Wahlkampf-Reporter : Rote Diaspora im Osten

Nirgendwo ist die SPD erfolgloser als in ihrem einstigen Stammland Sachsen. Warum? Eine Spurensuche in der früheren sozialdemokratischen Musterkommune Freital.

Michael Schlieben[Freital/Dresden]

Der Wahlkampf-Reporter Michael Schlieben ist auf Deutschlandreise. Nord, West, Süd, Ost –

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geht es. Er

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Lesen Sie heute seinen Bericht aus der sächsischen Provinz:



"Natürlich gibt's die SPD hier noch" sagt der Taxifahrer: "Irgendwo im Zehn-Prozent-Bereich". Erst kürzlich habe sie hier in Freital gemeinsam mit Grünen, Linkspartei und Freien Wählern einen Kandidaten zur Bürgermeisterwahl aufgestellt. Trotzdem holte der CDU-Mann 75 Prozent. In manchen Gemeinden im Landkreis ist die SPD sogar noch schwächer. In Dippoldiswalde kam sie nicht mal über die Fünf-Prozent-Hürde. Dort ist sie jetzt fünfte Kraft, noch hinter der NPD. 

Ob er weiß, woher der Name der Stadt kommt, in der er lebt? Die Jovialität des Taxifahrers schlägt um in Misstrauen. "Hat das was mit der SED zu tun?"

Haarscharf daneben. Freital, zehn Kilometer westlich von Dresden, war mal eine durch und durch sozialdemokratische Stadt. 1921 entstanden durch die Fusion mehrerer Industriedörfer, in denen die SPD satte Mehrheiten hatte. Die Stadtväter wollten im Tal des "Plauenschen Grunds" eine rote Musterstadt schaffen, "frei von Ausbeutung und Unterdrückung", Freital eben. Es gab ein ambitioniertes Gesundheits- und Sozialwesen und eine lebendige sozialdemokratische Fest- und Vereinskultur.

Von 70 auf 7 Prozent stürzte die SPD – binnen 90 Jahren. Heute hat sie in der 40.000-Einwohner-Stadt bloß noch 40 Mitglieder. 4000 waren es einmal. Einen so fundamentalen politischen Mentalitätswandel findet man in Deutschland selten.

Der Taxifahrer ist nicht alleine. Nur wenige Freitaler kennen die sozialdemokratische Geschichte ihrer Stadt. Nur noch Relikte erinnern daran. Ab und an stößt man auf Gedenksteine oder Überreste alter Arbeitersiedlungen. Nicht nur, dass die Zeitzeugen größtenteils gestorben sind. Hinzu kommt: Während der SED-Herrschaft galt die SPD in Freital als diskreditiert. Viele führende Genossen aus der Weimarer Zeit waren ins Lager der Staatssozialisten gewechselt. Über die SPD wurde nicht mehr gesprochen. Stattdessen reklamierte die SED deren frühere Erfolge für sich.

Heute wird die Freitaler SPD von Klaus Wolfram geführt, einem Schornsteinfeger, der nach der Wende aus Nordrhein-Westfalen nach Sachsen kam. Wolfram ist Stadtrat, Kreisvorsitzender und chancenloser Direktkandidat für die Bundestagswahl. Er sagt, er mache die vielen Ämter "aus der Not heraus". Andere Interessenten gebe es kaum. Das Parteileben beschränkt sich auf ein Treffen im Monat und "ab und zu eine Fahrradtour".

Warum die CDU hier so stark ist? Wolfram seufzt und setzt an zu einer Schimpfkanonade. "Ohne Skrupel" habe die CDU nach der Wende Personal, Strukturen und Geld der Ost-CDU übernommen, der auch Ministerpräsident Stanislaw Tillich angehörte – und sich so einen unlauteren Startvorteil verschafft. Die SPD hingegen, neu gegründet von Oppositionellen, wollte mit früheren Blockpartei- oder gar SED-Mitgliedern nichts zu tun haben.

Klaus Wolfram (SPD) im Interview

Seit der Wende wird Sachsen ununterbrochen von der CDU regiert. Seither halte sie sämtliche Behörden und Ämter mit ihren Leuten besetzt, sagt Wolfram. Heute würden viele zur CDU gehen, weil man "nur hier Karriere machen" könne. Der Freitaler Bürgermeister, kritisiert Wolfram, baue Straßen und investiere in Veranstaltungshallen. Die Innenstadt aber lasse er veröden.

Mit "Innenstadt" meint der SPD-Mann die kilometerlange Dresdner Straße, die die  einzelnen Stadtteile verbindet. Ein richtiges Zentrum hat die Gemeinde nicht. Tagsüber ist die Dresdner Straße eine viel befahrene Verkehrsader durchs Tal in die Landeshauptstadt, nachts ist es hier gespenstisch still. Viele Häuser und Läden stehen leer, so auch der Goldene Löwe, das einstige Gast- und Vereinshaus der SPD aus alten, erfolgreichen Zeiten.

