Wahlkampf : Merkel macht sich bemerkbar

Der erste Auftritt der CDU-Vorsitzenden zeigt: Sie sieht sich souverän über den Dingen.

Antje Sirleschtov

BerlinBerlin - Wie die Kanzlerin an diesem Dienstagnachmittag durch das Freiluftcafé „Am Neuen See“ schlendert, sieht sie so gar nicht nach Wahlkampf aus. Gut erholt von einem mehrwöchigen Urlaub in Tirol winkt sie ein bisschen nach rechts, nickt ein wenig nach links und wird sich gewiss gefreut haben darüber, dass dem einen oder anderen Cafébesucher aufgefallen ist, dass Frau Merkel von der CDU einen Blazer ausgerechnet in jenem Rot-Ton trägt, der zu ihrem Herausforderer von der SPD gehört. Gelassener könnte Angela Merkels Auftakt zu dieser Bundestagswahl wohl kaum ausfallen.

Seit nunmehr fast drei Wochen hat die Kanzlerin aus der Distanz beobachtet, wie ihr Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier erst mit seinem Kompetenzteam und nun auch mit seinem „Deutschland- Plan“ versucht, an ihren nach wie vor sehr guten Umfragewerten zu kratzen. Keine inhaltliche Auseinandersetzung wolle die CDU-Chefin, wirft er ihr immer wieder vor, keinen Zukunftsplan habe sie.

Und was macht Merkel in ihrem ersten Fernsehinterview nach dem Sommerurlaub, das sie RTL gab? Sie unterstützt Steinmeiers grundsätzliches Ziel, die Arbeitslosigkeit in Deutschland zu bekämpfen, erklärt seine Ziele sogar zu ihren Zielen und tut damit einfach so, als regiere sie Deutschland als Kanzlerin wie selbstverständlich weiter in einer funktionierenden Koalition. Noch ein paar Wochen mit der SPD und dann am liebsten weiter mit der FDP. Denn das, was sie mit ihrer großen Koalition in den letzten Jahren an Gutem für das Land erreicht habe, sagt Merkel, das lasse sich in einer schwarz-gelben Regierung noch schneller erreichen. „Arbeit für alle“, sagt Merkel, „das wollen wir ja alle“. Und „mehr Wachstum, mehr Arbeit, rascher aus der Krise: Das geht eben schneller mit der FDP“.

Folgt Merkels erster Auftritt in diesem Bundestagswahlkampf einer Strategie, dann gehört das Umarmen des politischen Gegners ganz gewiss dazu – so lange, bis dessen Angriffsversuche versiegen. Als habe es die Vorwürfe der SPD niemals gegeben, sie wolle ohne Zukunftskonzept und ohne klare Positionierung – quasi im Schlafwagen – die Bundestagswahl gewinnen, unterstützt Merkel Steinmeiers „Deutschland-Plan“. Sie freue sich darauf, sagt die Kanzlerin, „dass alle Parteien nun um die besten Konzepte zur Bekämpfung von Arbeitslosigkeit und zur Schaffung von mehr Wachstum streiten werden“. Sie selbst müsse diese Auseinandersetzung überhaupt nicht scheuen. Denn: „Unter meiner Regierung sind wir im letzten Jahr schon auf unter drei Millionen Arbeitslose gekommen.“ Und unter einer schwarz-gelben Regierung werde das auch wieder gelingen. Ein konkretes Ziel wie Steinmeier, nein, das wolle sie nicht nennen. Schließlich sei das ja nicht seriös, was man unter anderem daran sehen könne, dass der letzte Bundeskanzler der SPD, Gerhard Schröder, ein ehrgeiziges Ziel genannt hatte und dann „mit fünf Millionen Arbeitslosen abgewählt“ wurde.

Wahrlich ein giftiger Pfeil ins Wahlkampflager der SPD, wo man lange unsicher darüber war, wie klug es sei, dass Steinmeier mit seinem „Deutschland-Plan“ die Schaffung von vier Millionen neuen Jobs verbunden und von Vollbeschäftigung gesprochen hat. Der Wahlkampf hat an diesem Dienstag begonnen. Und wovor graut es der Kanzlerin am meisten? Davor, dass es regnet.

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