Politik : Wahnsinn im Sozialstaat

Von Harald Martenstein

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Die Regierung möchte 15 000 Mitarbeiter der Telekom, der Post und der Postbank mit 55 Jahren in den vorzeitigen Ruhestand schicken. Diese Leute sind zum Beispiel Fernmeldetechniker, es gibt keine Verwendung mehr für sie. Sie wurden noch zu den Zeiten der Deutschen Bundespost eingestellt, sie sind Beamte, genauer gesagt: Postbeamte. Wegen des Beamtenrechts kann man sie weder entlassen noch anders einsetzen. Die Kanzlerin nennt die Angelegenheit „eilbedürftig“. Wenn die 15 000 Mitarbeiter erst einmal weg sind, wird die Bilanz der deutschen Telekom sich ein wenig erfreulicher lesen.

15 000 Leute, die gesund sind, relativ gut ausgebildet, relativ weit entfernt von der Altersgrenze. Eine deutsche Kleinstadt. Eine ganze deutsche Kleinstadt wird in die Frührente geschickt, während der Staat seinen finanziellen Verpflichtungen kaum noch nachkommen kann, während wir dringend produktive Steuerzahler brauchen, während die offizielle Rentengrenze auf 67 Jahre hinaufgeschoben wird. Wahnsinn. Der Wahnsinn des Beamtentums, von dem Deutschland sich leider nur schrittweise befreien kann.

Ich beneide diese 15 000 neuen Pensionäre nicht. Sie tun mir leid. Der Sozialstaat macht, in diesem Fall, nicht nur sich selber kaputt, sondern auch viele derjenigen, die scheinbar von ihm profitieren. Wer mit 55 eine passable Pension bekommt, wird den Rest des Lebens womöglich vertrödeln, diese Gefahr ist jedenfalls groß. Ich kenne Beispiele. Am Anfang hat man noch Zukunftspläne, dann siegt das Gesetz der Trägheit, die Tage gleiten dahin, man verwildert, vielleicht beginnt man zu trinken, vielleicht sieht man ununterbrochen fern. Dieser Art von Freiheit sind viele nicht gewachsen. Der Zwang, etwas zu tun, ist für viele heilsam, auch für mich. Wenn ich morgen meinen Beruf nicht mehr ausüben könnte, würde ich versuchen, etwas anderes zu machen, vielleicht in der Gastronomie. Vielleicht würde ich scheitern. Aber diese Gefahr des Scheiterns erscheint mir weniger schrecklich als die Aussicht auf eine unendliche Reihe freier, leerer, immer langsamerer Tage, passabel dotiert, ohne Verpflichtungen, ohne Hoffnungen, ohne Ängste, ausgesetzt den Versuchungen meiner eigenen Faulheit, eingesperrt in einem noch längst nicht alten Körper, der überqualifiziert ist für das, was das Leben von ihm verlangt, und der sehr wahrscheinlich rascher verfallen würde, als ich es mir vorzustellen wage. Pensionär mit 55. Sie schicken die 15 000 Postbeamten nicht ins Paradies, eher in die Hölle.

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