Wahlstreet : Wo Parteien an die Börse gehen

An der Internet-Börse Wahlstreet werden Partei-Aktien gehandelt. Das Ziel: eine Prognose über den Ausgang der Wahl.

Berlin (Der Tagesspiegel, 31.07.2005)- Am Montag machte die Linkspartei jedem Kapitalisten Freude. Das Bündnis aus Ex-PDS und WASG sorgte bei ein paar Börsenhändlern für Erlöse, wie sie nicht einmal die selige New Economy gesehen hatte. Das Meisterstück: Ein Medizinstudent aus Freiburg erzielte eine Rendite von über 80 Prozent.

Die Rede ist von der Internet-Börse Wahlstreet, die an jenem Tag auf den Online-Seiten von Tagesspiegel, Zeit, Handelblatt und Neuer Osnabrücker Zeitung gestartet wurde. Dort gehen keine Unternehmensanteile sondern Aktien der an der Bundestagswahl teilnehmenden Parteien über den virtuellen Ladentisch.

Ein Spiel macht Ernst

Was sich wie ein Spiel anhört, hat einen durchaus seriösen Hintergrund: Die Wahlstreet soll das Ergebnis der Bundestagswahl am 18. September vorhersagen, wenigstens so genau wie die Meinungsforschungsinstitute - vielleicht sogar ein wenig genauer.

Eine Börse als Prognose-Instrument. Die Idee geht zurück auf die 60 Jahre alte Theorie des österreichischen Ökonomen Friedrich von Hayek, wonach Preise Indikatoren für verteilte Informationen sind. Das bedeutet: Eine Börse kann die Mannigfaltigkeit individueller Meinungen, Ansichten und Interessen bündeln und sie in kollektive Erwartungen übersetzen - die Prognose.

Allerdings braucht man für eine aussagekräftige Vorhersage mehrere hundert Individuen. "Erst durch das Internet konnte Hayeks These ernsthaft in die Praxis umgesetzt werden", sagt Frank Simon, Geschäftsführer der Firma Ecce Terram, die für die Programmierung der Wahlstreet zuständig ist. Und ein weiterer Punkt ist entscheidend für die Qualität der Prognose: Jeder Teilnehmer soll möglichst egoistisch handeln. Darum muss jeder Wahlstreet-Händler zwischen 5 und 50 Euro Starkapital einsetzen. Nur so wird die Börse davor geschützt, zum Spielball politischer Interessen oder gar Manipulation zu werden.

Die übrigen Regeln der Wahlstreet sind einfach: Der Handel mit den Partei-Aktien läuft bis kurz vor 18 Uhr am Wahlabend. Dann wird der Markt geschlossen, und jeder Händler bekommt den Gegenwert seines Depots wieder ausbezahlt. Der Kniff dabei: Der Auszahlungskurs bemisst sich am tatsächlichen Wahlergebnis.

Vom Ego-Trip zur Prognose

Deshalb versucht jeder einzelne Händler, mit seinen Aktienkursen das von ihm vermutete Wahlergebnis zu treffen. Anders als bei Meinungsforschungsinstituten, sagt Simon, laute die Frage an der Wahlstreet eben nicht "Wen würdest du wählen?" sondern "Was glaubst du, wen die Wähler wählen". Wer also einer Partei 35 Prozent der Wählerstimmen zutraut, der wird Aktien jener Partei nur für unter 35 "Wahleuro" (die Währung an der Wahlstreet) kaufen, um spätere Verluste zu vermeiden.

Im Einzelnen sind alle Handelsaktivitäten an der Wahlstreet also ziemlich eigennützig. Jeder Händler orientiert sich an seinen persönlichen "verteilten Information", an seiner politischen Bildung, seiner Tageszeitung, seinen WG-Diskussionen. In der Masse aber entsteht daraus eine Wahlprognose. Bei vergangenen Wahlen war die Vorhersage der Wahlstreet manchmal besser als die der Meinungsforschungsinstitute, manchmal genauso schlecht. Freilich kann und will die Wahlstreet die Umfragen der Meinungsforschungsinstitute nicht ersetzen. Doch liefert sie, anders als die Ergebnisse der Wahlforscher, eine ständig abrufbare Live-Prognose.

Vor allem aber macht die Wahlstreet Spaß. Die eingesetzten Euro-Beträge sind nicht allzu hoch, die möglichen Verluste halten sich in Grenzen. Viele Teilnehmer nutzen die Wahlstreet für erste Gehversuche in der Welt der Broker. Mit Erfolg: Der eingangs erwähnte Medizinstudent konnte durch geschicktes Verschieben von Linkspartei-Aktien sein Startkapital fast verdoppeln. An einer "richtigen" Börse, sagt er, habe er aber noch nie gehandelt, doch habe er sich fest vorgenommen, "dort mal einzusteigen." (Von Markus Horeld)

Nützliche Wahlstreet-Links:

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