Politik : Wahlkampfendspurt in Mexiko: Ein monatelanger Spuk, bei dem es nur Sieger gibt

Sigrun Rottmann

So einen Wahlkampf hat Mexiko noch nicht erlebt: Monatelang beschimpften sich die drei aussichtsreichsten Anwärter auf das Präsidentenamt als Vaterlandsverräter, Lügner und Betrüger, und jeder deklarierte sich vorab zum Sieger. Als sich Francisco Labastida, Vicente Fox und Cuauhtemoc Cardenas während der Abschluss-Kundgebungen zum letzten Mal öffentlich ihre Diffamierungen um die Ohren schlugen, atmete so mancher Mexikaner erleichtert auf. Vorbei der Spuk, wenn auch nur bis Sonntagabend.

Dann werden nach Bekanntgabe der ersten Wahlergebnisse die Verlierer zu neuen Verbalattacken gegen den Sieger ausholen. Als "natürliche Schmerzen bei der Geburt einer Demokratie" bezeichnet der Historiker Enrique Krauze die Exzesse der Politiker. Immerhin hätte das Erstarken der Opposition erstmals einen echten Wettkampf um die Macht ermöglicht. Jetzt durchlebe Mexiko endlich wieder "die gesündeste aller Unsicherheiten". Denn diesmal sei wirklich nicht vorauszusehen, wer die Wahl gewinnt.

Kann PRI-Kandidat Labastida es schaffen, die 71 Regierungsjahre der Partei um sechs weitere zu verlängern? Wird der konservative Oppositionskandidat Fox einen Sieg Labastidas anzweifeln und "Betrug" schreien, wenn dieser nur um wenige Prozentpunkte besser abschneidet als er selbst? Oder wird Fox als der Politiker in die Geschichte eingehen, der die knapp 100 Millionen Mexikaner vom "Fluch" der autoritären PRI befreit und der Demokratie endgültig zum Durchbruch verholfen hat? Alles scheint möglich, seit Fox in den Meinungsumfragen mal ein paar Punkte vor, mal ein paar Punkte hinter Labastida rangiert. Der Kandidat der christdemokratischen Partei der Nationalen Aktion (PAN) nutzte den schwachen Wahlkampf-Start der linksorientierten PRD, um sich als einziger Hoffnungsträger zu präsentieren. Wer die Staatspartei PRI satt hat, muss Fox wählen, lautet der Aufruf, dem sich auch linke Politiker angeschlossen haben.

Während sich Cardenas und Fox gegenseitig beschimpfen, sind sie sich in ihren Vorwürfen gegen Labastida einig. Sie stellen den ehemaligen Innenminister als Vertreter der alten PRI-Garde dar, die weder die Entzerrung von Staat und Partei noch den Kampf gegen die Korruption einleiten werde.

Die Oppositionsparteien geben zu, dass ein groß angelegter Wahlbetrug am Sonntag unwahrscheinlich ist. Zum ersten Mal wird die Stimmabgabe, zu der knapp 60 Millionen Mexikaner berechtigt sind, von einer regierungsunabhängigen Wahlbehörde organisiert. Zudem werden Hunderttausende Mitglieder aller Parteien sowie einheimische und internationale Beobachter den Wahlhelfern auf die Finger schauen.

Fox hat angekündigt, dass er im Falle eines knappen Sieges der PRI Einspruch wegen Betrugs erheben werde. Sollte Labastida tatsächlich gewinnen, verpasst die Partei nach Ansicht von Historiker Krauze eine Chance, sich selbst zu demokratisieren und ihre Rolle in der mexikanischen Politik neu zu definieren. "Nichts würde der PRI jetzt so gut tun wie eine Niederlage", sagt Krauze.

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