Wahlkampf : Präsidentschaftskandidaten in Iran stehen fest

Der Wahlkampf in Iran kommt in seine heiße Phase. Vier Kandidaten kämpfen am 12. Juni um das Amt des Präsidenten. Als aussichtsreichster Herausforderer Ahmadinedschads gilt der ehemalige Regierungschef Mussawi - aber eigentlich ist es ein Kampf von drei gegen einen.

Martin Gehlen
Iran Foto: Katharina Eglau
Wer führt die Iraner weiter in die Zukunft? -Foto: Katharina Eglau

KairoIm Foyer gibt es süßen Tee aus Plastikbechern, Helfer verteilen grüne Baumwollschals. Drinnen in der Holz getäfelten Aula lässt Präsidentschaftskandidat Mir-Hossein Mussawi seit einer halben Stunde matte Einführungsreden über sich ergehen, bis einem der 600 anwesenden Teheraner Lehrer schließlich der Kragen platzt. "Iran ist eine geschlossene Gesellschaft - überall in der Welt gibt es Farben, Blumen und Musik - und was gibt es hier?", donnert der untersetzte Mann von Rednerpult aus in den Saal, der in Jubel und Applaus ausbricht. "Man gibt uns weder Brot, noch Sicherheit, noch Ansehen. Was ist das für ein Land, wo Leute verhaftet werden, wenn sie ihre Meinung sagen", steigert er sich in seine Philippika hinein. Vor dreitausend Jahren habe Persien das Recht erfunden - "doch wo sind unsere Menschenrechte heute?" Präsident Achmadineschad habe auf die Verfassung geschworen, "aber er befolgt sie nicht". Iran sei wie ein Topf Suppe, sekundiert ihm die nächste Rednerin in Anspielung auf den amtierenden Präsidenten. "Wenn ein Vogel hinein scheißt, ist das ganze Essen verdorben", ruft sie in das wiehernde Publikum und preist Mussawi als einen "Mann der Moral und nicht der Ungezogenheiten".

Der Wahlkampf im Iran gewinnt an Touren, am Freitag dem 22. Mai beginnt die offizielle Schlussphase. 475 Bewerber hatten sich für das Votum am 12. Juni registrieren lassen, darunter 42 Frauen. Der älteste war ein 86-jähriger Mann, der jüngste gerade 19. Vier Kandidaten haben die Prüfung durch den Wächterrat überstanden, neben Amtsinhaber Mahmud Achmadineschad auch seine drei wichtigsten Herausforderer: Der frühere Ministerpräsident während des achtjährigen Krieges gegen den Irak, Mir-Hossein Mussawi, der Reformkleriker und vormalige Sprecher des Parlaments, Mehdi Karroubi, sowie der langjährige Chef der Revolutionären Garden, Mohsen Rezai.

Alle Herausforderer wollen Verhältnis zu USA verbessern

Was auf den ersten Blick aussieht wie ein Doppelduell zweier Reformer gegen zwei Hardliner, erweist sich in Wirklichkeit als ein Kampf von drei gegen einen. Denn auch der konservative Mohsen Rezai, der erst vor drei Wochen hastig ein paar Etagen in einem Teheraner Stadtplanungsbüro an der Mirdamad-Strasse als Wahlkampfzentrale angemietet hat, will eine zweite Amtszeit von Achmadineschad mit aller Macht verhindern. Der habe das Land an den Rand des Ruins gebracht - mit seiner Wirtschafts- und Atompolitik, aber vor allem mit seiner provokanten Außenpolitik, sagt er. Alle Herausforderer werben damit, dass sie das Verhältnis zu den USA verbessern und Transparenz in dem Nuklearprogramm herstellen wollen. Rezai schlägt eine gemeinsame Uran-Anreicherung auf iranischem Boden vor - zusammen mit den USA, Europa und Russland. Karroubi fordert das Know-how der Atomtechnik für sein Land. Aber "wir sollten alles klar auf den Tisch legen, ganz transparent", sagt er.

Genauso denkt der moderate Reformer Mussawi, der unter den Gegenkandidaten die wohl besten Chancen hat - weil er als einziger die offizielle Rückendeckung des populären Übervaters Mohammed Chatami genießt. Über der Saalbühne prunkt sein Banner mit dem Spruch "Ein Mann, der seinen Weg gehen will, hat keine Angst vor Höhen und Tiefen." Vor seiner Rede beamen Helfer verblichene Farbfotos aus der Kriegszeit an die Wand, untermalt von traditioneller persischer Musik im Wechsel mit revolutionären Marschliedern. Mussawi will bei den Wählern punkten mit seinem Nimbus als Retter gegen Saddam Hussein, mit dem Profil des bewährten Wirtschaftsmanagers, was auch moderate Konservative anzieht. Jetzt wo das Vaterland erneut am Abgrund steht, so die Botschaft an das Wahlvolk, brauchen wir den bewährten Staatsmann von damals wieder am Teheraner Regierungsruder.

