Wahlkampf : Kochen mit der Kanzlerin

Angela Merkel erheitert die Hauptstadtpresse – und gibt sich in der Koalitionsfrage selbstbewusst. Die zentrale Botschaft besteht für Merkel darin, ruhig Blut zu zeigen.

Robert Birnbaum
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Im Blitzlichtgewitter. Für Angela Merkel war die Fragestunde in der Bundespressekonferenz am Freitag wohl der letzte größere...AFP

BerlinWas ihr gefehlt hat im Leben in den vier Jahren jetzt im Kanzleramt, so rein als Mensch? „Mal ’ne Stunde länger schlafen wär’ kein Fehler“, sagt Angela Merkel. Na ja, und dass wirklich jeder sie kennt, das ist auch nicht nur angenehm. Beim Einkaufen um die Ecke zum Beispiel. Da guckt dann schon mal ein Verkäufer in den Korb: „Was, Sie kaufen Artischocken aus Büchsen?!“ Im Saal der Bundespressekonferenz macht sich Heiterkeit breit. Auch Berliner Politkorrespondenten mögen’s gerne mal persönlich.

Merkel vor der Hauptstadtpresse, das ist der mutmaßlich letzte bundesweit beachtete Auftritt der Kanzlerin und CDU-Vorsitzenden vor dem Wahltag – sieht man von den Bildern ab, die Ende nächster Woche vom Weltwirtschaftsgipfel der G 20 in Pittsburgh über die Fernsehschirme flimmern werden. Man könnte auf die Idee kommen, dass der Termin auf leichte Panik hindeutet – hat da jemand nach dem verpatzten Fernsehduell etwas am eigenen Bild zurechtzurücken? Der Termin an diesem Freitag steht aber schon seit zwei Wochen fest.

Trotzdem ist es Merkel natürlich sehr recht, wenn sie sich gerade jetzt noch mal als munter Selbstbewusste beweisen kann. Die müde Vorstellung im Duellantenstadel hat die Anhängerschaft verunsichert. Am Freitag bescheinigen überdies alle Demoskopen der SPD ein Plus von zwei bis drei Prozentpunkten – nicht schön, obwohl Union und FDP weiter ganz knapp die absolute Mehrheit halten.

Merkels zentrale Botschaft in dieser Lage besteht darin, ruhig Blut zu zeigen. Selbst die Frage nach dem von CSU-Chef Horst Seehofer für diesen Montag angekündigte „Sofortprogramm“ bringt die CDU-Chefin nicht aus dem Takt. Eine Misstrauenserklärung an ihren Wahlkampf? Aber nicht doch! Es sei selbstverständlich, dass die CSU „besondere bayerische Anliegen“ habe. Nur der Nachsatz lässt ahnen, wie sehr Merkel Seehofers Alleingang nervt: Der liege „durchaus im Rahmen dessen, was CDU und CSU immer so gelebt haben“. Will sagen: Es ist das schon übliche Foul-Spiel.

Ansonsten Neues höchstens in Nuancen. Merkel begründet etwas mehr als sonst, warum sie eine zweite große Koalition nicht wolle – wegen der „Zerrissenheit“ der SPD und der Erfahrungen in Berlin, das großkoalitionär begann und sich unversehens rot-rot regiert wiederfand. Die CDU-Chefin erklärt etwas weniger neblig als sonst, was Union und FDP gemeinsam tun wollen: Steuersenkung, Bürokratieabbau, Bildungspolitik. Und was ist mit dem FDP-Programm aus dem neoliberalen Zeitalter, Kündigungsschutz, Abschaffung der Arbeitsämter? Nichts da, sagt Merkel, in der Sozialpolitik sei die CDU in jeder Koalition „als Koch aufgetreten“, nicht als Kellner.

An der Stelle haben Guido Westerwelles Leute gut zugehört. Wie Merkel von etlichen Besuchen bei ihm daheim wisse, lässt der FDP-Chef wissen, koche auch er gut. Eine entspannte Reaktion, die der Vermutung Nahrung gibt, dass Westerwelle beim Parteitag am Sonntag Merkels Appell nach klarer Koalitionsaussage nachkommt. Falls ihn nicht doch eine historische Randbemerkung ärgert: Dass ihr Kanzler-Vorgänger Kiesinger sich darauf verlassen habe, nach seiner großen Koalition allein regieren zu können oder mit der FDP, sei ein „folgenschwerer Irrtum“ gewesen. Kiesingers Schicksal teilen will Merkel jedenfalls nicht. Außer der Sache mit den Artischocken stört sie ja auch nichts: „Ich hab’ viel mehr dazugewonnen, als ich vermisse.“

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