Wahlkampf in Baden-Württemberg : Rette mich, wer kann

Politik als permanente Schulhof-Rauferei – und er als Klassenbulle, das war sein Ding. Aber das ist nicht mehr. Vom CDU-Wahlkämpfer Stefan Mappus im Ländle – und einer Welt in Trümmern

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Sonntag ist der Tag der Entscheidung: Angela Merkels Zukunft wird von manchen an den Erfolg von Stefan Mappus geknüpft.
Sonntag ist der Tag der Entscheidung: Angela Merkels Zukunft wird von manchen an den Erfolg von Stefan Mappus geknüpft.Foto: dpa

Eigentlich müsste sich Stefan Mappus kurz mal in den Arm kneifen, um sich zu vergewissern, dass es wahr ist, was er da sieht. Knapp 5000 wild entschlossene Anhänger hat die baden-württembergische CDU in die Arena Ludwigsburg geladen. Wo sonst Popbands und Basketballer bejubelt werden, wollen sie sich selber Mut machen für die Landtagswahl. Mappus guckt als Fotoplakat 21-fach vom obersten Rang in die Halle, Nummer 22 sitzt leibhaftig in der ersten Reihe. Oben auf dem Podium aber schüttelt Ursula von der Leyen beide Fäuste und röhrt mit dunklem Tigerinnen-Timbre ins Mikrofon: „Der Tag der Entscheidung ist nah! Am Ende werden wir es schaffen!“

Es ist noch gar nicht lange her, da fand Stefan Mappus, diese Frau habe in der CDU nichts zu suchen. Das war zu den glücklichen Zeiten, als Mappus Fraktionschef in Stuttgart und seine christlich-demokratische Welt noch in ihrer althergebrachten Ordnung war. Eine wie von der Leyen, diese norddeutsche Emanze mit ihrem Elterngeldfimmel, taugte damals im Südwesten höchstens als Feindbild. Und nun steht die Arbeitsministerin hier im Saal, lobt Baden-Württemberg über den grünen Klee – beste Wirtschaft, beste Arbeitslosenzahlen, sogar „die Nummer eins bei den Obstbäumen“ –, und Mappus muss ihr auch noch dankbar sein. Der Mann, der für Angela Merkels CDU die Bastion Baden-Württemberg verteidigen soll, hat jede Hilfe nötig. Seine Kanzlerin hat ihm auch jede gewährt. Doch es gehört zur Ironie dieses Wahlkampfs, dass mit jeder dieser Hilfen die alte Welt des Stefan Mappus immer weiter in Trümmer fällt.

Wenn er von Statur und Gemüt nicht so völlig untauglich für den Vergleich wäre, könnte man ihn als modernen Hiob porträtieren. „Womit hab’ ich das eigentlich verdient?“, hat er jetzt oft gestöhnt, wenn er morgens in den Wahlkampfbus geklettert ist und Dirk Metz ihn gleich nach hinten gezogen hat, weil mindestens auf einem von dessen zwei Smartphones gerade wieder eine Katastrophenmeldung aufgetaucht ist. Metz war Sprecher und Alter Ego von Roland Koch. Für ein halbes Jahr ist er nun Mappus’ Coach.

Der blankschädelige Westfale sorgt dafür, dass Interviews mit dem Ministerpräsidenten möglichst kein Wort über das Wahlprogramm hinaus enthalten und dass Mappus auch sonst sein Mundwerk zügelt. Sein Klient hat nämlich eine gewisse Begabung, durch spontane Kraftworte schwierige Situationen in ausweglose zu verwandeln. Als Metz sein Amt antrat, musste er mit anhören, wie der Landeschef den Stuttgart-21-Gegnern den „Fehdehandschuh“ hinwarf. Das Wort fiel danach nie wieder. Zu Metzens erkennbarem Leidwesen enthält Mappus’ Wortschatz aber noch jede Menge anderer loser Sprüche.

Normalerweise wäre das ein Vorteil. Die Welt ist übervoll von Politikern, die gedrechselten Unfug reden. Mappus hat seine Karriere von Anfang an auf eine ausgeprägte Begabung fürs Strippenziehen, einen noch ausgeprägteren Machtwillen und eine robust volkstümliche Sprache gebaut. Seine Äuglein funkeln bei der Erinnerung daran, wie er als Gymnasiast in Pforzheim 1983 in die Junge Union eingetreten ist, weil man sich in der CDU-Jugend so schön streiten konnte. Die Partei als Kampfverband, Politik als permanente Schulhof-Rauferei – das war sein Ding. Und solange er sich fühlen konnte wie der Klassenbulle, um den die anderen einen respektvollen Bogen schlagen, war ja auch alles gut.