Doch sein hölzernes Auftreten will so gar nicht passen zu den süffigen optischen Botschaften seiner Kampagnenplaner. Als der grauhaarige 68-jährige Polit-Veteran endlich auf die Bühne kommt, holt er aus seiner feinen, flachen Ledertasche ein Manuskript, legt es vor sich auf das Stehpult und beginnt zu lesen. Eingefallene Schultern, nach vorne gebeugte Haltung - mit seiner sonoren Stimme gibt er bestenfalls den vortragenden Oberbuchhalter des kränkelnden Großunternehmens Iran. Zahlen, Prozentsätze, Statistiken - alles akribisch zusammengetragen. Aber kein Feuer im Herzen, kein Siegeswille, nichts Mitreißendes in einem Ringen um "Change in Iran". Ein Satz wie "65 Prozent der Menschen glauben, dass sich das Leben im Iran nicht genießen lässt" geht ihm genauso eintönig über die Lippen wie diverse Export- und Inflationsziffern. 270 Milliarden Dollar Einnahmen aus den letzten drei Ölboomjahren seien spurlos verschwunden, er fordere Aufklärung, wo das Geld geblieben sei, spricht der gelernte Architekt und Hobbymaler, bevor er das Manuskript seiner Standardrede akribisch zurück in sein Vortragsetui schiebt.

Bisher wurde jeder Amtsinhaber ein zweites Mal wiedergewählt

"Eine verlorene Wahl ist kein Weltuntergang", selbst seinem obersten Werbemanager Abolfazl Fateh kommt im kleinen Kreis dieser Satz über die Lippen. Fateh ist eigentlich Chirurg und kam erst vor drei Monaten von London nach Teheran zurück, um Mussawis Kampagne zu leiten. Er weiß, dass der Gegner ist nicht zu unterschätzen ist. Seit der Einführung des Präsidentenamts 1989 in der Verfassung wurde bisher jeder Amtsinhaber ein zweites Mal wiedergewählt. Auch hat Achmadineschad die gesamte Maschinerie des Staatsfernsehens zu seiner Verfügung und versucht, seine Wählerbasis mit staatlichen Geschenken an sich zu binden. Mal gibt es kostenlos Kartoffeln, die angeblich sonst verrottet wären. In den nächsten drei Wochen sollen alle Armen in den Städten und auf dem Land Einmalschecks in Höhe von 50 oder 100 Dollar bekommen.

Als Propagandawerkstatt für das Regime fungiert auch die dreistöckige Ladenpassage nahe dem Engelab-Platz im Herzen Teherans. Im Untergeschoss riecht es nach frischer Druckerfarbe. Plakate mit Achmadineschad laufen gut und gehen für umgerechnet fünf Euro über den Ladentisch. Die meisten Verkäufer hier tragen schwarze Kleidung und dichte Bärte. In ihren Regalen bieten sie Devotionalien der Revolution feil - Fotos der Ajatollahs Chomeini und Chamenei, Handgranaten aus Plastik und Spardosen in Form von Tellerminen, revolutionäre Stirnbänder im Hunderterpack oder Gebetszähler mit eingebautem Kompass nach Mekka. Über die Gänge schlendern Revolutionsgardisten auf der Suche nach etwas Passendem. "Die Mehrheit der Bevölkerung ist zufrieden mit Achmadineschad - ich und meine ganze Familie sind es auch", erklärt Mustafa Kasiri, dessen Verkaufsschlager rosa Kalender mit dem Kopf von Revolutionsführer Chamenei sind. Der Präsident kümmere sich vor allem um die kleinen Leute, sagt der Kleriker Aboss Fakhnaimi, der zusammen mit einem seiner Söhne hinter dem Ladentisch steht. "Er fährt in die Provinz, fragt die Menschen nach ihren Problemen, reist noch mal hin und prüft, ob die Dinge umgesetzt wurden", sagt der freundliche 52-Jährige, der als junger Mann eigentlich in Deutschland Medizin studieren wollte. "Kein Präsident hat so etwas jemals gemacht."

