Politik : Wald ohne Halt

Nur noch gut ein Viertel der Bäume in Deutschland ist gesund – Umweltverbände mahnen eine Wende in der Verkehrspolitik an

Cordula Eubel

Berlin - Renate Künast setzt auf die Liebe der Deutschen zu ihrem Wald. „Ich hoffe, der Wald wird nicht nur als Ort zum Spazierengehen gesehen, sondern auch als Ort, der über unsere Luft zum Atmen entscheidet“, sagte die Landwirtschaftsministerin, als sie am Mittwoch den Waldschadensbericht für 2004 veröffentlichte. Sie habe eigentlich die Vorstellung, dass man auch in 20 Jahren noch durch einen Buchenwald spazieren könne, sagte Künast. Warum die Deutschen ihre Wälder so gern hätten, wurde die Grünen-Politikerin von einem Journalisten gefragt. Weil der Wald „etwas ganz Urtümliches“ habe, „aber auch Ruhe und Geborgenheit“.

Der Zustand des Waldes, beklagte die Ministerin, sei jedoch „alarmierend“ und habe sich erheblich verschlechtert: Laut Bericht ist nur noch gut ein Viertel der Bäume (28 Prozent) gesund. Knapp ein Drittel (31 Prozent) verliert deutlich Blätter und Nadeln, die Baumkronen sind nicht mehr intakt. So schlecht ging es den Bäumen in den letzten 20 Jahren nicht, seit Start der Datenerhebung im Jahr 1984. Stark betroffen sind Laubbäume, an erster Stelle die Buche. Aber auch der Eiche geht es schlechter als noch vor einem Jahr.

Laut Waldzustandsbericht ist für die schlechte Gesundheit der Bäume der lange, trockene Sommer des Jahres 2003 verantwortlich. Trockenstress sowie hohe Ozonwerte haben die Bäume belastet. Aber auch Luftverschmutzung, die Säure-Belastung der Böden sowie die Verschmutzung etwa mit Schwermetallen tun ein übriges. Die Erholung von der extremen Trockenheit werde viele Jahre dauern, „weil die Bäume an Vitalität eingebüßt haben“. Durch die Witterung haben sich außerdem in den vergangenen 18 Monaten die Borkenkäfer massenhaft vermehrt, die bei der Fichte großen Schaden angerichtet haben. Eichen wiederum hätten in einigen Regionen unter blattfressenden Raupen gelitten.

„Wir müssen alle Möglichkeiten ergreifen, um die Belastungen für die Waldökosysteme weiter zu verringern und die Stabilität der Wälder zu stärken“, sagte Künast. Die Maßnahmen, welche die Bundesregierung ergriffen habe, würden allerdings erst mittelfristig wirken. Als Beispiel nannte Künast Maßnahmen zum Klima- und Emissionsschutz, die Förderung von erneuerbaren Energien sowie die Einführung der Lkw-Maut, die ab 2005 auf deutschen Autobahnen erhoben wird. „Sechs Jahre sind für den Wald relativ wenig“, sagte Künast mit Blick auf die bisherige rot-grüne Regierungsbilanz. Eine Prognose, ob der Wald in den nächsten Jahren gesunden werde, mochte die Landwirtschaftsministerin nicht wagen. „Der Boden hat ein jahrzehntelanges Gedächtnis“, sagte Künast.

Die Ministerin appellierte an die Verbraucher, Energie zu sparen, beim Heizen ebenso wie beim Autofahren. Außerdem forderte sie die Bevölkerung auf, mehr heimische Hölzer zum Bauen und als Rohstoff zu verwenden. „Wer Holz nutzt, hilft dem Wald“, sagte Künast, die auf die großen Holzvorräte verwies. In Zusammenarbeit mit der Wirtschaft will die Bundesregierung in den nächsten zehn Jahren den Holzverbrauch um 20 Prozent steigern.

Die Umweltorganisationen Greenpeace, Naturschutzbund Deutschland (Nabu) sowie Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) forderten eine Wende in der Verkehrspolitik. Der Schadstoffausstoß müsse reduziert werden, zum Beispiel bei Neuwagen. Die Organisation Robin Wood setzte sich für eine „drastische“ Erhöhung der Lkw-Maut ein.

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