Politik : Wahlkampf in Großbritannien: Die Tories haben den Briten nichts zu sagen

Matthias Thibaut

Mit einem leidenschaftlichen Plädoyer für ein tolerantes, multikulturelles Großbritannien hat Tony Blairs konservativer Herausforderer William Hague im britischen Wahlkampf eine überraschende Linkswende vollzogen. Hague war auch im Zusammenhang mit den Krawallen von Oldham vorgeworfen worden, die nationalistische, gar rassistische Karte zu spielen.

Anlass dafür waren seine Dauerangriffe auf Labours Zuwanderungspolitik und (eigentlich auf die Europapolitik gemünzte) Äußerungen über Großbritannien als zunehmend "fremdes Land". Nun sagte Hague vor Vertretern der moslemischen Gemeinde in Bradford, "es hat mir nie etwas ausgemacht, ob jemand Muslim, Christ, Hindu, Sikh, Jude, weiß, schwarz oder asiatisch ist. Was mich anlangt, ist der eine so Britisch wie der andere." Die Konservativen hätten den ersten jüdischen Premier gestellt, die erste Frau als Premier und er wolle auch, dass der erste Muslim als Premier ein Konservativer sei. Wobei der Amtsbewerber scherzend hinzufügte - "allerdings noch nicht sofort".

Hague reagierte damit auf wachsende Kritik an seiner Wahlkampfstrategie. Nachdem man sich zunächst darauf konzentriert habe, die Kernwähler zu aktivieren, wolle man sich an eine breitere Wählergruppe wenden, erklärte die Tory-Parteizentrale. Doch dafür dürfte es zu spät sein. Meinungsforscher prophezeien den Tories bei der Wahl am Donnerstag ein Debakel. Schon werden die Messer gewetzt.

EU-Kommissar Chris Patten soll eine Attacke auf Hague vorbereiten, auch wenn er nicht mehr aktiv in der Westminister Politik mitmischt. Der frühere Schatzkanzler Kenneth Clark, ein potentieller Kandidat für die Parteiführung, kritisierte Hagues beständige Warnungen vor einem europäischen Superstaat als absurd.

Pro-Europa Konservative wie Clarke sehen in der Konzentration auf die Euro-Frage einen schweren strategischen Fehler. Denn nicht die Aussicht, das Pfundsterling zu verlieren, treibt die Briten um, sondern der Zustand des nationalen Gesundheitssystems (NHS), der Schulen, der Straßen und öffentlichen Verkehrsmittel.

Diese Themen konnte Labour nun unangefochten besetzen - obwohl die Regierungsbilanz hier alles andere als rosig ist. Doch die Tories haben sich für viele Wähler durch ihr Desinteresse an diesen nationalen Kernthemen als Regierungsalternative disqualifiziert. Dies erklärt die spürbare Apathie der Wähler. Meinungsforscher rechnen mit der niedrigsten Wahlbeteiligung bei einer Unterhauswahl seit dem Krieg.

Wird die schlagkräftigste Opposition in der nächsten Labour von außerhalb des Parlaments kommen? In den letzten Tagen waren es die Ärzte und die Lehrer, die Labours Bilanz der kritischsten Prüfung unterzogen. "Ich würde meine Familie nicht im NHS behandeln lassen", sagte der Sprecher des Ärzteverbandes. In einer Abstimmung erklärten 86 Prozent der Allgemeinärzte ihre Bereitschaft, den NHS zu verlassen, wenn sich die Bedingungen im nächsten Jahr nicht grundlegend ändern - sie zündeten damit einen Sprengsatz unter dem fragilen Gebäude des Gesundheitssystems.

Auf einer Lehrerkonferenz sagte die Leiterin einer von Labour vorgeführten Musterschule: "Labour hat uns Bürokratie und eine Personalkrise beschert." In vielen Schulen wird der Unterricht nur noch mit Hilfe im Ausland rekrutierter, oft unzureichend ausgebildeter Hilfslehrer aufrecht erhalten. Auch auf dem Lande, wo die Konservativen immer die beste Unterstützung hatten, greifen die Unzufriedenen zur Selbsthilfe. Am Freitagabend blockierten Benzinpreisdemonstranten wieder Raffinerien in Südwestengland.

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