Zwei Kilometer südlich hat Verena Meiwald ihr Büro. Sie ist Direktkandidatin der Linkspartei für den Bundestag. Ihr politisches Programm klingt ähnlich wie das der SPD (mehr Bildung, Sozialschwache stärken, gegen Nazis). Auch ihre Vorwürfe gegen die CDU sind die gleichen. Warum sie nicht in der SPD ist? Ach, dieser "Verein" aus Westlern und Intellektuellen behandele "eine wie sie" doch bis heute wie ein "Schmuddelkind".

Meiwald, Jahrgang 1966, ist ehemaliges SED-Mitglied. Als junge Lehrerin war sie die Freundschaftspionierleiterin ihrer Schule. Auch ihr Mann hatte einen Posten im SED-Staat. Nach der Wende zogen sie von der Lausitz nach Freital. Sie begann als Mitarbeiterin bei der PDS.

Meiwald ist nicht verbittert, aber sie lässt keinen Zweifel daran, dass die DDR "ihr Land" war, das sie "stützen und verändern" wollte. Die SPD habe mit ihrer Abgrenzung nach der Wende einen schweren Fehler begangen, sagt sie. Schließlich sei die SED in den Betrieben fest verankert gewesen. Viele politisch denkenden Arbeiter und Gewerkschafter hätten durchaus Interesse an einem Neuanfang gehabt.

Verena Meiwald (Die Linke) im Interview

Die Linkspartei hat heute 12.000 Mitglieder in Sachsen, die SPD 4500. Allerdings hat auch die Linke Probleme: Ihre Mitglieder sind im Schnitt 68 Jahre alt, die Zahl der Aktivisten ist seit der Wende um mehr als die Hälfte geschrumpft: Die früheren Kader sterben weg. Meiwald schließt nicht aus, dass die beiden Parteien irgendwann wieder zusammenfinden. Schließlich müsse man die CDU besiegen, die "neue SED Sachsens", wie sie zum Abschied sagt.

Nicht nur im Linken-Parteibüro, auch andernorts ist die DDR-Vergangenheit in Freital noch reichlich präsent. Sabine Fischer ist Inhaberin eines Eispavillions. 1984 übernahm sie den Laden. Heute trauert sie den DDR-Zeiten nach. Damals sei noch was los gewesen. Seither sieht sie ihre Stadt schrumpfen und an Attraktivität verlieren.

Aber Freital hat auch noch eine andere Seite, genauer: eine andere Höhe. Auf den Hängen, beidseits des Tals, wurden einige eingemeindete Dörfer komplett modernisiert. "Die Promis aus Dresden" wohnen im schicken Pesterwitz, heißt es im Tal. Der dortige Dorfvorsteher hatte nach der Wende eine Vision: Sein Dorf sollte aussehen "wie im Westen". Also sanierte er, pflasterte und lockte Neubürger an. 

Klaus Mättig (CDU) im Interview

Heute amtiert der frühere Dorfvorsteher als Freitals CDU-Bürgermeister. Klaus Mättig ist ein unterhaltsamer Gesprächspartner. Zuletzt machte er bis nach Japan Schlagzeilen, weil er junge Frauen mit einer Prämie anlocken wollte, um so den Bevölkerungsschwund zu stoppen. Geht es aber um die Vorwürfe gegen ihn und seine Partei, wird der Ton kälter.

Die SPD, sagt der Bürgermeister, mache häufig "Opposition um der Opposition willen". Er habe ihr oft genug Angebote zur Zusammenarbeit gemacht. Ja, er bedauere sogar ihren Niedergang, sagt er. Mit ihr streite er sich allemal lieber als mit der erstarkten NPD.

Was also kann die SPD tun, um in Sachsen wieder zu Fuß zu fassen? Ihr Regionalgeschäftsführer Klaus Hirschnitz zuckt die Schultern. Er arbeitet in der Wahlkampf-Zentrale der Landespartei in Dresden. Hirschnitz hat viele Landesparteichefs kommen und gehen sehen, viel Streit miterlebt. Er hat sich an das Underdog-Dasein seiner Partei gewöhnt. Er gibt als Wahlziel für die nahende Landtagswahl Ende August "15+x" aus.

Hirchnitz ist kein Wessi, kein abgehobener Intellektueller, wie man sie früher oft bei der sächsischen SPD antraf. Es gebe eben nur eine begrenzte Anzahl an politisch Interessierten und Aktiven in einer Gesellschaft, sagt er. Dass man nach der Wende vielen den Weg in die SPD versperrte, sei daher wohl ein Fehler gewesen.

Klaus Hirschnitz (SPD) im Interview

Um ihn herum wuselt eine Horde von Jusos, alle wirken fröhlich und engagiert. Einer sagt: Man sei hier inzwischen der größte Jugendverband in Dresden und die jüngste Landespartei überhaupt. Leider kann er das nicht belegen. Gleichwohl: Hoffnung und Optimismus schaden der sächsischen SPD bestimmt nicht.

Quelle: ZEIT ONLINE

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