Wahlkampf-Kolumnen : Ausschnitte der Politik

Persönlichkeit im Wahlkampf: Reporterin Caroline Fetscher über das schwesterliche Plakat von Merkel/Lengsfeld.

Caroline Fetscher
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Voller Körpereinsatz. Das umstrittene Plakat der Kreuzberg-Friedrichshainer CDU-Direktkandidatin Vera Lengsfeld. -Foto: CDU

Auf den Plakatwänden in Berlin Kreuzberg-Friedrichshain prangen sie schwesterlich und geschmückt, Vera Lengsfeld und die amtierende Kanzlerin. Beide blond und proper, beide mit Perlenketten, Lengsfeld mit einer grünen, Merkel mit einer elfenbeinfarbenen. Sensationeller noch als das Damenduo der CDU wirken die Dekolletés ihrer Abendkleider, einsehbar bis an die bürgerlich akzeptable Grenze und passend zur provokativen Plakatzeile: „Wir haben mehr zu bieten“. Ohne Frage, das Konzept arbeitet mit einem Körnchen Ironie, Selbstironie. Denn Frivolität ist so wenig das Markenzeichen von Merkel wie das der ehemaligen DDR-Bürgerrechtlerin Lengsfeld. Aber ambitioniert ist die Idee auf alle Fälle, die hartgesottene Kreuzberger Klientel mit einem Touch „Titanic“ gewinnen zu wollen. Selbst wenn sich das Poster in der alternativen Szene als Renner für Küchenpinnwände erweisen sollte, hätten die beiden konservativen Politikerinnen mit ihrem rechten Sexappeal eben doch ein Stück der Kreuzberger Küchen erobert. An Kreuzbergs Deutschtürken allerdings redet die Botschaft der Busenfreundinnen wahrscheinlich ganz und gar vorbei, die gehören traditionell eher den Roten der Republik. Dass sich auf der traditionell konservativen Seite mit ostentativer Weiblichkeit etwas in Richtung Szene bewegen lässt, hatte zuletzt Gabriele Pauli der CSU bewiesen.

Lengsfeld hat in der Tat mehr zu bieten als der Typus Pauli. Die studierte Philosophin ist eine Frau mit ernsthafter Vergangenheit im Widerstand gegen das Honecker-Regime und die Stationierung sowjetischer Atomwaffen, als Mitglied des Bündnis 90 1996 zur Union übergelaufen – also die potenzielle Brückenbauerin zur grünen Szene. So ähnlich wird es gewesen sein, dass die coole Werbeagentur das Wahlkampfmanagement zu diesem visuellen Experiment überredet hat: Also, Sie haben doch mehr zu bieten! Begrünung der CDU! Taktischer Fischfang am naturbelassenen Flussufer! Dann fiel, garantiert, das abscheuliche Neuwort: „Ein Hingucker!“

Tiefe Einblicke in die Individuen der politischen Nomenklatura gewinnt die Öffentlichkeit bei deutschen, bei europäischen Wahlkämpfen ohnehin selten. Während US-Politiker sich im Wahlkampf mit Kind und Kegel, Hund und Hut, beim Angeln und Grillen, ganz Mensch, mit Spontaneität und Schwächen, Emotionen und Emphase zeigen, biedern die Wahlkämpfe hier vor sich hin, unter dem Druck „sachbezogen“ zu sein, obwohl weder Politiker noch ihre Wähler Sachen sind. So ist das Plakat der Damen auch Symptom einer tieferen Problematik. Wie „geht“ Profilierung, wo es nicht mehr, wie bei der alten Garde der Männer der Macht, bei Adenauer, Wehner, Brandt, Kohl oder Schröder, das Auratische gibt, das in sich und an sich zur Sendung an die Wähler summiert werden kann? Die Ära der Machtbolzen mit natürlicher Autorität ist beendet – selbst wenn Merkel nun ostentativ mit dem Koloss Kohl posierte. Schon seit längerem ist das Zeitalter der Macher und Verwalter angebrochen, noch weniger kompatibel mit zündendem Wahlkampf und gewagter Werbung als zuvor.

Das Dilemma heißt: Sachlicher, unpersönlicher Wahlkampf muss in Kombination mit dem Aufbauen von Persönlichkeiten geschehen, denen die fernsehenden Wähler, noch dazu in der Krise, ihr Vertrauen schenken sollen. In ihrem Namen sollen diese Frauen und Männer ja ihre Steuergelder investieren, Behörden lenken und Straßen bauen. Merkel, ganz Bescheidenheit, Beharrlichkeit, Unbeirrbarkeit, abwartend und nie angeberisch, eher neutral als mütterlich oder kokett, erzielt genau mit solchen Qualitäten ihre Punkte: Die denkt nicht an sich, sondern an die Sache, und von der hat sie keine allzu grandiose, sondern eine realistische, bezahlbare Idee. Ebenso Steinmeier, ein verlässlicher Mittelfeldspieler und treuer Beamter aus dem Bilderbuch: Der denkt nicht an sich, sondern an die Sache, und von der hat er eine irgendwie soziale, demokratische Idee. Wenn er doch, mag mancher SPD-Wähler denken, wenigstens einen Bernhardiner hätte oder Hobbypilot wäre.

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