Das schöne Leben endete, als Günther Oettinger das Angebot der Kanzlerin ergriff, in Brüssel EU-Kommissar zu werden, statt weiter in Stuttgart in Fettnäpfchen zu tappen. Mappus hatte als Nachfolger den Segen der einflussreichen Baden-Württemberger in Berlin von Fraktionschef Volker Kauder bis Forschungsministerin Annette Schavan. Er hat kurz versucht, sich als konservativer Bulldozer der CDU zu profilieren. Das Ende ist bekannt: Ohne Heiner Geißler und seine Schlichtung für Stuttgart 21 wäre Mappus erledigt gewesen. Draußen vor der Ludwigsburger Arena steht auch am Mittwoch wieder der uralte Wasserwerfer, den ein paar Stuttgart-21-Gegner zum mobilen Mahnmal an den brutalen Polizeieinsatz im Schlossgarten am 30. September 2010 umfunktioniert haben.

Mappus, hat damals einer gesagt, der ihn sehr gut kennt, habe in seiner Bewunderung für Franz Josef Strauß immer übersehen, „dass Strauß heute bei den Demonstranten wäre“. Andererseits hat er eine Erfahrung gemacht, die ihn darin bestätigte, dass seine alte Welt nicht völlig verschwunden ist. Die CDU regiert in Baden-Württemberg nicht zufällig seit fast 58 Jahren. Nach Geißlers Schlichterspruch stiegen die Umfragewerte für die ewige Staatspartei stetig wieder an, während die Rekordwerte der Grünen ebenso unaufhaltsam sanken. Die CDU war schon wieder bei 42 Prozent, auch der Koalitionspartner FDP nahm Stimmungskurs auf Stammlandstärke, da explodierte der Reaktor in Fukushima.

Was immerhin den relativen Vorteil hatte, dass die ganze Affäre Guttenberg plötzlich vergessen war. Neulich in Schriesheim vor einem rappelvollen Festzelt hat Mappus über das unrühmliche Ende dieses Hoffnungsträgers sogar gewitzelt: „Vielleicht darf ich hier eine kleine Fußnote anfügen“, hat er gesagt und dann aufgezählt, wer vor ihm schon auf dem Weinfest, dem Mathaisemarkt geredet hat: Doktor Franz Josef Strauß, Doktor Helmut Kohl, Doktor Edmund Stoiber, Frau Doktor Angela Merkel. „Ich arbeite noch an der Dissertation.“ Dirk Metz neben der Tribüne hat in dem Moment ziemlich streng geguckt.

Über Fukushima witzelt Mappus auch ohne strenge Seitenblicke nicht. Ganz flach wird seine Stimme, wenn er seiner Wahlkampfrede das obligatorisch gewordene Vorwort voranschickt, dessen Kernsatz lautet: „Wir haben immer gesagt, dass die Kernkraft eine Brückentechnologie ist, aus der wir möglichst schnell aussteigen wollen.“

„Wir“ ist gut. Norbert Röttgen hat das gesagt, der Umweltminister, dessen Rauswurf Mappus in seiner Atomfan-Phase verlangt hat. Angela Merkel hat das gesagt, die er nach dem Katastrophenfreitag in Japan zu Hilfe rufen musste. Der Atom-Mappus hat das nicht gesagt, sondern das schiere Gegenteil.

Gegen dieses Image hat er in den letzten zwei Wochen anarbeiten müssen, was verdammt schwer ist, denn er darf es andererseits auch nicht zu stark tun. Die Frage sei durchaus offen, sagt einer aus der CDU-Führung im Ländle, ob die eigene Stammklientel über Mappus’ Wende und Angela Merkels plötzliches Atom-Moratorium nicht sogar mehr verunsichert ist als über irgendwelche japanischen Reaktoren, die leider keine Tsunamis aushalten. „Wir mussten reagieren angesichts der Bilder aus Japan“, sagt der Gewährsmann, „aber der Applaus dafür hält sich in Grenzen.“ Noch verhaltener ist der Beifall übrigens in der FDP-Wählerschaft. Der saturierte Mittelstand hat nicht ganz verstanden, wieso ihr Parteichef Guido Westerwelle so scharf darauf war, sich öffentlich als schnellster Atomabschalter der Republik zu zelebrieren. Auch diese Libyen-Geschichte mit Enthaltung im Sicherheitsrat löst in Stuttgarter Cafés kopfschüttelnde Debatten zwischen Damen gesetzten Alters aus.

