Wahlkampf : Steinmeiers Team ist betont weiblich

SPD-Kanzlerkandidat Steinmeier versucht, mit vielen Frauen im Team die Wende zu schaffen.

Hans Monath[Potsdam]

Es ist ein Bild, das Harmonie und Zuversicht zeigen soll: Vorn strahlen neun Männer und zehn Frauen um die Wette, hinter ihnen glitzert der Templiner See in der Mittagssonne hinter dem sanft sich wiegendem Schilf. Es ist fünf nach zwölf am Donnerstag auf der Insel Hermannswerder in Potsdam. Unter alten Laubbäumen präsentiert SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier sein Team für den Wahlkampf: Die Frauen und Männer, mit denen er Deutschland regieren will nach dem 27. September.

Vor dem Pulk der Kameraleute und Fotografen haben die Köpfe, die den SPD- Wahlkampf im Jahr 2009 prägen sollen, den weißhaarigen Steinmeier in ihre Mitte genommen. Es wird viel gelacht. „Jetzt rätseln die erst mal, who ist who“, meint SPD-Generalsekretär Hubertus Heil und zeigt auf die Journalisten, von denen viele zu diesem Zeitpunkt die Namen und Gesichter von Harald Christ, Udo Folgart oder Dagmar Freitag tatsächlich noch nicht kennen. Dann marschiert die Gruppe zurück ins Inselhotel und berät weiter über Inhalte und Strategien.

Das Seeidyll und die Demonstration der Siegeszuversicht stehen in scharfem Kontrast zu Lage der SPD wenige Wochen vor dem 27. September: Sowohl die Umfragewerte der Partei wie die des Kandidaten verharren auf niedrigem Niveau. Und ausgerechnet die Woche, in der die Präsentation von Steinmeiers Team Schwung in den Wahlkampf bringen soll, wird von der Affäre um den Dienstwagen der Gesundheitsministerin Ulla Schmidt überlagert. Weshalb Steinmeier am Templiner See ein Gruppenbild mit vielen Frauen, aber ohne Schmidt präsentiert: Der Platz für Gesundheitspolitik in seinem Team bleibt unbesetzt, solange der Rechnungshof Schmidts Dienstwagengebrauch während ihrer Ferien in Spanien nicht geklärt hat.

„Ich will als Kanzler in den nächsten Jahren bei der Gleichstellung einen deutlichen Schritt vorankommen“, sagt der Kandidat, als er zwei Stunden später an der gleichen Uferstelle gemeinsam mit SPD- Chef Franz Müntefering vor die Presse tritt. Sein Anspruch lautet: „Wir haben die besseren Köpfe und die besseren Ideen.“ Wenngleich das Kopfrechnen offenbar an diesem Nachmittag nicht Steinmeiers Stärke ist: Er habe „gleich viele Frauen und Männer“ im Team, behauptet er. Dabei sind es zehn Frauen, der Kandidat und acht männliche Mitstreiter.

Die jüngste von Steinmeiers Schattenministerinnen ist blond, kommt aus dem Osten und heißt Manuela Schwesig. Die 35-jährige Landesministerin aus Kiel soll der populären Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU)Konkurrenz machen und ist zumindest nach medialen Kriterien jetzt schon so etwas wie der Star der Truppe. Sie sei „ein großes politisches Talent“, bescheinigt ihr der Kandidat während seiner Pressekonferenz: „Ich habe keine Minute überlegt, ob sie die richtige für diese Aufgabe ist.“

Während die Berufungen von Schwesig und die der SPD-Vizechefin Andrea Nahles (Bildung und Integration) schon durchgesickert waren, kann Steinmeier tatsächlich einige Neue präsentieren – prominent oder von bundespolitischem Gewicht sind sie freilich kaum. Neben dem Berliner Investor und Millionär Harald Christ (Mittelstand) sollen Karin Evers- Meyer, die derzeitige Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, der Brandenburger Landtagsabgeordnete und Agrarexperte Udo Folgart und die Vizepräsidentin des Deutschen Leichtathletikverbands, Dagmar Freitag (Sportpolitik), für den Kandidaten werben. Auch neben den SPD-Kabinettsmitgliedern, die allesamt vertreten sind, dominiert das sozialdemokratische Establishment. So soll SPD- Schatzmeisterin Barbara Hendricks die Verbraucherschutzpolitik vertreten und laut Steinmeier vor allem auf die Zuverlässigkeit von Finanzprodukten pochen. Manches Indiz spricht auch dafür, dass die Potsdamer Zusammenstellung nicht von langer Hand geplant war. So wurde etwa Folgart erst am Wochenende angesprochen, wie er verriet. 48 Stunden Bedenkzeit gab ihm Steinmeier, dann sagte er zu.

Mit dem Fall Ulla Schmidt wollten sich die SPD-Wahlkämpfer im Inselhotel nicht lange aufhalten. Sie behaupten auch, das Thema habe sie während ihrer Klausur nicht beschäftigt. Doch die Welt jenseits der Insel Hermannswerder richtet sich selten nach den Wünschen der Sozialdemokraten, sondern gehorcht eigenen Gesetzen. Als Umweltminister Sigmar Gabriel aus dem Hotel kommt und über den Parkplatz zu seinem Wagen läuft, heftet sich sofort ein Kamerateam an seine Fersen. Der Reporter fragt nach Ulla Schmidts Entscheidung. Sie habe angemessen reagiert, meint Gabriel. Die nächste Frage lautet: Und wie ist es mit Ihnen, nutzen Sie im Urlaub Ihren Dienstwagen? „Es ist schwierig, mit einem Dienstwagen nach Mallorca zu fliegen“, sagt der SPD-Politiker mit bitterer Ironie. Dann dreht er sich um und lässt den idyllischen Ort hinter sich.

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