In die Provinz reist auch Mehdi Karroubi. Mit den ersten Sonnenstrahlen ist der Kandidat aus Teheran kommend in der zentraliranischen Wüstenstadt Yazd gelandet, die sich gerne Hauptstadt der Reformer nennt, aber 2005 Achmadineschad gewählt hat. Mohammed Chatami stammt von hier, seine Schwester Mariam ist mit dem wichtigsten Kleriker der Stadt verheiratet. Verschlafen winken im milden Morgenlicht einzelne Bürger dem Wahlkampfbus Karroubis zu, dem ein paar Mopeds mit Iranflaggen und ein Musik-plärrender Lautsprecherwagen voran fahren. Er dankt von seinem Sitz in der ersten Reihe aus jedem einzelnen auf der Straße mit einem fliegenden Handkuss.

"Diesmal bleiben wir alle wach"

Wie der stets in einfachen Windjacken auftretende Mahmud Achmadineschad, weiß auch der 72-jährige schiitische Kleriker Karroubi seine Zuhörer zu packen. Er spricht frei, schaut sein Publikum an, füllt den Raum mit ausladenden Gesten. Vor vier Jahren wäre er um ein Haar statt Achmadineschad in die zweite Runde der Präsidentschaftswahlen eingezogen. In einem offenen Brief beschuldigte er später einen Sohn von Revolutionsführer Ali Chamenei, ihm durch Manipulationen in den frühen Morgenstunden der Wahlnacht den Sieg gestohlen zu haben. "Diesmal bleiben wir alle wach", steht jetzt auf einem Plakat, dass die Studenten in der Merkzweckhalle der Universität Yazd zu seiner Begrüßung ausgerollt haben.

Jeder Kandidat muss sich dem akademischen Nachwuchs stellen. Hochschulen sind wichtige politische Stimmungsbarometer - kein Wunder in einem Land, in dem 70 Prozent der Bevölkerung jünger als 30 Jahre ist. Karroubi hat in einem Ledersessel auf der Bühne Platz genommen, zu seinen Füßen sitzen in getrennten Hälften die jungen Männer und Frauen. Uniformierte Wachleute am Eingang sorgen dafür, dass nichts durcheinander kommt. Die meisten drinnen sind auf Karroubis Seite. Anhänger Achmadineschads vertreten sich lieber draußen die Beine. Egal, wen man von ihnen fragt, alle Antworten klingen ähnlich: Achmadineschad tue was für die Armen, er lebe persönlich bescheiden und sei nicht korrupt. Und er buckele nicht vor der Weltmeinung, sondern sage dem Westen endlich mal die Wahrheit. "Wir hatten in den letzten Jahren eine gute Außenpolitik", wagt sich schließlich einer vorne am Mikrofon aus der Deckung. Minutenlanges Hohngeschrei - bis die Halle vibriert. "Lasst ihn ausreden", besänftigt der Kandidat die Menge, um dann den Punkt sauber nach Hause zu spielen. "Wenn Achmadineschad nur den Mund aufmacht, fangen wir uns wieder eine UN-Resolution ein. Er hat Dinge gesagt, die unserem Land teuer zu stehen kommen und uns immer neue Feinde schaffen."

Dem Auditorium verspricht er, er werde nie Gewalt gegen Studenten anwenden und es werde auch "keine Sternchen mehr geben". Die Zuhörer quittieren dies mit demonstrativ höhnischem Beifall in Richtung Universitätsleitung, die vollständig versammelt auf den Ehrenplätzen sitzt. Denn vor zwei Jahren fanden plötzlich alle Studenten, die politisch aktiv sind, nach den Sommerferien auf den Einschreibelisten Sternchen vor ihrem Namen. Wer einen Stern hat, wurde fortan überwacht, zwei Sterne durften an bestimmten Uni-Veranstaltungen nicht mehr teilnehmen und die mit drei Sternen flogen von der Hochschule. "Diese Machtgierigen machen uns die besten Jahre unseres Lebens kaputt", ruft ein Student in den Saal, bevor er rasch durch einen Nebenausgang verschwindet. "Ich kann euch nicht ein ideales Land versprechen, ich kann keine Wunder wirken", beschwört Karroubi sein Publikum, bevor er einen weitschweifigen jungen Mann bittet, seine dritte Frage noch einmal zu wiederholen, weil sie ihm entfallen sei. "Wie sollen wir glauben, dass Sie sich nach der Wahl noch an alle Ihre Versprechen erinnern", retourniert daraufhin eine Studentin im körperlangen schwarzen Schador. "Sie können ja noch nicht einmal drei Fragen behalten."

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