Wahlumfragen : Kampf um die Trefferquote

Welche Partei liegt vorn? Im Wahlkampf liefern die Demoskopen fast täglich neue Zahlen. Die sind nicht immer so eindeutig, wie sie erscheinen.

Jan Oberländer
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Nicht immer ins Schwarze. Eine Fehlerquote von plus/minus drei Prozent ist bei jeder Wahlumfrage vorausgesetzt. -Foto: Mauritius

Berlin - „Abgerechnet wird im Wahllokal, nicht beim Demoskopen,“ tönte der Landesverband Saar der Linkspartei kurz vor der Landtagswahl auf seiner Internetseite. Das am 20. August von Infratest dimap veröffentlichte Umfrageergebnis reihe sich ein „in eine ganze Liste von Umfragen, die mehr mit Meinungsmache als mit der Realität zu tun haben“. Bei 15 Prozent sahen die Demoskopen die Saar- Linke zehn Tage vor der Landtagswahl – nach Meinung der Partei war das viel zu wenig. Schließlich sei man bereits im Vorfeld der Bundestagswahlen 2005 deutlich unterbewertet worden.

Das amtliche Endergebnis im Saarland lag dann für die Linke tatsächlich höher, bei 21,3 Prozent. Infratest lag sechs Prozentpunkte daneben. Stimmt also der Vorwurf der Partei? Sind Meinungsforscher auch Meinungsmacher? Sind die Institute – neben Infratest gehören Allensbach, Emnid, Forsa oder die Forschungsgruppe Wahlen (FW) zu den Großen in Deutschland – Tendenzbetriebe?

Halb so wild, sagt Frank Brettschneider, Wahlforscher von der Uni Hohenheim. Die Ergebnisse stimmten schon. Aber: „Morgen und übermorgen kann alles schon wieder ganz anders sein. Das müsste man eigentlich gebetsmühlenartig wiederholen.“ Auch Dieter Roth, ehemaliger Vorstand der FW, mahnt, man dürfe solche Zeitpunktaufnahmen nicht als Wahlprognosen missverstehen.

Außerdem, kritisiert Brettschneider weiter, habe die Saar-Linke „Äpfel mit Birnen“ verglichen, nämlich deutschlandweite Umfrageergebnisse im Vorfeld einer Bundestagswahl mit landesweiten Ergebnissen vor der Landtagswahl. „Das ist großer Quark“, sagt der Wissenschaftler. „Und ein typischer manipulativer Umgang in der Interpretation von Umfragen. Man biegt sie sich zurecht – und gleichzeitig bezeichnet man die Demoskopen als unseriös.“

Tatsächlich stehen die Institute immer wieder in der Kritik. Besonders laut war diese nach der Bundestagswahl 2005. Dass die SPD es in die Regierung schaffen würde, hatte niemand vorausgesagt. Die Rede war von zwei Wahlverlierern: der CDU und den Demoskopen. Heute weisen jedoch nicht nur die Institute selbst, sondern auch akademische Wahlforscher darauf hin, dass die Umfragewerte in Bezug auf die Lager Rot-Grün und Schwarz- Gelb gar nicht so falsch waren.

Trotzdem steht die Demoskopie vor einer Herausforderung. „Die Wähler sind immer schwieriger einzuschätzen“, sagt Dieter Roth. „Früher waren die Leute politisch bestimmbar.“ Heute hätten rund 40 Prozent der Wähler „keinerlei Bindung“ mehr an eine Partei. Diese Gruppe entscheide manchmal erst am Wahltag, ob sie überhaupt wählen gehe. „Wie wollen Sie da eine präzise Prognose machen?“

Um solche Ungewissheiten aufzufangen, werden die Unentschiedenen in den Umfragen nicht nur nach ihrer Wahlabsicht, sondern auch nach sympathischen Politikern oder früherem Stimmverhalten gefragt – um auf diesem Umweg Rückschlüsse auf mögliches Wahlverhalten zu ziehen. Diese Methode wird auch offengelegt. Die FW etwa veröffentlicht bei ihrem „Politbarometer“ nicht nur aktuelle Stimmungswerte, die auf konkrete Antworten zurückgehen, sondern auch die „Projektion“, in der Zusatzfragen berücksichtigt werden.