All das droht den eigentlichen Wahlkampfplan des Stefan Mappus zu überdröhnen, diese satte, zufriedene Superlativ-Kampagne: die besten Wirtschaftsdaten, die geringste Jugendarbeitslosigkeit sogar in ganz Europa, der solideste Haushalt, die besten Schulen. „Zu schade für rot-rot-grün“, steht auf einem der Wahlplakate an der Ludwigsburger Hallenwand. „Wir wollen immer einen Fortschritt voraus sein!“, ruft Mappus in die Arena. „Mappus weg!“, antwortet es von links oben. Ein paar von der anderen Seite haben sich in die Ränge zwischen das Parteipublikum gemischt. Sie tragen keine blau-weißen CDU-Schals, sondern das gelbe Banner mit dem durchgestrichenen „Stuttgart 21“. Angela Merkel hat vorhin bei ihrer Rede die Störer mit Spott zum Schweigen gebracht: „Hör’nse mal gut zu, hier könn’se noch was lernen.“ Mappus beißt ironiefrei zu: „Wenn man halt keine guten Argumente hat, dann macht man’s mit Randale!“

Da ist er wieder, der alte Mappus. Oder vielleicht sagt man besser: das Bild, das Mappus von sich selbst so lange geliefert hat. Er kann nämlich auch ganz anders sein, witzig, schlagfertig, gerührt. Nur weiß das kaum einer. Das Bild vom Raufbold aber hängt ihm nach. Wenn die Umfrageforscher sich bei den Wählern erkundigen, was sie von den Spitzenkandidaten halten, bekommt Mappus alarmierend maue Sympathiewerte. Wer am nächsten Sonntag CDU wählt, wird es eher nicht wegen des Kandidaten tun.

Auch deshalb sind sie an diesem Mittwochabend alle nach Ludwigsburg gekommen. Peter Müller von der Saar, der sich als „dienstältester christdemokratischer Ministerpräsident“ vorstellt und den Sonntag zur „Richtungswahl für Deutschland“ erklärt. Von der Leyen mit dem Obstbaum-Rekord. Wolfgang Schäuble, dem ein Beifall entgegenbrandet, aus dem Verehrung spricht, und der über die Verunsicherungen der Gegenwart redet und sagt, dass es der Auftrag der CDU sei, „Halt und Orientierung“ zu geben. Und Merkel natürlich. „Ich komme aus Ländern, wo man davon träumt, wie es hier ist“, sagt sie. Mappus wird ihr hinterher danken für Einsatz und „grandiose Unterstützung“, auch persönliche. Über die Kanzlerin hat er auch schon mal schlechter geredet. Heute sagt er ohne Anflug von Ironie, dass er sie bewundere.

Sein Problem ist nur, dass es dafür vielleicht jetzt zu spät ist. In der Landes-CDU rechnen Spitzenleute schon detailliert vor, wie tief die CDU am Sonntag sinken darf, um dank des Wahlsystems und seiner Überhangmandate trotzdem weiter zu regieren. Die jüngste Umfrage – 38 CDU-Prozente – gilt als Hoffnungszeichen: So furchtbar hat die Atomkatastrophe also gar nicht reingeschlagen!

Auf die Idee, dass das alles ein ziemlich schwacher Trost ist für eine Partei, die ihrer starken Bastion im Südwesten immer sicher sein konnte – auf die Idee kommt schon seit geraumer Zeit keiner mehr. Dabei hat Peter Müller ja ganz recht: Das ist eine Richtungswahl für Deutschland. Eine CDU ohne die Macht an Oberrhein und Neckar wäre nicht mehr die CDU, die die Republik kennt. Angela Merkel ist ja auch nicht bloß für Stefan Mappus nach Ludwigsburg gekommen. Merkel hat sich seinerzeit hinter Stuttgart 21 gestellt, sie hat ihren Atomkurs rabiat gewechselt, weil es ihre Wahl ist. Wenn es schiefgeht, wird niemand ihren Sturz fordern. Aber Kanzlerschaften enden sowieso nur ausnahmsweise durch Putsch. Sie brauchen sich einfach auf und schwinden dahin. Als Mappus seine Rede beendet hat, steigt Merkel zu ihm auf die Bühne, die anderen kommen nach, ein Gruppenbild in der Arena. In besseren Zeiten könnte es ein Symbol der Stärke sein. Jetzt sieht es mehr so aus, als hielten sie sich aneinander fest.

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