Wahlkampf-Kolumne : Alles immer Schlämmer

20.08.2009 00:00 UhrVon Lorenz Maroldt
Filmpremiere "Horst Schlämmer - Isch kandidiere!" in Berlin Foto: dpa
Nicht nur er kandidiert. Horst Schlämmer. - Foto: dpa

E- und U-Politik im Wahlkampf: Chefredakteur Lorenz Maroldt über Steinmeier, Gysi, Lengsfeld und andere.

Fast die Hälfte der Deutschen weiß nicht, wann der nächste Bundestag gewählt wird – und fast zwanzig Prozent sagen, sie hätten gerne Horst Schlämmer, eine Kunstfigur des Komikers Hape Kerkeling, als Bundeskanzler. Ja, das passiert schon mal, wenn Wähler sich von Politikern nicht mehr richtig ernst genommen fühlen. Sie nehmen dann auch die Politik nicht mehr ernst, und dann kommt es eben nicht mehr so genau darauf an. Jedenfalls nicht bei Meinungsumfragen.

Eine Million neue Arbeitsplätze versprechen die Grünen, vier Millionen verspricht SPD-Kanzlerkandidat Steinmeier, Reichtum für alle verspricht Gregor Gysi. Die Grenze zwischen E- und U-Politik wird von beiden Seiten niedergerissen, nicht ohne Folgen.

So bedenkenlos, wie einst Friedbert Pflüger Vicky Leandros zur Kultursenatorin machen wollte, so bedenkenlos hält heute Vera Lengsfeld ihre Brüste ins Bild und verspricht schlicht: mehr. Mehr was? Mehr Frau, mehr Herz, mehr Sex? Man weiß es nicht. Und es ist auch egal.

Etliche aus der ersten Reihe der Politik machen sich bei Schlämmer, im Film, selbst zum Horst, ganz freiwillig sogar, weil sie offenbar bloß nicht als Spaßbremse gelten wollen und sich dann doch lieber auslachen lassen. So posieren zur Premiere Politiker wie Claudia Roth neben Möchtegernpolitikern wie Kader Loth und wirken dabei noch weniger echt als der Scheinpolitiker Schlämmer.

Zum beliebtesten deutschen Politiker gekürt wurde vor kurzem in Rekordzeit der neue Wirtschaftsminister zu Guttenberg, von dem die meisten der Befragten bis dahin nicht viel mehr gewusst haben dürften, als dass er sehr gerne mit offenem Mund lächelt und, wie der „Stern“ festgestellt hat, ein bisschen so aussieht wie Lothar Matthäus. Ach ja, Baron ist er noch, und etwas widerspenstig. Das reicht erst mal. Und wenn die Piratenpartei nicht etwa mit einem emsigen Kinderporno-Rechercheur antreten würde, sondern mit Captain Jack Sparrow, könnte sie wohl am 27. September den Bundestag entern. Was ist da los?

Weniger, als zu befürchten – aber mehr, als gut ist. Johnny Depp segelt in der Karibik, Schlämmer kandidiert nur im Film, die Leute werden noch merken, an welchem Sonntag es gilt, und dann werden sie auch sehr viel gewöhnlicher wählen als in mancher Fantasie. Aber das Stimmungsbild ist eben auch ein Ausdruck von Überdruss, Schadenfreude und Sehnsucht. Reagan, Schwarzenegger, Berlusconi, sie alle haben von solchen Empfindungen der Wähler profitiert – aber auch ein Obama. In Deutschland gibt es zurzeit weder die einen noch die anderen. Man kann das schönreden. Es kann aber auch mal schiefgehen.

Schlämmer kann übrigens auch prima Ulla Schmidt parodieren, was nicht nur daran liegt, dass zwischen Grevenbroich und Aachen gerade mal 45 Dienstwagenminuten liegen. Auch Schmidt hat sich zum Horst gemacht, sogar ohne im Film selbst auftreten zu müssen. Es reichten schon die Erzählungen von ihren letzten paar Spanienreisen, die sich fast so anhörten, als parodiere sie Hape Kerkeling. Ganz in echt.

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