzug mit der Kanzlerin an Bord in Rhöndorf starten, über Frankfurt und Leipzig nach Berlin. Es ist eine Tour durch die CDU-Lesart der Geschichte der Republik: Von Konrad Adenauers Haus am Rhein bis vor die Tür des Kanzleramts. 1949, 1989, 2009 – Gründungsjahr, Einheitsjahr, Krisenjahr, alle unter CDU-Kanzlerschaft bewältigt.

„Wer die Geschichte nicht kennt, hat es schwer, Orientierung für die Zukunft zu gewinnen“, hat Merkel in Weimar gesagt. Ein Standardsatz für Festreden, gewiss – aber nicht nur. Merkel, die Frau aus dem Osten, die in der CDU lange als Fremde galt, nimmt die Vergangenheit in Beschlag als Legitimation für den Anspruch, die Zukunft zu gestalten. Durchaus erwünschter Nebeneffekt: Bei so viel Reden von Geschichte fragt vielleicht keiner mehr allzu genau nach, wie die Orientierung für diese Zukunft aussieht.

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