Politik : Wallraff war offenbar doch als IM der Stasi aktiv

Birthler-Behörde revidiert ihre Einschätzung der Geheimdienstkontakte des Schriftstellers / Neue Erkenntnisse aus Rosenholz-Dateien

Robert Ide/Jürgen Schreiber

Berlin. Nach neuesten Erkenntnissen der Stasi-Akten-Behörde war der Schriftsteller Günter Wallraff doch als „Inoffizieller Mitarbeiter“ (IM) der DDR-Staatssicherheit erfasst. Wie Behördenchefin Marianne Birthler am Mittwoch dem Tagesspiegel bestätigte, gebe es jetzt „ernst zu nehmende Hinweise“ darauf, dass der Autor für den Geheimdienst „aktiv tätig war“. Demnach sei Wallraff zwischen 1968 und 1971 als IM mit dem Decknamen „Wagner“ geführt worden. Neu gefundene Stasi-Akten, die dem Tagesspiegel vorliegen, legen nahe, dass Wallraff in dieser Zeit aktiv mit der Stasi zusammenarbeitete.

Die Behörde revidiert damit frühere Einschätzungen über Wallraffs Kontakte zur Hauptverwaltung Aufklärung (HVA), die für Spionage zuständig war. In nur für den Dienstgebrauch bestimmten Dossiers hatte die Abteilung X, zuständig für „aktive Maßnahmen, Desinformation“, über die Arbeit mit dem Autor berichtet; „Vorgangsführer“ war über die gesamte Zeit der HVA-Mitarbeiter Heinz Dornberger. Der Offizier arbeitete im Referat 3, das für „Schaffung und Steuerung von Einflussagenten“ zuständig war. Wallraff hatte bislang jede „wissentliche“ Zusammenarbeit mit der Stasi bestritten.

Birthler erklärte, nach einer „neuen Prüfung“ der Unterlagen unter Beiziehung der vom amerikanischen Geheimdienst CIA jüngst freigegebenen Rosenholz-Dateien ergebe sich nun eine „veränderte Lage“. Bisher hatte die Behörde bestritten, dass es ernsthafte Hinweise auf Wallraffs IM-Tätigkeit gebe, obwohl diese Haltung unter Mitarbeitern auf Unverständnis stieß. Der Durchbruch ist laut Birthler „erst vor zwei oder drei Tagen gelungen“. Zum Beispiel habe lange der so genannte Statistikbogen des MfS gefehlt; auch ein Auskunftsbericht der Stasi über Wallraff sei nun neu zu bewerten. In den Stasi-Dokumenten heißt es zu „IM Wagner“, er sei 1968 durch Mitarbeiter des MfS geworben worden. In der Rubrik „Zuverlässigkeit“ steht „vertrauenswürdig“.

Bei den jüngsten Recherchen in der Behörde zum Fall Wallraff sind auch zwei weitere Registrierungen in der elektronischen Datenbank Sira gefunden worden. In dieser Datenbank protokollierte die Stasi, welche Informationen sie von ihren Mitarbeitern bekam. Unter der Registriernummer XV/485/68, die nun Wallraff eindeutig zugeordnet werden kann, bekam die Stasi demnach im Jahr 1971 Informationen über „chemische Kampfstoffe“ sowie über „psychologische Kriegsführung“ in die Hand. Dieses Material wurde von der Hauptverwaltung Aufklärung so hoch eingeschätzt, dass es laut den Unterlagen an das Ministerium für Nationale Verteidigung und den sowjetischen Geheimdienst KGB weitergegeben wurde.

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