Es gibt weitere Unschärfen. In Wahlumfragen seien die Rechte und die extreme Linke tabuisiert, erklärt Roth. Einige Befragte gäben schlicht nicht zu, dass sie etwa die NPD wählen. „Da kriegen wir nie echte und brauchbare Zahlen.“ Um trotzdem Aussagen machen zu können, gibt es Korrekturinstrumente (siehe Kasten). Denn das Geschäft mit den Wahlumfragen ist vor allem eins: Wahrscheinlichkeitsrechnung. „Stimmungen sind noch keine Stimmen“, sagt Roth. Bei der üblichen Anzahl von rund 1000 Befragten ist eine Fehlerquote von plus/minus drei Prozent vorausgesetzt. Ergibt eine Umfrage etwa ein Ergebnis von 40 Prozent für eine Partei, muss von einem tatsächlichen Ergebnis ausgegangen werden, das zwischen 37 und 43 Prozent liegt. Je mehr Menschen befragt werden, desto kleiner wird die Fehlerspanne.

An derartigen Einschränkungen seien die Medien, die Hauptauftraggeber der Institute, jedoch wenig interessiert, kritisiert Roth. „Die wollen nur eine Zahl haben.“ Alles andere würde schwammig wirken – und die Demoskopen in der öffentlichen Wahrnehmung „unglaubwürdig“ erscheinen lassen, meint Brettschneider. Auch Politiker im Wahlkampf arbeiteten lieber mit eindeutigen Werten.

Das Problem sei also weniger die Genauigkeit der Ergebnisse als ihre Interpretation, sagt Roth. „Manchmal müsste man zu einer Zahl noch einen Halbsatz reden können.“ Dafür sei aber meist kein Platz in der Zeitung, keine Zeit im Fernsehen. Roth fordert, viel öfter als bisher ein „demoskopisches Impressum“ zu veröffentlichen, das etwa über Methode, Anzahl der Befragten, Erhebungszeitraum und Fehlertoleranz Auskunft gibt.

Viele der so schwer vorherbestimmbaren Wahlberechtigten entscheiden sich kurzfristig. Um eine vermeintlich unfaire Beeinflussung dieser Bürger durch Umfrageergebnisse zu verhindern, haben ARD und ZDF sich eine freiwillige Selbstbeschränkung auferlegt und veröffentlichen eine Woche vor einer Wahl keine neuen Umfrageergebnisse mehr.

Unsinn, findet Brettschneider. Weder der „Bandwagon-Effekt“, demzufolge die Wähler ihr Kreuz bei der in Umfragen als am aussichtsreichsten geltenden Partei machen, noch der umgekehrte „Underdog-Effekt“, bei dem Wähler sich mit schwachen Parteien solidarisieren, konnten wissenschaftlich nachgewiesen werden. Brettschneider fordert daher seit Jahren, dass „rationales und taktisches“ Wählen ermöglicht werden sollen: „Es ist an der Zeit, dass die Selbstverpflichtung aufgegeben wird und dem Bürger all die Informationen zur Verfügung gestellt werden, die er zu seiner Wahlentscheidung heranziehen möchte.“

Am 27. September werden die Institute die Wähler wieder unmittelbar nach ihrer Stimmabgabe befragen. Bei diesen „Exit polls“ können keine Spontanentscheidungen oder Falschangaben das Ergebnis verfälschen – die Würfel sind ja bereits gefallen. Erst hier sprechen die Institute auch tatsächlich von „Prognosen“. Wenn um 18 Uhr die Wahllokale schließen, so sagte es kürzlich ARD-Moderator Jörg Schönenborn in einem Radiointerview, „sind wir ganz nahe dran“. Hinterher ist man eben immer schlauer.

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